"Trixie Wonderland", ARD

Vergiftete Sahnetorte

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Weihnachten mit Trixie Dörfel - Olli Dittrichs Satire auf die "Homestory".

Stefanie Hertel – Leserinnen von „Die aktuelle oder „Das neue Blatt“  werden es wissen – hat sich um die populäre Unterhaltungskunst verdient gemacht.  Gewissermaßen das Gesicht der deutschen Volkmusik, kann sie eine Karriere vorweisen, die ihresgleichen sucht, gewürdigt mit Preisen ohne Zahl, darunter dreimal mit der Goldenen Henne. Wer wäre also geeigneter als Stefanie Hertel, eine andere große Persönlichkeit des Showgeschäfts zu präsentieren: Trixie Dörfel.  

Die beiden Seelenverwandten fanden jetzt zueinander für ein Porträt der Schauspielerin und Sängerin, die Kollegin Hertel in ihre weiß-grün weihnachtlich geschmückte Villa geladen hatte. Ein passendes Ambiente, um die neue CD Trixie Dörfels mit Weihnachtsliedern vorzustellen: „Trixie Wonderland“. Und auch wenn sie „Schneeflöckchen Weißröckchen“ vor der Kulisse eines braunen Herbstwalds singt, und nicht ganz korrekt „Oh Tannenbaum“ intoniert, wird sie mindestens so viele Käufer dafür finden wie Stefanie Hertel für ihr jüngstes Album „Der wundersame Christbaum“, da sind wir sicher.

Leserinnen, die nicht „Die aktuelle oder „Das neue Blatt“ bevorzugen, werden es ahnen, wenn nicht wissen: „Trixie Wonderland – Weihnachten mit Trixie Dörfel“: ist der neue Streich eines Mannes, der sich um die Kunst der Satire verdient gemacht hat. Olli Dittrich hat uns nun einen weiteren Gast seiner Sendung „Das Talk-Gespräch“ (FR vom 27.12. 2014) näher gebracht, den alternden Star der TV-Serie „Klinikparadies“.  

Dieses Mal hat er sich die „Homestory“ vorgenommen, das Überlebenselixier der bunten Postillen, in denen ein Star auch mal den Menschen spielen darf. Und die glänzende Oberfläche nutzend, vermag Dittrich um so schärfer die Verlogenheit des Gewerbes zu parodieren. Vom überkandidelten Dekor umgeben, präsentiert sich die Gastgeberin in stets knapp neben sicherem Geschmack liegender Kleidung, zeigt stolz ihre – von Kollegin Christine Neubauer geschaffenen –  grotesken „Kunstwerke“ an der Wand und ihren Marmortisch, orange eingefärbt „durch die Ausscheidungen eines seltenen Skorpions“.

Trophäen wie der „Bronzene Otto“ dürfen ebensowenig fehlen wie praktische Haushaltstipps: Puderzucker sei durch einen Damenstrumpf zu sieben, und als Festtagsmenu eigne sich „Braten alla Lavarese“: Waschbär. Und selbstverständlich fällt noch ein wenig Eigenwerbung ab, für die Kosmetikserie „Trixiebzehn“, das Nahrungsergänzungsmittel „Waschbeer“ und – ein Muss – ihr „Charity-Projekt“ für, natürlich: Waschbären. Auch ein ausgestopftes Exemplar des (real ja zum Schädling avancierten) Tiers ziert das traute Heim Trixie Dörfels.

Das ist alles mit erheblichem Aufwand und dadurch umso eindrucksvoller inszeniert (Regie: Tom Theunissen und Markus Foag) und wegen der mit dem Honig gnadenloser Harmonie  zugekleisterten Schärfe der Parodie das gelungenste Stück des Dittrichschen „TV-Zyklus“. Denn dass er für seine Travestie einen realen Star der Unterhaltung gewinnen konnte, doppelt die Doppelbödigkeit des Unternehmens geradezu. Das ist Dittrich in seinen bisher gezeigten Folgen so noch nicht gelungen.

Und es spricht für die Souveränität (oder doch Naivität?) Stefanie Hertels, dass sie dabei mittut, sich und ihr Gewerbe derart zu demaskieren. Als ob sie eine mit satirischer Säure vergiftete Sahnetorte servierte, um sie sich ins Gesicht werfen zu lassen. Denn Trixie Dörfels „Wonderland“  ist so echt, dass es fast wehtut, und macht dabei all das, wofür Hertel und ihre Karriere stehen, als hohl und falsch kenntlich.  

Olli Dittrich aber gebührt ein weiterer Grimme-Preis.

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