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Teilen Semmeln und Geheimnisse: Bibi Fellner und Inkasso Heinzi.

Tatort: "Her mit der Marie!"

Man versteht sich

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Schurken mit Teebeuteln: Beim sehr österreichischen Tatort "Her mit der Marie!" hat der Zuschauer sein Vergnügen.

Die Latte liegt hoch und die Herrschaften – nennt man sie nicht Strizzis? – können recht bequem darunter hindurchlaufen. Der neue Wiener ORF-Tatort „Her mit der Marie!“ beginnt mit einem kleinen filmischen Spektakel, dann wird es häuslich, allerdings im Rotlichtmilieu, und es wird auch etwas übersichtlich aus kriminalistischer Warte. Gleichwohl hat man sein Vergnügen dabei, denn wie immer zeigen die Österreicher keine Hemmungen, sie selbst zu sein und sich zugleich darüber lustig zu machen. Auch hat die Naivität der bösen Buben eine sentimentale Seite. Dachten sie denn wirklich, das klappt?

Liegt im Wildwestfilm ein totes Rind am Wegesrand, so ist es hier ein überfahrener Fuchs, und schon wird er noch einmal überfahren, denn zwei Halunken rasen im Retrofahrzeug vorbei. Überraschenderweise werden sie in der für österreichische Verhältnisse flunderflachen Einsamkeit überfallen, das Drehbuch von Stefan Hafner und Thomas Weingartner sieht aber vor, dass man nicht genau mitbekommt, was passiert. Jedenfalls ist das Geld weg – hier sagen sie: die Marie, vielleicht vom Maria-Theresien-Taler her –, das die beiden Halunken im Kofferraum hatten. Einer ist tot, einer lebt. 

Das ist Pico Bello (!), von Christopher Schärf als angesichts seines beruflichen Umfelds merkwürdig argloses, etwas altmodisch aussehendes Bübchen präsentiert. Seine Chefs sind keine Chorknaben (er schon eher), und als eine Leiche gefunden und die Polizei eingeschaltet wird, braucht sie einige Zeit, um überhaupt auf die Spur zu kommen, während die Zuschauer schon sehen, wie heikel sich alles weiterentwickelt. 

Die Polizei ist nicht nur wegen des Drehbuchs im Nachteil, sondern auch, weil in ihren Reihen ebenfalls ein argloses, geradezu belämmertes Bürschlein tätig ist, Thomas Stipsits als Manfred. Moritz Eisner und Bibi Fellner, Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser, müssen ihm immer genau sagen, was er machen soll. Eisner ist dann schneller gereizt als Bibi Fellner, „Lass den Bua“ – „Der ist auch vierzig“ – „Was, du bist schon vierzig?“, na ja, 38. So gibt ein Wort das andere, aber das ist noch nicht alles. 

Fatalere Auswirkungen hat, dass allen Ernstes der Inkasso Heinzi, Simon Schwarz, in den Fall verwickelt ist und Bibi Fellner mehr Diskretion walten lässt, als die Polizei erlaubt. Es geht um Mord, auch handelt es sich um gefährliche Leute, selbst wenn man sie jetzt beim Grillfest sieht, angeführt vom behaglich brutalen Erwin Steinhauer als Dokta (von Doktor), der seinen Teebeutel nur ganz leicht nervös rotieren lässt. Gerade die Teetrinker sind im Krimi bekanntlich mit allen Wassern gewaschen. Zum Verhör – „jetzt wird’s kritisch“, sagt der Dokta unnachahmlich schlapp zu seiner Lebensabschnittsgefährtin – lässt er sich noch einen Imbiss mitgeben. In dieser schönen, von Regisseurin Barbara Eder auch mit einigem Genuss inszenierten Szene, zeigt sich eine helle Freude am Halbseidenen und doch Spießbürgerlichen und auch daran, dass sich im Österreichischen alle irgendwie verständigen können. Man kann sich eh nicht leiden, aber man weiß immerhin meistens, woran man ist. 

Das ist im übrigen auch Bibi Fellners Problem mit Inkasso Heinzi. Sie weiß, dass er kein wirklich schlechter Mensch ist. Auch interessant: Als Moritz merkt, dass Bibi ihm etwas verheimlicht, staucht er zuerst den Heinzi zusammen. Den Österreichern ist nicht beizukommen, selbst wenn sie flau sind. Merken wollen wir uns das Wort „aufpudeln“, das sich von selbst versteht, aber zu wenig geläufig ist.

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