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Verena Altenberger in „Riesending“: „Ich habe tatsächlich ein paar Tage unter dem Sofa verbracht“

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Von: Rudolf Ogiermann

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Im „Riesending“: Verena Altenberger (r.), hier mit Sophie Rogall. Foto: Nikola Predovic/BR/ARD Degeto/Senator Film Produktion
Im „Riesending“: Verena Altenberger (r.), hier mit Sophie Rogall. © BR/ARD Degeto/Senator Film

Die Schauspielerin Verena Altenberger über ihre Rolle in „Riesending – Jede Stunde zählt“, Dreharbeiten unter Tage und die Kontrolle des eigenen Wahnsinns.

Frau Altenberger, was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Buch zu „Riesending“ lasen?

Dazu muss man wissen, dass ich mir Anfang des Jahres vorgenommen hatte, bis zum „Jedermann“ im Sommer eine Auszeit zu nehmen. Aber dann rief mich mein Agent an und sagte: „Ich weiß, du wolltest eine Pause machen, aber wenn ich dir dieses Drehbuch nicht weiterleite, dann hasst du mich!“ (Lacht.) Und ich: Also gut, dann schick’ mal! Ich habe dann sofort gelesen, und abends um neun Uhr habe ich ihn angerufen und gesagt: Du musst mir jetzt sofort den zweiten Teil schicken! Dieses Drehbuch hat mich gecatcht wie ein guter Roman, den man nicht mehr aus der Hand legt.

Dass die Dreharbeiten überwiegend unter Tage stattfinden, hat Sie nicht abgeschreckt?

Nein, das hat mich sogar angezogen. In der Beschreibung des Projekts stand schon drin, dass wir an Originallocations drehen, dass verschiedene Trainings erforderlich sind und dass wir versuchen sollten, möglichst alle Stunts selbst zu machen. Und ich so: Okay! I’m doing it!

Gewöhnungsbedürftig, wenn das einzige Licht die Helmlampe des Gegenübers ist.

Das stimmt. Wir haben ja wirklich fast dokumentarisch gedreht, ohne großes Scheinwerfer-Setup, im Prinzip kam das Licht wirklich nur von unseren Helmlampen. Das hatte den lustigen Effekt, dass man die ist, die spielt, die, die klettert und sich dabei auch noch selbst sichert, und die, die das Licht liefert für die Kollegin. Alles in einer Person.

Hatten Sie Klettererfahrung?

Nein, klettern konnte ich vorher noch nicht, das habe ich dann in Wien gelernt, bei einer ganz tollen Trainerin. Weil es in der Höhle dunkel ist und weil ich alles wirklich im Schlaf können musste, die Knoten, die Sicherungen, habe ich teilweise mit Augenbinde trainiert. Davon abgesehen haben Klettern und Höhlenklettern relativ wenig miteinander zu tun. In der Höhle, so sagt man, gibt es keine Ästhetik, da sind die Wände glatt und glitschig, da ist das Wichtigste, dass man sicher runter- und sicher wieder raufkommt. Man hat auch keine Kletterschuhe an, sondern Gummistiefel.

Zur Person

Verena Altenberger, Jg. 1987, hat als Münchner Polizeiruf-Ermittlerin Bessie Eyckhoff im Herbst ihre letzte Folge abgedreht und war zwei Jahre die Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“. Im ARD-Zweiteiler „Riesending – Jede Stunde zählt“ spielt sie eine Höhlenkletterin. In weiteren Rollen Roland Silbernagl, Maximilian Brückner, Anna Brüggemann und Sabine Timoteo. Jochen Alexander Freydank führt Regie. Das Erste zeigt beide Teile am Mi., 20.15 Uhr.

Grundlage ist ein Fall von 2014: Der Forscher Johann Westhauser wurde in der „Riesending“-Höhle im Untersberg in den Berchtesgadener Alpen durch einen Steinschlag in rund 1000 Metern Tiefe schwer verletzt. Die Rettung gestaltete sich schwierig. Mehr als 700 Helfer und Helferinnen waren im Einsatz, davon rund 200 in der Höhle.

Sie leiden offensichtlich auch nicht an Klaustrophobie, oder?

Ich war mir nicht sicher, habe dann mit unserem Stuntkoordinator Jason Oettlé telefoniert und gesagt: Ich weiß jetzt, wie man klettert, ich habe keine Höhenangst, aber wie finde ich heraus, ob es mir nicht zu eng ist in den Höhlen? Und er meinte, das könne man eh nicht richtig üben, ich solle einfach ein paar Tage unter meinem Sofa durchkriechen. Und so habe ich am Ende meiner Vorbereitungen tatsächlich ein paar Tage unter dem Sofa verbracht. (Lacht herzlich.)

Gab’s trotzdem Momente, in denen Sie dachten: Ich halte es nicht mehr aus hier unten?

Na ja, wir waren ja wirklich wochenlang in der Höhle, von morgens um acht bis abends um sieben, und haben teilweise so tief drinnen gedreht, dass es nicht möglich war, mal kurz rauszugehen. Das war schon eine besondere Herausforderung. Man darf ja auch nicht vergessen, dass wir da unten auch unsere Rollen zu spielen hatten. Ich glaube, jeder im Team hatte mal einen Tag, an dem ihm alles zu viel wurde.

Wann war es bei Ihnen so weit?

Es gab einen Tag, an dem es hieß: „Ihr werdet heute sehr, sehr nass!“ Und ich dachte: Ziehst du heute mal einen Neoprenanzug unterm Höhlenanzug an. Ich glaube, durch die Enge dieses Anzugs hatte ich dann unten kurz eine Art Panikattacke. Aber Jason hat die Situation wunderbar gerettet, er hat einfach meinen Höhlenanzug aufgerissen, eine Schere genommen, das Neopren aufgeschnitten und gerufen: „Breathe!“ Dann war alles wieder gut.

Es heißt, das Team sei besonders eng zusammengewachsen.

Ja, wir hatten wirklich eine absurd gute Zeit in diesen drei Monaten. Sabine Timoteo, die meine Hauptpartnerin in der Höhle spielt, und ich durften ganz viel improvisieren, weil es einfach Situationen in einer Höhle gibt, die man nicht voraussehen kann – und dann entwickeln sich die Dialoge etwas anders, als sie im Drehbuch stehen. Ich kann mich an eine Szene erinnern, da sind wir mit dem Verunglückten schon auf dem Rückweg und diskutieren, ob wir ihn jetzt kopfüber abseilen sollen, weil wir, um ihn drehen zu können, ein ganzes Stück hätten zurückgehen müssen. Und plötzlich haben wir uns nur noch angeschrien. Aber niemand hat abgebrochen, und als die Szene zu Ende war, hat der Regisseur gefragt: „Alles okay bei euch?“ Und wir so: Wahrscheinlich schon! Und wussten beide nicht mehr, ob das gespielt war oder ernst. So etwas ist nur möglich, wenn man einander blind vertraut.

Verena Altenberger, hier beim Berlinale-Auftritt.
Verena Altenberger, hier beim Berlinale-Auftritt. © AFP

Die Medien fragen im Film, ob, salopp gesagt, jeder Depp in eine Höhle klettern und sich in Gefahr bringen dürfe. Wie sehen Sie das?

Ich bin wirklich ein Riesenfan dieser Community, nachdem ich so viele Höhlenforscherinnen und Höhlenforscher kennengelernt habe. Das sind alles topgeschulte Leute mit Topausrüstung, die da reingehen. Aber wenn dann mal ein Stein auf sie runterfällt, wie es in diesem Fall war, dann helfen die beste Ausrüstung und die beste Vorbereitung nichts. Zu fragen, warum jemand überhaupt in Höhlen geht, ist absoluter Nonsens. Warum steigt man auf Berge, warum fährt man aufs Meer hinaus? Der Mensch tut das nun mal, er hat eine Sehnsucht nach Abenteuern, nach weißen Flecken auf der Landkarte. Einmal da sein, wo noch nie ein Mensch war.

Sie sagen in einer Szene: „Die einzige Wahnsinnige, mit der ich mich auseinandersetzen muss, bin ich selbst!“

Ich freue mich sehr, dass Sie diesen Satz zitieren, der ist nämlich von mir!

Trifft das nur auf Ihre Figur oder auch auf Sie zu?

Das trifft wahrscheinlich auf beide zu. Ich bin darauf gekommen, als ich einen Workshop gemacht habe bei der Performancekünstlerin Marina Abramovic. Die hat eine Methode entwickelt, die „Cleaning the House“ heißt. Das bedeutet: Nicht essen, nicht sprechen, keine Ablenkung, und dann bekommt man Aufgaben, man zählt beispielsweise stundenlang Reiskörner und Linsen oder bewegt sich nur noch in Zeitlupe. Das versetzt einen in einen Zustand, in dem man nichts anderes mehr tun will als das, was man gerade tut. Und in den Gesprächen mit den Höhlenforscherinnen und Höhlenforschern habe ich ganz Ähnliches herausgehört. Man konzentriert sich ganz auf sich. Den eigenen Wahnsinn zu kontrollieren, versetzt einen letztlich in die Lage, auch den Wahnsinn der Welt auszuhalten.

Was bedeutet das für Ihre Karriere, für künftige Projekte?

Man geht raus und hat das Gefühl: Ich kann alles schaffen!

Interview: Rudolf Ogiermann

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