Frank (Devid Striesow) und Tanja (Nadja Uhl) in "So glücklich war ich noch nie".
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Frank (Devid Striesow) und Tanja (Nadja Uhl) in "So glücklich war ich noch nie".

"So glücklich war ich noch nie"

Verlust der Mitte

  • Daniel Kothenschulte
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Das hervorragende Drehbuch lässt die moralisch enthemmte Hauptfigur immer wieder auf pharisäerhafte Moralisten treffen: Alexander Adolphs liebenswürdiger Film "So glücklich war ich noch nie". Von Daniel Kothenschulte mit Video

Früher, als es noch kein halbes Dutzend üppig ausgestatteter Filmschulen in Deutschland gab, nutzte man andere Bildungswege. Billy Wilder zum Beispiel studierte die menschliche Existenz als Eintänzer in Berlin - und bewahrte sich ein Leben lang Sympathien für den Erfindungsgeist der Zukurzgekommenen.

Seine Filme erzählten stets von jener elementarsten Qualifikation der Wirtschaftswelt, die darin besteht, sich in allen Lebensbereichen prostituieren zu können. Wie ja auch Thomas Mann die Essenz der kapitalistischen Ethik mehr noch als in seine Buddenbrooks in den Hochstapler Felix Krull gelegt hat. Noch heute sind die angesehensten kriminellen Begabungen die des Hochstapelns und Fälschens.

Kein Schauspieler kann diese Talente liebenswürdiger verkörpern als Devid Striesow. Sein tragischer Ehrgeiz als bankrotter Matratzenhändler in "Lichter", sein ausgebufftes Pokerface in "Yella" finden zusammen im Trickbetrüger Frank Knöpfel in dieser hinreißenden Tragikomödie mit dem schönen Titel "So glücklich war ich noch nie".

"So glücklich war ich noch nie", Trailer

Deutschland 2008

Als der verurteilte Trickbetrüger Knöpfel aus der Haft entlassen wird und bei seinem Bruder, einem aufopferungsvollen Gutmenschen, unterkommt, sucht er zunächst hingebungsvoll den Pfad der Tugend. Als Reinigungskraft legt er einen imponierenden Überschuss an Liebesmüh in die profane Tätigkeit. Doch Bewährung ist die eine Sache, Berufung eine andere.

Frank Knöpfel ist zum Hochstapler berufen, weil er jenes tragische Talent besitzt, sich in genau denjenigen Charakter zu versetzen, den sich sein Gegenüber gerade wünscht. Wenn es ihm also spielerisch gelingt, eine erfundene Anlage oder eine fremde Wohnung zu verkaufen, dann deswegen, weil er selbst diesen Erfolg zu verkörpern scheint. Nicht den unerreichbaren, sondern den alltäglichen. Den, den man auch ohne Arbeit haben kann; also exakt jenes Trugbild, das die Finanzwelt gerade in die schlimmsten Abgründe lockte.

Wie die meisten Regietalente des jungen deutschen Kinos kommt Alexander Adolph vom Dokumentarfilm. In "Die Hochstapler" porträtierte er vier Kriminelle, die sich selbst mindestens so sehr in die Taschen logen wie ihren Opfern. In den Spielfilm übertragen wirkt dieser Verlust an charakterlicher Mitte wie ein Exkurs über die Schauspielerei. Gerade wer sich in die entlegensten Rollen eindenken kann, erkennt sich oft selbst nicht mehr.

Das hervorragend geschriebene, satirische Drehbuch lässt die moralisch enthemmte Hauptfigur immer wieder auf pharisäerhafte Moralisten treffen: Neben dem Bruder sind das dessen Chef, ein Parteifunktionär sowie ein Anwalt für Menschenrechte. Es wäre leicht gewesen, diesen potenziellen Opfern mit Schadenfreude zu begegnen, doch dafür sind diese Nebenrollen viel zu plastisch gearbeitet. Dieser Reichtum in den Nebenfiguren macht den Film in positivem Sinne altmodisch - als wär's ein Stück von Zuckmayer. Zugleich wertet der Spielfilmdebütant seinen Text jedoch auf mit einem messerscharfen Blick auf das liberale Berlin von 2008. Selbst eine so überspitzte Szene wie jene, in der sich Knöpfel als Putzmann in den Vogelbauer des Menschenrechtlers begeben muss, wirkt lebendig und ungezwungen.

Es ist schon verwegen, wie dieser Film dann auch noch mit einem uralten romantischen Klischee durchkommen kann: der Held verliebt sich in eine Prostituierte und will sie "da rausholen". Erst wenn der tragische Held in seiner Geliebten einen weiteren Menschen trifft, der es schon von Berufs wegen jedem recht machen muss, findet er sein Gegenstück. Für einen so liebenswerten Film dagegen ein Pendant zu finden, ist nicht so einfach. Ein Versuch wäre dieser: Wenn Christian Petzold mit dem Rüstzeug dokumentarischer Analyse gerade den film noir wiederbelebt hat, dann gelingt Alexander Adolph etwas Ähnliches für die Komödie.

So glücklich war ich noch nie, Regie: Alexander Adolph. Deutschland 2008, 94 Minuten.

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