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„Augenblicke - Gesichter einer Reise“, heißt einer der Filme von Agnès Varda.

Kino

„Varda par Agnès“: Die Filme eines Lebens

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Jetzt im Kino: Das Abschiedsgeschenk der großen Regisseurin Agnès Varda.

Als Agnès Varda am 29. März des vergangenen Jahres mit 90 Jahren starb, verlor das Kino nicht nur eine seiner bedeutendsten Künstlerinnen, sondern auch eine der aktivsten. Erst wenige Wochen zuvor hatte sie ohne sichtbare Zeichen ihrer Krebserkrankung auf der Berlinale ihren letzten Film uraufgeführt, der nun diese Woche ins Kino kommt: „Varda par Agnès“ ist nicht weniger als ein künstlerisches Testament. „Danach gebe ich aber keine Interviews mehr“, hatte sie noch lässig zu dieser filmischen Vorlesung erklärt, einer der schönsten „leçons de cinéma“, wie sie gerade das französische Kino immer wieder hervorgebracht hat. Noch einmal wollte Varda weitere Geheimnisse ihrer Arbeit seit ihren Anfängen als bedeutende Fotografin in den 50er Jahren enthüllen.

Als sie 1961 ihren ersten Langfilm vorstellte, „Cleo – Mittwochs zwischen 5 und 7“, diese tragisch-beschwingten 90 Minuten im Leben einer jungen Frau, war es einer der originellsten Filme der Nouvelle Vague. Jeder einzelne ihrer weiteren Filme wagte etwas Neues. In der damals noch viel mehr als heute männlich dominierten Filmwelt wurde ihre Unabhängigkeit neidlos bewundert – es gab ohnehin niemanden, der etwas Ähnliches machte – der dem Dokumentarischen solchen Raum in der Fiktion öffnete, der so innovativ mit Farben spielte, der auf Genres oder Konventionen pfiff. „Meine Filme werden geliebt, jeder auf seine Art“, sagt sie selbstbewusst in dieser filmischen Rückschau, und es stimmt. Immer tiefer wurden diese Gefühle, je länger wir mit Agnès Varda leben durften. Und ihre großzügige Allgegenwart bei so vielen Festivals und Ehrungen gab ihrem Tod nach einem durchaus langen Leben doch etwas Schmerzlich-Unerwartetes.

Mit 80 einmal Panik

Der Film

Varda par Agnès. Dokumentarfilm, F 2019. 116 Min.

Lediglich mit 80 habe sie einmal Panik bekommen, verriet sie anlässlich dieser Rückschau, „da bekam ich dagegen Panik und dachte, ich müsste ganz schnell noch einen Film fertig bekommen.“ Das war der autobiografische Essay „Die Strände von Agnès“, der nicht alle Bewunderer befriedigte. Zum Abschied legte sie ein besseres Selbstporträt nach, ganz auf ihr Werk bezogen, eine Schule des Sehens und des Staunens, analytisch und ansteckend zugleich. Ausgehend von den Augenblicken der Inspiration erklärt sie die Lust am Experiment zum kreativen Ansporn. Schon früh in ihrem Werk erfand sie filmsprachliche Innovationen durch einfache Regelbrüche. „Wer hat gesagt, dass, wenn sich die Darsteller von der Kamera entfernen, auch ihre Stimmen leiser werden müssen? Wer hat gesagt, dass man nach einer Szene auf Schwarz abblendet und nicht auf Rot oder Blau?“

So wie in „Cléo…“ die Ahnung einer tödlichen Krankheit als Feier des Lebens inszenierte, begleitete sie später das Sterben ihres Ehemanns und künstlerischen Partners Jacques Demy in einem gemeinsamen Film von großer Zärtlichkeit.

Geradezu übermenschlich wirkt ihr Aufruf zum künstlerischen Weitermarschieren, über die mit 75 Jahren begonnene, erfolgreiche zweite Karriere als Videokünstlerin bis zum triumphalen Dokumentarfilm-Comeback „Augenblicke – Gesichter einer Reise.“ Habe sie denn nie eine Depression erlebt, die sie in Unfähigkeit stürzte zu arbeiten, fragte ich Varda noch auf der Berlinale. Und was rate sie Künstlern, die das erlebten? Gewohnt kämpferisch gab sie zur Antwort: „Ich empfehle, auf den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci zu hören, der sagte: Blickt man auf die Situation, muss man deprimiert werden. Aber wenn man über Aktionen nachdenkt, wird man positiv und mutig.“

Auch als feministische Aktivistin, das sei sie bis heute, sei es ihr immer um einen lustvollen, lebensfrohen Feminismus gegangen.

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