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Wenn das Herz nur richtig tickt.

„Jack und das Kuckucksuhrherz“

Verlieb dich bloß nicht!

Der schrill-schöne Animationsfilm „Jack und das Kuckucksuhrherz“ erzählt von einem Jungen mit einem mechanischen Herzen.

Von Cornelia Geissler

Es ist vielleicht der kälteste Tag aller Zeiten. Alles ist weiß, alles voll Eis. Eine Schwangere schleppt sich in ein Haus fern der Stadt auf einem Berg. Ihr Baby kann nicht leben, denn sein Herz ist gefroren. Die Hebamme rettet den Jungen. Sie setzt ihm ein mechanisches Herz ein, eine Uhr eigentlich, ja, eine Kuckucksuhr. Mathias Malzieu schildert das in seinem Roman „Die Mechanik des Herzens“, 2007 im französischen Original erschienen, so, dass man alles vor sich sieht: „Doktor Madeleine schneidet mir mit einer großen Zackenschere den Oberkörper auf. Die winzigen Zähne kitzeln ein wenig. Sie schiebt mir vorsichtig die Kuckucksuhr in den Brustkasten und beginnt damit, meine Schlagadern an das stillstehende Uhrwerk anzuschließen.“ Und das soll im Film sichtbar sein? Ja, und wie! Gemeinsam mit Stéphane Berla hat sich Mathias Malzieu den Traum erfüllt, seinen Märchenroman zum Leben zu erwecken. Und damit die Bilder wirklich tanzen können, hat er mit seiner Band Dionysos gleich noch die Musik dazu erdacht.

Jacks Mutter flieht des Nachts. Der Junge wächst auf in dem wunderlichen Haus der fantastischen Hebamme, die Krankheiten wie ein Handwerker heilt. So montiert sie einem Mann mit Rückenschmerzen ein Xylofon ins Kreuz, schlägt die Plättchen, und er kann wieder gehen. Die Vögel und Katzen hören auf Madeleines Kommando. Die Menschen tragen große Köpfe mit sprechenden Augen auf ihren schmalen Schultern. Kichernde Mädchen machen den Jungen neugierig auf die Welt da draußen.

Die ist gefährlich, Jack muss drei Regeln beherzigen: Niemals an den Zeigern drehen, niemals in Rage geraten und sich niemals zu verlieben. Schon beim ersten Gang in die Stadt – der Junge ist kein Kind mehr – trifft er auf ein Mädchen, das ihn mit seiner Musik aus einem Leierkasten und seinem Gesang anzieht. Sie tanzen, bald schwebt der ganze Platz, die Größen verändern sich, die Farben wechseln; die Musik wird schneller, bis Jack am Boden liegt. Nur weil Madeleine in der Nähe ist, lässt sich das Uhrwerk richten.

Wenn Köpfe verdreht werden

„Jack und das Kuckucksuhrherz“ erzählt in kopfverdrehend fantastischen Bildern von der Liebe. Die Freaks von Tim Burton treten hier in die maschinenverrückte Steampunk-Welt von Jules Verne; Popmusik nimmt den Chanson geschmeidig in sich auf; computergenerierte Figuren bewegen sich im Raum. Gruselig dunkel sind manche Momente, sommertaghell andere. Große Schönheit trifft in diesem eigenwilligen Film auf absurde Hässlichkeit. Tricks in schnellen Bildern werden von träumerischen Szenen abgelöst.

Das Ticktack-Tickeditack bestimmt Jacks Leben. Einmal hat Madeleine, die Wunderheilerin, die gesammelte Tränen als Anästhetikum nutzt, Jack vor dem Herz-Infarkt gerettet. Doch wie soll sie seine Kuckucksuhr dauerhaft schützen? Acacia, die Sängerin, hat sich längst neben dem Vogel eingenistet. Als Mann wird er sich auf die Suche nach ihr begeben – wie durch einen Bilderbogen reist er quer durch Europa, bis er sie auf einem Rummel bei Sevilla findet. Hier trifft Jack auch den Kinopionier Georges Méliès.

Das passt, denn dieser Film feiert das eigene Medium, die heutigen technischen Möglichkeiten genauso wie die frühe Illusion der ersten bewegten Bilder. Und wie es sich für ein romantisches Märchen gehört, muss die Liebe siegen.

Jack und das Kuckucksuhrherz. Frankr. 2013. Regie: Mathias Malzieu, Stéphane Berla. Animationsfilm, 93 Minuten.

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