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Was geschah mit Anwalt Joachim Vernau (Jan Josef Liefers) nach seiner Ankunft in New York? Sein Gedächtnis kehrt nach einem schweren Autounfall nur langsam zurück.

"Totengebet", ZDF

Der Vater ist er womöglich selbst

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Der fünfte Film mit Jan Josef Liefers als Anwalt Vernau nach den Romanen von Elisabeth Herrmann ist deutlich sehenswerter als die letzten Episoden der Reihe.

Der Zweite Weltkrieg, die Abwicklung der DDR, die Hausbesetzungen zu Beginn der Achtziger: In den Kriminalromanen von Elisabeth Herrmann führt die Spur gern in die Vergangenheit. 2011 hat das ZDF begonnen, die Bücher über die Fälle des Berliner Anwalts Joachim Vernau in loser Folge zu verfilmen; die Adaption besorgte die Autorin regelmäßig selbst, die Inszenierung übernahm  Carlo Rola. Den Auftakt bildete im Januar 2012 „Das Kindermädchen“. Die Geschichte einer früheren Zwangsarbeiterin, die siebzig Jahre später eine Entschädigung forderte, war eine gelungene Mischung aus Sittengemälde, Krimi und Romanze und mit großem Gespür für die dramaturgische Entfaltung der verschiedenen Ebenen umgesetzt. Anschließend entwickelte die Reihe jedoch eine ungute Tendenz. Anschließend entwickelte die Reihe jedoch eine ungute Tendenz; die weiteren Filme, „Die letzte Instanz“ (2014), „Der Mann ohne Schatten“ (2015) und „Die 7. Stunde“ (2016), waren gewöhnliche TV-Krimis und lebten in erster Linie davon, dass es grundsätzlich Spaß macht, Jan Josef Liefers zuzuschauen; selbst er wenn er bloß mit einem Straßenkreuzer durch Havanna fährt.

Stefanie Stappenbeck in einer Nebenrolle verschwendet

Mit „Totengebet“ hat die Reihe wieder zur Qualität des ersten Films zurückgefunden. Vernau verbringt diesmal zwar zu Fuß oder per Taxi viel Zeit in den Straßen von New York, aber die mit der typischen Neugier des Europäers gefilmten Szenen sind deutlich besser in die Handlung integriert. Die Geschichte ist ohnehin viel zu verzwickt, um Zeit für eine Stadtrundfahrt zu verschwenden. Die Ermittlungen führen den Anwalt erneut in die Vergangenheit, doch diesmal ist es seine eigene; und darin liegt der große Reiz der Geschichte. Chronologisch beginnt die Handlung mit dem Besuch einer jungen Mandantin: Die Amerikanerin Rachel Cohen (Mercedes Müller) hat auf dem Sterbebett ihres Vaters erfahren, dass sie als Baby adoptiert worden ist. Ihre Mutter Rebecca ist bereits kurz nach der Niederkunft gestorben; nun sucht Rachel ihren Erzeuger. Rebecca war als junge Jurastudentin in Boston Mitglied einer Clique, zu der auch Vernau gehörte. 

Rachel ist überzeugt, dass einer der Männer, die offenbar alle in die schöne Kommilitonin verknallt waren, ihr Vater ist. Gemeinsam machen sich der Anwalt und seine Mandantin auf die Suche nach den Kandidaten, aber die Recherche steht unter keinem guten Stern. Irgendjemand scheint mit Gewalt verhindern zu wollen, dass das Rätsel gelöst wird, es kommt zu mehreren Todesfällen, und auch Vernau wird mit seinem Auto von der Straße abgedrängt. Mit den Folgen dieses Unfalls beginnt der Film. Während sich die meisten Thriller damit begnügen, einen Höhepunkt an den Anfang zu setzen und dann zu erzählen, wie es zu diesem Ereignis gekommen ist („Eine Woche vorher“), sind die Rückblenden diesmal Teil einer im Grunde einfachen, aber immerhin etwas originelleren Dramaturgie: Vernau hat durch den Unfall seine Erinnerungen an die letzten acht Tage verloren; als er in einem New Yorker Krankenhaus zu sich kommt, hat er keine Ahnung, warum er nach Amerika geflogen ist.

„Totengebet“ ist der erste Vernau-Roman, den Schriftstellerin Herrmann nicht selbst adaptiert hat. Das Drehbuch stammt diesmal von André Georgi; der Autor für Krimireihen wie „Marie Brand“ und „Unter anderen Umständen“ hat zuletzt die Ermordung von Treuhandchef Rohwedder als spannenden Balance-Akt zwischen Realität und Fiktion geschildert („Der Mordanschlag“, ZDF). Nachfolger des 2016 verstorbenen Carlo Rola ist Josef Rusnak, der auch als Koautor geführt wird; seine letzten Arbeiten waren ein sehenswerter „Polizeiruf“ aus Magdeburg („Starke Schultern“, 2018) sowie die vierte „Tel-Aviv-Krimi“-Episode („Alte Freunde“ (2018). Der Regisseur hat gemeinsam mit Kameramann Ralf Noack ein interessantes ästhetisches Konzept entwickelt.

Natürlich haben sie die entsprechende Differenzierung bei Lichtsetzung und Farbgebung – die Vergangenheit hell und freundlich, die Gegenwart kühl und nüchtern –, nicht erfunden, aber gerade die Innenaufnahmen sind sehr ansprechend. Als Vernau gemeinsam mit Rachel eine Synagoge aufsucht, um dort seinen alten Freund Rudi (Gustav Peter Wöhler) zu treffen, ist das Gotteshaus in ein geradezu sakrales Licht getaucht. Kurz drauf ist Rudi tot, und Rachel steht unter Mordverdacht. Als es in Amerika einen weiteren Todesfall gibt, fragt sich auch Vernau, ob seine vermeintliche Tochter auf einem Rachefeldzug ist.

Einziger, aber nicht unerheblicher Malus neben der Verschwendung Stefanie Stappenbecks in der Nebenrolle als Vernaus Kanzleipartnerin ist die erneut misslungene Integration von Vernaus familiärem Hintergrund: Die Zwischenspiele mit seiner Mutter waren schon in „Der Mann ohne Schatten“ völlig überflüssig. Die Liebelei von Hildegard Vernau (Elisabeth Schwarz) mit einem amerikanischen Trompeter (Friedrich Liechtenstein) hat immerhin den Vorteil, dass Mario Grigorov viel Jazz in seine Filmmusik integrieren kann. Unbefriedigend ist wie in fast allen Filmen über Deutsche im Ausland dagegen der Umgang mit der Sprache: Die Amerikaner beginnen Gespräche auf Englisch („Excuse me, Sir“) und fahren dann auf Deutsch fort. Glaubwürdig gelöst sind allein die Dialoge Vernaus mit Rachel, denn die war auf einer deutschen Schule. Davon abgesehen gehört Mercedes Müller ohnehin zu den Pluspunkten des Films, zumal sie die junge Frau angemessen sphinxhaft verkörpert.

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