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Die Anwälte des Konzerns schütten Robert Bilott, Mark Ruffalo, mit Material zu.

„Vergiftete Wahrheit“

Allein gegen die Chemie-Mafia

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Meisterregisseur Todd Haynes überrascht mit einem geradlinigen Umweltthriller: „Vergiftete Wahrheit“ erinnert an den Teflon-Skandal der 90er Jahre.

Dark Waters“, „Trübe Gewässer“, heißt dieser investigative Umwelt-, Wirtschafts- und Justizthriller im Original. Das ergibt nicht nur mehr Sinn als die „vergiftete Wahrheit“ des deutschen Titels (die ja nur eine Lüge sein kann). Man erhält auch gleich eine sinnliche Vorstellung von der Anmutung dieses Films. Wenn sich ein so visuell arbeitender Filmemacher wie Todd Haynes ausnahmsweise an einen klassischen Genrestoff begibt, darf man zu Recht noch mehr erwarten als einen ausgefuchst spannend erzählten Plot.

Gemeinsam mit Kamerakünstler Ed Lachman, dem Bildgestalter früherer Meisterwerke wie „Far From Heaven“ und „I’m Not There“ sucht er nach Bildern für das Unsichtbare, aber für die Betroffenen eines historischen Umweltskandals seinerzeit Allgegenwärtige: Der Vergiftung ihres Lebensraums, verursacht durch die vom Chemieriesen DuPont in den 90er Jahren illegal entsorgte Chemikalie C8, ein Produkt zur Teflon-Herstellung.

Die blühenden Landschaften von West Virginia sind nur noch in John Denvers Countrysong „Take Me Home – Country Roads“ gegenwärtig. Als der Wirtschaftsanwalt Rob Bilott (Mark Ruffalo) auf Vermittlung seiner Oma die Farm ihres Bekannten Wilbur Tennant besucht, sind die Farben förmlich weggewaschen. Ein blaugrauer Schleier hat sich darübergelegt. Eine Kiste mit Amateurvideos, die Tennant Bilott mitgibt, zeigt die Katastrophe in umso grelleren Farben. Seine Tiere sind einer grausamen, unbekannten Krankheit zum Opfer gefallen, die Kadaver haben eingefallene Augen und schwarze Zähne.

Haynes setzt das dokumentarische Material, das der Zahn der Zeit zusätzlich expressiv verfremdet hat, in seiner ganzen schockierenden Wirkung schon früh im Film ein. Umso nüchterner vermittelt er im Anschluss die jahrelange Ermittlungsarbeit eines einzelnen Juristen, der nicht nur die geballte Macht eines Großkonzerns gegen sich hat. Auch die Kanzlei, die ihn beschäftigt, gehört zu den Kunden von DuPont. Was für ein kapitalistisches Dilemma: Die besten Juristen, aber auch fast alle Chemiker, die Gutachten schreiben könnten, arbeiten für die Großindustrie.

In einer eindrucksvollen Szene werfen DuPonts Juristen Bilotts Kanzlei gewaltige Brocken in den Weg. Verurteilt zur Herausgabe ihrer Akten, überschwemmen sie die gegnerische Kanzlei mit Hunderten von Kartons, die sich eigentlich in Jahren nicht erschließen lassen. Und doch sprechen einzelne, von Bilott zufällig gefundene Details über die verwendete Chemikalie für sich. Parallel zur Vernichtung des Tierbestands, kam es in der Bevölkerung zu Missbildungen bei Neugeborenen. Manche Menschen starben bald an Krebserkrankungen.

Nun kann sich auch der Chef der Kanzlei der ethischen Dimension des Falles nicht mehr entziehen. Mit Tim Robbins hat Haynes einen Star der 90er Jahre in diesem Film besetzt – und dabei wohl auch den politischen Aktivisten würdigen wollen, der Robbins ja auch stets war; vermutlich um den Preis eines größeren Mainstream-Erfolgs. Eine andere gut besetzte Nebenrolle ist Ann Hathaway als Bilotts Ehefrau. Wie in manch anderem Whistleblower-Plot muss sie erleben, wie der Aufklärer fast die Nerven verliert. Als die Schwangere an ihrem manischen Ehemann zu verzweifeln droht, legt er ihr, stellvertretend für den Zuschauer und die Zuschauerin, die komplexe Lage dar. Es ist ein raffinierter Kunstgriff, die Informationen an zentraler Stelle gebündelt aufs Tapet zu bringen.

Stilistisch orientieren sich Haynes und Lachman an den Politthrillern der 70er Jahre, „Die Unbestechlichen“ oder „Die drei Tage des Condors“. Obskure Schauplätze wie der Hotelsaal, in dem ein Dinner der Chemie-Lobby stattfindet, erzählen von der Hässlichkeit der Macht, und es wird einem unheimlich, wenn Bilott allein in eine Tiefgarage geht. Dies ist sicher ein Film, in dem Robert Redford in jüngeren Jahren gerne mitgespielt hätte, doch Mark Ruffalos Heldenrolle wirkt durch die Unscheinbarkeit seiner physischen Präsenz noch glaubwürdiger. Auch der biblische David im Kampf gegen Goliath sah vermutlich nicht aus wie eine Figur von Michelangelo.

Die visuelle Erzählung orchestriert subtil die Vermittlung der komplexen wissenschaftlichen, wirtschaftspolitischen und juristischen Ebenen einer wahren Herkules-Aufgabe. In einem wirtschaftsliberalen System ist der Industrie nun einmal erlaubt, was nicht verboten ist. Und es ist nicht viel verboten. Es war den Konzernen selbst überlassen, die Gefährlichkeit ihrer Abfälle zu deklarieren und zu reglementieren. Die einzige Möglichkeit, DuPont juristisch zur Verantwortung zu ziehen, ist folglich zu beweisen, dass sie von den Gefahren wussten. Natürlich laufen dabei auch Fristen ab, was Haynes nach allen Genreregeln spannungstreibend nutzt.

Ein wenig kann man das Gefühl haben, dass Todd Haynes sich hier einmal von einer anderen Seite beweisen wollte, als perfekter Hollywoodhandwerker nämlich. Doch wie bei den echten Hollywoodmeistern, wie bei John Ford, Vincente Minnelli oder George Cukor, kommt dann unter dem Strich doch immer ein Kunstwerk heraus. Vielleicht sogar ein Klassiker.

Vergiftete Wahrheit. USA 2019. Regie: Toddy Haynes. 126 Min.

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