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Pasolini mit Werkzeug.

TV-Kritik Pasolini Roma

Verkannter Visionär

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Arte zeigt eine dichte Dokumentation über den italienischen Autor, Regisseur und Außenseiter Pier Paolo Pasolini. Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt.

Es ist bis heute nicht gesichert, von wem und warum er wirklich ermordet wurde. Kurze Zeit nach seinem schrecklichen Ende an einer desolaten Ecke des Strandes von Ostia wurde darüber spekuliert, er sei den Verlockungen eines Strichjungen erlegen – das passte in die gesellschaftliche Ächtung der Homosexualität, und bald wurde ja auch ein geständiger junger Mann aus der Szene verurteilt. Aber der widerrief später, und mehr als 20 Jahre nach dem Mord an Pier Paolo Pasolini 1975 forderten Künstler und Politiker Italiens, die Untersuchungen zum Tode des großen Dichters und Regisseurs neu aufzurollen. Bislang ohne nennenswertes Ergebnis.

Auch Alain Bergala hat in seiner Dokumentation „Pasolini Passion Roma“, die Arte heute Abend unter dem deutschen Titel „Pasolini Roma“ zeigt, nichts Neues zu bieten. Aber dafür ein ungemein dichtes, komplexes und empathisches Porträt eines Mannes, der wie wenige Intellektuelle seines Landes ein Leben im ständigen Widerstand, in der permanenten Auseinandersetzung mit dem Common Sense führte. Einer, der nicht bloß die Repräsentanten der Gesellschaft kritisierte, sondern auch den Kulturverlust eines ganzen Volkes, der als verkannter Visionär schilderte, was später als die „Berlusconisierung“ Italiens beschrieben wurde: „Die Macht der Konsumgesellschaft ist es, die Italien zerstört“, formuliert er Mitte der siebziger Jahre in einem windzerzausten Gespräch am Strand, darin liege der neue, der wahre Faschismus der Gegenwart. Er sah etwa im Fernsehen „das wichtigste Moment der Gleichmacherei“.

Zwischen Mafia und Berlusconi

Dass sich sein Land eine Generation später in einer Farce zwischen Mafia und Berlusconi wiederfand, das vermochte nicht einmal Pasolini zu ahnen. Aber seine tiefe Kenntnis der Mentalität seiner Landsleute, verbunden mit einem scharfen Intellekt und intensiver Erforschung der Lebensverhältnisse, und auch seine Behauptung, er kenne die wahren Täter der Attentate von Bologna und Brescia, ließen ihn den Mächtigen im Staate allemal gefährlich erscheinen. In einem Land, in dem Staatsanwälte und Polizisten ermordet werden, wenn sie der Mafia zu nahe treten, scheint es nicht unwahrscheinlich, dass er Opfer eines Auftragsmords wurde.

Das Widerständige war ihm nicht in die Wiege gelegt worden, der Vater war Soldat, die Lebensverhältnisse im friaulischen Geburtsort Casarsa bescheiden. Aber sein Bruder Giulio ging in die Resistenza und wurde 1945 getötet, und der junge Lehrer erfuhr erste Ausgrenzung, als ihn Schüler wegen angeblicher „Unsittlichkeiten“ denunzierten und er entlassen und auch aus der Kommunistischen Partei verstoßen wurde. Der 28-Jährige zog mit seiner Mutter nach Rom, wo er bald an Drehbüchern von Fellini und Mauro Bolognini mitarbeitete – zugleich aber in das Leben der Vorstädte eintauchte. So wurde er, wie Bergala formuliert, zu einem „Spezialisten des Subproletariats“. Dieses Leben zwischen den Unterprivilegierten und der künstlerischen Avantgarde schärfte Pasolinis Blick.

Bergalas Film konzentriert sich auf diese Ambivalenz auch zwischen dem öffentlichen Dasein und dem privaten Leben, der Sorge um die Mutter, der Beziehung zu Ninetto Davoli (der in einem neueren Interview zu sehen ist). Der Dokumentarist, früher filmpolitischer Berater des französischen Kulturministers Jack Lang, hat auch die sehenswerte aktuelle Ausstellung in der Cinémathèque française in Paris kuratiert; er spricht im Film von einer „langen großartigen Liebesgeschichte“ Pasolinis mit Rom. Doch dessen Zuneigung wurde nicht erwidert. So musste er im Laufe seines künstlerischen Schaffens 33 Prozesse überstehen (die er alle gewann): „Dein ganzes Leben hast Du für Dein Recht gekämpft, nicht konform zu sein“. Und dafür hat er letztlich mit seinem Leben bezahlt.

Pasolini Roma, Arte, 22. Januar, 21.50 Uhr.

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