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Studie der Vereinsamung und des inneren Werteverlusts: Charlotte Rampling in "Hannah".
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Studie der Vereinsamung und des inneren Werteverlusts: Charlotte Rampling in "Hannah".

Filmfestival Venedig

Verborgene Wahrheiten

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Venedig vor der Preisverleihung: Zwei Missbrauchsdramen und ein denkwürdiger Auftritt von Jim Carrey.

„Wir Menschen sind wie Perlen“, sagt Jim Carrey. „Aller Glanz verbirgt nur das winzige Körnchen Dreck, aus dem wir in unserem Innersten bestehen. Und unser ganzes Leben hoffen wir, dass niemand merkt, wer wir wirklich sind.“

Carrey ist nicht der erste große Filmkomiker, der sein Publikum durch die Offenbarung von Selbstzweifeln überrascht. Doch wie tief seine autobiographische Reise ins staubige Innere der menschlichen Existenz vorstoßen wurde, hätte am Anfang der vielleicht erstaunlichsten Vorführung dieses Festivals niemand gedacht. In einem silbrig glänzenden Abendanzug von etwas grenzwertigem Schick hatte er den Sala Grande des Festivalpalastes betreten, doch anstatt sich artig hinzusetzen den Aufgang zum Balkon als Showtreppe entdeckt. Wie ein Chorus-Girl in einem alten Musical stolzierte er sie auf und ab, die Beine in Kinnhöhe nach oben werfend. Nur um danach von der Leinwand aus seine Kunst als Flucht vor der inneren Leere zu beschreiben.

Unter dem komplizierten Titel „Jim & Andy: the Great Beyond – the Story of Jim Carrey & Andy Kaufman with a very special contractually obligated mention to Tony Clifton“ präsentierte er unveröffentlichtes Videomaterial aus seinem Privatarchiv. Es sind sensationelle Backstage-Aufnahmen des Milos-Forman-Films „Man on the Moon“.

„Ich hatte allen je erträumten Erfolg, es bedeutete mir nichts“

Formell firmiert Chris Smith als Regisseur, der Carrey zu den Bildern interviewt. Während der gesamten Drehzeit des Biopics über den verstorbenen Anarcho-Komiker Andy Kaufman blieb Carrey damals in der Rolle – wenn er nicht gerade in die ebenfalls von ihm dargestellte Figur des Tony Clifton schlüpfte. Auch für Regisseur Forman war er als Carrey nicht ansprechbar, selbst wenn dieser verzweifelt seine Filmfigur anflehte, diesem etwas auszurichten. Dafür wurde er von der Familie des toten Komikers wie ein auferstandener Sohn betrachtet. Es ist Videomaterial von gespenstischer Anmut, dem fertigen Film mitunter derart überlegen, kein Wunder, dass es die Produktionsfirma es seinerzeit zurückhielt.

Glaubt man Carrey, war das völlige Verschwinden in einer Rolle für ihn nichts Ungewöhnliches. Auch die „Truman Show“ habe ihn in exakt jener Scheinexistenz erfasst, von der dieser Film erzählte. „Ich hatte allen je erträumten Erfolg, und es bedeutete mir nichts. Heute bin ich wahrscheinlich der einzige Mensch in Los Angeles, der absolut keinerlei Ambition besitzt.“ Und mit Blick auf den Tod fügt der 55-jährige hinzu: „Das einzige, was mich noch neugierig macht, ist, was danach kommt. Wahrscheinlich ja Nichts.“ Auch das kann Starkino am Lido sein: Tief erschüttert erhob sich das Publikum zu stehenden Ovationen. Und Carrey tanzte noch einmal auf der Treppe. Mit einer lässigen Geste setzte er sich eine Sonnenbrille auf, nur um sie noch lässiger ins Publikum zu schnipsen.

Wer Venedig in diesem Jahr für seine Hollywoodvorlieben kritisiert, hat die erhellenden Dokumentarfilme über die Traumfabrik nicht gesehen. Ein zweites erstaunliches „Making Of“ zeigte John Landis, der Regisseur des Michael-Jackson-Musikvideoklassikers „Thriller“. Eigentlich nur als Beiwerk für eine restaurierte auf 3D getrimmte Fassung gedacht, war es das eigentliche Ereignis. Nicht nur sieht man Jacksons tänzerisches Genie auf dem Höhepunkt leichtfüßiger Unbeschwertheit. Landis findet mit ihm einen wunderbaren Ton, indem er ihn wie ein kleines Kind behandelt, das man auf den Arm nehmen und herumschwenken kann. „Was unsere Zuschauer nicht wissen, ist wie kitzelig Michael Jackson ist“, sagt er zum Schluss, zieht dem Hilflosen einen Turnschuh aus und stellt es unter Beweis.

Kitzeln hätte man dafür das Publikum müssen, um dem italienischen Wettbwerbsbeitrag „Ammore e malavita“ die erhoffte Reaktion abzugewinnen. Die Manetti-Brüder feiern Neapel in einem überdrehten Mafia-Musical, in dem niemand singen oder tanzen kann. Mit untadeliger Strenge erzählt dafür die Italienerin Andrea Pallaoro in ihrem französischsprachigen Beitrag „Hannah“ von der anderen Seite eines Verbrechens.

Charlotte Rampling spielt die Ehefrau eines Mannes, der wegen einer Kindesmissbrauchs-Anklage im Gefängnis sitzt. Es ist eine Studie der Vereinsamung und des inneren Werteverlusts, die Rampling, die in jeder Szene präsent ist, mit Dezenz und Eindringlichkeit evoziert. Außer vielleicht Isabelle Huppert kennt das Kino derzeit keine Darstellerin über 60, die sich derart schutzlos in ihre Rollen stürzt. Als der Frau, die offenbar eine Mitschuld am nie ganz enthüllten Verbrechen trägt, der Zugang zum Enkel verwehrt wird, gelingt es auch den Ritualen ihres Alltags nicht mehr, die Depression zu überdecken. So imponierend dieser fragmentarisch erzählte Film gebaut ist, so großartig einzelne Szenen funktionieren – etwa das Engagement der Frau in einer experimentellen Theatergruppe – etwas fehlt ihm doch in seiner Mitte.

Auch der letzte, französische Wettbewerbsfilm widmet sich dem Thema häuslicher Gewalt, freilich in einem psychologischen Realismus, für den sonst die Dardenne-Brüder bekannt sind. Regisseur Xavier Legrand begann seine Karriere als Kinderdarsteller in Louis Malles’ „Auf Wiedersehen, Kinder“, ein erster eigener Kurzfilm wurde gleich für den Oscar nominiert. Jusqu’à la garde (Custody) ist sein erster Langfilm. Es ist eine fast lehrstückhafte Chronik eines eskalierenden Sorgerechtsstreits, weitgehend auf Augenhöhe mit dem elfjährigen Sohn des Trennungspaares.

Die ins lebensbedrohliche ansteigende Gewalt des Vaters orchestriert Legrand schließlich mit den Mitteln des Horrorfilms, freilich frei von jeder Effekthascherei. Gut möglich, dass einer Jury, die von Hollywoodstar Annette Bening geleitet wird, der Verzicht auf die Konventionen der Überhöhung imponiert. Die Favoriten dieses vom US-Kino bestimmten Festivals für die Preisverleihung aber bleiben amerikanisch. Neben Paul Schraders Religions- und Terrordrama „First Reformed“ ist das eine geistreiche Komödie: „Downsized“, Alexander Paynes grandioser Gesellschaftsatire über das Land Liliput in einer globalisierten Welt.

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