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Vanessa erzählt ihrer Gruppe von ihren Erlebnissen mit Ausgrenzung.

„Vanessa gegen Ausgrenzung“

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

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Die Reportage aus der Kika-Reihe „Schau in meine Welt!“ ist eine Hommage an ein Mädchen, das sich gegen Diskriminierung engagiert.

Die 2012 gestartete Reihe „Schau in meine Welt!“ ist so etwas wie die Wundertüte des Kinderkanals; das gilt sowohl für die Machart wie auch für den Inhalt. Die sonntags gegen 20.30 Uhr ausgestrahlten Porträts stellen Kinder vor, die anders als die anderen sind. Die Merkmale können ganz unterschiedlicher Natur sein. Die einen haben eine seltene Krankheit, andere betreiben ein ausgefallenes Hobby oder widmen ihre Freizeit einem Engagement ohne Eigennutz. 

Der bekannteste Beitrag der Reihe ist die von rechtskonservativen Kreisen heftig angefeindete Episode „Malvina, Diaa und die Liebe“ (2017) über die Beziehung zwischen einem christlichen Mädchen und einem syrischen Geflüchteten. Weil die Filme oft Respekt für Minderheiten einfordern, ist das Format Dauergast beim Robert Geisendörfer Preis. Der Medienpreis der evangelischen Kirche zeichnet Sendungen aus, die das individuelle und soziale Verantwortungsbewusstsein stärken sowie zur gegenseitigen Achtung der Geschlechter und zum guten Miteinander von Einzelnen, Gruppen und Völkern beitragen. 

Protagonistin ist eine Zwölfjährige aus Berlin-Neukölln

In den letzten Jahren hat sich die Qualität der Reihe jedoch gewandelt. Sie bringt nach wie vor sehenswerte Porträts hervor, aber viele Filme sind auch durch ein typisches Manko geprägt: weil sie den Eindruck vermitteln, als hätten die Filmemacher nicht genug Zeit mit ihren Protagonisten verbracht, um ihnen wirklich nahe zu kommen. Das ist nicht zuletzt eine Kostenfrage, denn auch im Kinderfernsehen ist Zeit Geld; und der Kika leidet genauso unter dem öffentlich-rechtlichen Sparzwang wie viele andere Programme von ARD und ZDF. 

Es ist daher umso respektabler, dass sich der Kinderkanal „Schau in meine Welt!“ trotzdem leistet; das Format dürfte das Gegenteil eines Quotengaranten sein. Die damit verbundene Anerkennung schützt die Reihe dennoch nicht vor Kritik: Oft sind die Filme trotz ihrer Kürze von 25 Minuten zu lang, weil der Inhalt diesen Umfang nicht immer rechtfertigt. Auf der anderen Seite ist „Schau in meine Welt!“ das letzte dokumentarische Format im Kinderfernsehen, bei dem Autoren die Möglichkeit haben, in die Tiefe zu gehen. Wenn es den Autorinnen und Autoren dann noch gelingt, die Kinder zum Sprechen zu bringen, können sie im Grunde kaum noch etwas falsch machen. „Vanessa gegen Ausgrenzung“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie so etwas aussehen kann. 

Vanessa berichtet sehr freimütig über die Beleidigungen

Protagonistin ist eine Zwölfjährige aus Berlin-Neukölln, die wegen ihrer dunklen Hautfarbe schon oft blöd angemacht worden ist. Also beschließt sie eines Tages, sich zu wehren, sucht in einem Jugendclub nach Gleichgesinnten, denen ähnliches widerfahren ist, und veranstaltet einen Workshop, in dessen Rahmen die Teilnehmer ihre Erfahrungen austauschen und ein Video über einen typischen diskriminierenden Vorfall drehen sollen. Auch wenn Vanessa das Ziel des Projekts anders formuliert: Auf diese Weise will sie die Kinder für Ausgrenzung sensibilisieren und Resilienz vermitteln. Claudia Kock und Cordula Garrido arbeiten regelmäßig für „Schau in meine Welt!“ und beherzigen mit ihrem Porträt, was die Reihe so stark macht: Das Mädchen erzählt seine Geschichte selbst. 

Gleichzeitig ist „Vanessa gegen Ausgrenzung“ auch eine Reportage, weil der Workshop im Zentrum steht. Vanessa berichtet sehr freimütig über die Beleidigungen, die ihr immer wieder an den Kopf geworfen werden, muss aber auch feststellen, dass andere Kinder diese Offenheit nicht haben. Geduldig schaut die Kamera dabei zu, wie es ihr mit den natürlichen Mitteln einer Zwölfjährigen gelingt, ihre Mitstreiter aus der Reserve zu locken. Die Autorinnen verzichten dabei darauf, das Mädchen zu überhöhen. Auch wenn manche Momente wirken, als hätten sie Vanessa ein entsprechendes Stichwort zugerufen, kommen die Kinder sehr natürlich ’rüber. 

Lesen Sie hier über Ausgrenzung aufgrund eines Migrationshintergrundes

Der mit angemessen flotter Musik unterlegte Film ist ohnehin am besten, wenn die Workshop-Teilnehmer – es werden immer mehr – die Kamera vergessen und hitzig miteinander diskutieren. Deshalb spielt es auch keine Rolle, ob die Idee, das Thema Ausgrenzung als Hiphop-Dance-Battle zu behandeln, wirklich von Vanessa oder nicht doch von den Autorinnen stammt. Entscheidend ist die Authentizität, die Kock und Garrido vermitteln, und die lässt sich bei Dokumentationen und Reportagen generell nur erreichen, wenn die Protagonistinnen Vertrauen zu den Menschen hinter der Kamera gewinnen. Nur so kann ein Film auch Nähe herstellen, und das gilt für große wie für kleine Zuschauer. 

Dass die Autorinnen durchaus auch Erwachsene im Sinn hatten – immerhin ist das durchschnittliche Kika-Publikum dank vieler mitschauender Eltern deutlich älter als die Zielgruppe –, legt eine Einstellung nahe, die gewiss kein Zufall ist: Als Vanessa bei einer Busfahrt erzählt, dass das multikulturelle Leben in Neukölln nicht allen Deutschen gefällt, streift die Kamera wie zufällig ein Wahlplakat der AfD.

„Schau in meine Welt! Vanessa gegen Ausgrenzung“: 4.8., 20.35 Uhr, Kika. Infos im Netz.  

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