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Wissenschaftler verfolgen Lösungen für innovative Antriebs- und Fahrzeugkonzepte, untersuchen deren individuelle und soziale Akzeptanz und fördern damit den Einstieg in eine postfossile Mobilitätskultur.

Schwerpunktthema „Verkehr hoch drei“, ZDF

Bewährte Konzepte und neue Technik für die Zukunft

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Mit Beiträgen in drei eingeführten Reportage- und Informationsreihen widmet sich das ZDF an diesem Wochenende der Krise unserer Verkehrssysteme.

Kreuzungsfrei und ungestört vom Autoverkehr geht es auf Fahrrädern über Schnellwege durch die Stadt. Überführungen und Brücken machen es möglich. An Abstellgelegenheiten hat es keinen Mangel. Lieferfahrten werden mit dem Lastenrad erledigt. Die Utopie der idealen Fahrradstadt? In den Niederlanden ist sie Realität. Utrecht und insbesondere der Nachbarort Houten sind mehr noch als das einschlägig bekannte Amsterdam wegweisend, was die Umstellung vom Auto- auf den Zweiradverkehr anbelangt. Sehr schön ein Detail am Rande: das Verkehrsschild „auto de gast“ ‒ das Auto ist nur noch geduldeter Gast in der Fahrradstadt Houten. Keineswegs ein idealisiertes Musterprojekt. Houten wurde schon in der Planungsphase vor gut fünfzig Jahren auf Fußgänger und Zweiräder ausgerichtet. Und es funktioniert.

Problemzone Straße

Ein anderes Bild. Autoschlangen, Stillstand, blockierte Busspuren und Radwege. Wer offenen Auges durch Berlin und andere Städte geht, findet schnell weitere Belege für solche Autofahreregozentrik: Parken an Einmündungen, sodass gefährliche Situationen für Abbieger geschaffen werden, verstellte Wege für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen, Behinderungen für Notfallfahrzeuge, Vollgasfahrten durch verengte Straßen, auch wenn die Straßenverkehrsordnung dem Gegenverkehr Vorrang einräumt. Stadtplaner und Mobilitätsforscher, von den Filmautoren befragt, schütteln den Kopf angesichts dieser hartnäckigen Gestrigkeit.

Unter der Überschrift „Verkehr hoch drei“ widmet sich das ZDF an diesem Wochenende in drei Sendungen der scheints ausweglosen Situation auf deutschen Straßen. Mit zeitkritischen, intervenierenden Programmbeiträgen wie diesen kann das klassische Fernsehen und namentlich das öffentlich-rechtliche zeigen, wo es internationalen Abonnementanbietern noch immer weit voraus ist. Im Falle des Gelingens, versteht sich, und der ist hier gegeben.

Den Anfang macht am Samstag in der Reihe „plan b“ um 17:35 Uhr der Beitrag „Verkehr ohne Chaos – Wo es auf den Straßen läuft“. Für ihre dreißigminütige Reportage hat Autorin Insa Onken Belege gesammelt, dass der motorisierte Individualverkehr nicht das Maß aller Dinge sein muss und auch, dass beherzte Maßnahmen im Ergebnis überzeugen und deshalb von der Bürgerschaft auch gerne angenommen werden. Im niederländischen Houten beispielsweise wundern sich die Kinder, dass andernorts die Menschen einzeln im Auto zur Arbeit fahren. Und dabei im stockenden Verkehr viel Zeit verlieren.

Das Umdenken zahlt sich aus

Auch im französischen Dünkirchen hat man radikal umgesteuert. Anfangs war der öffentliche Nahverkehr nur am Wochenende kostenlos, inzwischen täglich. Neue Buslinien wurden eingerichtet, zusätzliche Anbindungen und Haltestellen geschaffen, der Zehn-Minuten-Takt eingeführt. Mit überzeugendem Ergebnis: 55 Prozent mehr Fahrgäste unter der Woche, am Wochenende eine Steigerung um 120 Prozent. Und die in solchen Fällen häufig aufkommende Sorge, der Einzelhandel würde leiden, wenn man das Auto aussperrt, wurde widerlegt: Die Zahl der Kunden in den Geschäftsbereichen stieg wieder an. Weil sie die Parkgebühren sparen und nicht länger Zeit auf die Suche nach einem freien Stellplatz vergeuden müssen. Auch in anderen Bereichen des Verkehrs gibt es praktikable Lösungen, eine sinnvolle Steuerung von Frachtfahrten im Speditionsbereich zum Beispiel oder für den Berufsverkehr.

Kylie van Dam lernt Utrecht mit Fahrradlehrer Frans Lueb neu kennen.

Mit einer Analyse der Berliner Verkehrssituation beginnt am Sonntag Autor Julian Prahl seine Reportage „Auto adé! Wie es auch ohne geht“ aus der Reihe „planet e.“. Hier finden sich Ideen zur Verbesserung vor allem des innerstädtischen Verkehrs, die ein wenig in die Zukunft weisen, auch wenn sie hie und da schon realisiert sind. Zum Beispiel das Berliner Shuttle-Konzept „Allygator“, das Kleinbusse per Computersteuerung zu den Fahrgästen schickt und die Routen so berechnet, dass kaum Umwege gefahren werden und die Kunden mindestens so schnell an ihr Ziel gelangen, als würden sie den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

Nicht fehlen dürfen selbstfahrende Fahrzeuge wie der Kleinbus „Emily“ oder ein Lastenrad, das sich per Smartphone herbeirufen und auch wieder wegschicken lässt. Gesteuert werden diese Vehikel per GPS. An der Stelle hätte man sich eine eingehendere Problematisierung gewünscht. Denn die Erfahrung mit Navigationsgeräten zeigt, dass die nicht immer auf dem neuesten Stand sind. Ein Rohrbruch auf einer Ausfallstraße, eine kurzfristige Sperrung wegen der daraufhin nötigen Reparatur – das GPS weiß nichts davon. Der menschliche Fahrer kann reagieren. Was tut die sich selbst überlassene Elektronik in einer solchen Situation?

Die psychologische Seite

Ein anderer Aspekt hätte noch Berücksichtigung verdient. Die Diskussionen um die Zukunft des Autoverkehrs verlaufen, ein Blick in einschlägige Foren zeigt es sehr schnell, oftmals hitzig und zuweilen sogar diffamierend. Affektiv, auch irrational. Nicht nur Verkehrsmittel und Technik, auch die Einstellung der Betroffenen muss verändert werden, wenn Fortschritte erzielt werden sollen. Es bedarf also auch einmal einer Analyse der psychologischen Problematik, nicht nur eines Blickes auf funktionierende Konzepte, sondern auch einer Erörterung der Frage, wie sie etabliert wurden und warum sie von den Bürgern angenommen werden. Und: Wie groß ist die Bereitschaft, sich auf neue Technologien einzulassen?

Ergänzt wird der Themenschwerpunkt am Sonntag um 18:00 Uhr in der Reihe „ZDF-Reportage“ durch den Beitrag „Deutschland pendelt: Der tägliche Stress auf dem Weg zur Arbeit“

Der ZDF-Schwerpunkt „Verkehr hoch drei“: „plan b“, Samstag, 13. April 2019, 17.35 Uhr, „planet e.“, Sonntag, 14. April, 16.30 Uhr, „ZDF-reportage“, Sonntag, 14. April, 18.00 Uhr

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