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„Inventing Anna“ auf Netflix – Verschenktes Potenzial

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Von: Sonja Thomaser

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„Inventing Anna“ auf Netflix: Die Geschichte der Hochstaplerin Anna Delvey.
„Inventing Anna“ auf Netflix: Die Geschichte der Hochstaplerin Anna Delvey. © Nicole Rivelli/Netflix

Die Netflix-Serie „Inventing Anna“ setzt Akzente an der falschen Stelle und verwässert ein spannendes Verbrechen. Die Serienkolumne „Nächste Folge“.

Die Netflix-Serie „Inventing Anna“ will eine spannende und wahre Geschichte erzählen: Wie eine junge Frau in den Zwanzigern es geschafft hat, sich ihren Weg durch die High Society von Manhattan zu bahnen und als falsche Erbin Anna Delvey die New Yorker Elite um Hunderttausende von Dollar zu betrügen. Aber die Serie weiß trotz des faszinierenden Grundlagenmaterials nicht wohin und vor allem: wie.

„Inventing Anna“ auf Netflix: Anna Delvey betrog die New Yorker High Society

„Inventing Anna“ basiert auf einem Artikel des New York Magazine aus dem Jahr 2018 über Anna Delvey, die eigentlich Anna Sorokin heißt. Sie wurde in Russland geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie betrog in New York zwischen 2013 und 2017 Banken, Hotels und Bekannte, indem sie sich als reiche Erbin ausgab, die nur auf die Auszahlung ihres Treuhandfonds wartete. Sie wurde wegen schweren Diebstahls und der Erschleichung von Dienstleistungen verurteilt, 2017 angeklagt und von 2019 bis 2021 inhaftiert.

Die Netflix-Erzählung beginnt mit der Manhattan Magazine-Journalistin Vivian Kent – die lose auf Jessica Pressler basiert, der Frau, die die Delvey-Geschichte von 2018 schrieb. Vivian Kent recherchiert über Delvey und interviewt sie im Gefängnis, um das Puzzle zusammenzusetzen, wer diese Frau ist. Dennoch lässt die Serie die Zuschauer:innen bei der Annäherung an die Figur Anna Delvey irgendwie hängen.

„Inventing Anna“ auf Netflix: Porträt von Anna zu überzeichnet

Eigentlich hat man das Gefühl, man solle auf Annas Seite sein, wie Vivian, deren Reise auf der Suche nach der „wahren“ Anna wir schließlich folgen. Ist es stark, wie diese Mittzwanzigerin diesen reichen Männern in New York das Geld aus der Tasche zieht? Das funktioniert aber nicht. Anna ist viel zu unsympathisch und arrogant, wie ein verzogenes Kind ist sie davon überzeugt, ihr stehe dieses luxuriöse Leben zu.

Dass Vivian und eine weitere Bekannte Annas trotz allem später bei der Gerichtsverhandlung für sie kämpfen, ist nicht nachvollziehbar – schlicht und einfach, weil die Serie keinen Grund liefert, auf Annas Seite zu sein. Am Ende muss man trotzdem dabei zusehen, wie gleich drei Menschen sich fast zerreißen, um der bockigen Anna ein schickes Outfit für ihre Gerichtsverhandlung zu besorgen. Die Motivation der Figuren bleibt die Serie schuldig.

„Inventing Anna“ hätte besser an der interessanten Wahrheit festhalten sollen

„Inventing Anna“ fühlt sich unorganisiert an, da eine verwirrende Menge an Bildschirmzeit für Vivians Karriereprobleme, ihre Schwangerschaft und ihre Beziehung zu ihrem Ehemann Jack aufgewendet wird. Diese Zeit hätte man besser in Anna Delvey investiert, in ihr Handeln und ihren Betrug, bei dem weitaus mehr und auch anderes passierte, als es in der Serie gezeigt wird.

Weitere Infos

„Inventing Anna“, eine Staffel, auf Netflix.

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick. Mehr auf fr.de/naechste-folge

Jede Episode beginnt mit dem Hinweis: „Diese Geschichte ist vollkommen wahr. Abgesehen von den Teilen, die komplett erfunden sind.“ Das, was gewiss augenzwinkernd gemeint ist, sagt aber etwas über „Inventing Anna“ insgesamt aus: Diese Serie hätte besser an der interessanten Wahrheit festhalten sollen, anstatt sie mit fiktiven Ausschmückungen zu belasten. Das Endergebnis fühlt sich an wie verschenktes Potenzial.

Netflix-Darstellung von Anna Delvey ist ein halbherziger Versuch, sie greifbarer zu machen

Die Serienfigur Anna ist trotz des Versuchs, sich „menschlich“ anzunähern, am Schluss weiterhin eine Fremde. Die echte Anna Delvey ist tatsächlich ein Mysterium – und die Serie hätte die Figur genauso rätselhaft halten sollen. Die Netflix-Darstellung aber ist ein halbherziger, oberflächlicher Versuch, sie uns greifbarer zu machen.

Wie Anna Delvey selbst bietet die Serie „Inventing Anna“ viel Blitzlicht und wenig Substanz. Was bei dem spannenden Fall, auf dem sie beruht, einfach nur schade ist. (Sonja Thomaser)

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