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„Utopia – Irre Visionen in Silicon Valley“ heute im ZDF: Die Warnungen werden lauter

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Von: Harald Keller

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„Utopia: Irre Visionen in Silicon Valley“: Han Zhang, auf einem Tisch sitzend, im Gespräch mit Claus Kleber und Angela Anderson.
Han Zhang (l.), Ingenieur und ehemaliger Mitarbeiter im Elon-Musk-Team, im Gespräch über Utopien und Dystopien. © ZDF/Alexander Pohl

Das ZDF-Autorenteam Claus Kleber und Angela Andersen war nach sechs Jahren erneut im Silicon Valley und berichtet in einer sehenswerten Reportage über wahr gewordene Science Fiction.

Frankfurt - Vor sechs Jahren besuchten Claus Kleber und Angela Andersen schon einmal Kaliforniens Silicon Valley und drehten die Reportage „Schöne neue Welt – Wie Silicon Valley unsere Zukunft bestimmt“. Sympathisch freimütig bekannte Kleber zu Beginn des Films: „Auf die Energie, mit der es hier vorwärtsgeht, war ich nicht vorbereitet.“

Damals waren selbstfahrende Autos der letzte Schrei und neue Verfahren in der Gen-Technologie. Die frühere Facebook-Mitarbeiterin Francis Haugen war noch nicht mit ihren alarmierenden Aussagen an die Öffentlichkeit gegangen. In den Zukunftslaboren zwischen den Universitätsstädten Stanford und Berkeley gingen Informatiker und Ingenieure unkontrolliert ihren Aktivitäten nach.

„Utopia – Irre Visionen in Silicon Valley“ (ZDF): Einmischung tut not

Seither hat sich ein Untersuchungsausschuss des US-Senats mit Facebooks Praktiken befasst. Die EU-Kommissarin Margrethe Vestager ging gegen Google vor und belegte das Unternehmen mit empfindlichen Geldstrafen. Sie wacht weiter über die weltweit tätigen Konzerne. Heute kennt man sie in Washington.

Die dortigen Politiker, einige zumindest, schauen mittlerweile prüfend auf die in Teilen immer noch märchenhaft klingenden Pläne der großen IT-Unternehmen. In der neuen ZDF-Reportage von Claus Kleber und Angela Andersen kommt stellvertretend Senatorin Amy Klobuchar zu Wort, eine bekannte Vertreterin der Demokratischen Partei.

Vermittelte das Autorenduo vor sechs Jahren Skepsis, aber eine eher vage Kritik, werden sie in der Fortsetzung deutlich. Dieses Mal lautet ihr kämpferisches Fazit: „Es wird Zeit, sich (…) einzumischen.“

Das erste Fallbeispiel ist das 2016 gegründete Unternehmen Neuralink, an dem der Tesla-und SpaceX-Betreiber Elon Musk Anteile hält. Neuralinks Produkt bezeichnet er als „Fitness-Armband im Schädel“. Eine bewusst gewählte Verharmlosung, denn die hauchdünnen Drähte und Chips, die die Mediziningenieure ihren Mitmenschen einpflanzen möchten, sollen den Direktanschluss zu Computern und damit zum Internet ermöglichen. In Eva Siegmunds dystopischem Roman „Pandora – Wovon träumst du?“, der kurioserweise im Gründungsjahr von Neuralink erschien, ist all das noch Science Fiction. Die Schriftstellerfantasie wurde schneller von der Wirklichkeit eingeholt, als viele von uns für möglich gehalten hätten.

„Utopia – Irre Visionen in Silicon Valley“ (ZDF): Das Ende der Gedankenfreiheit

Und die Verdrahtung menschlicher Gehirne ist nur eines von vielen aktuellen Projekten, die Staunen machen, weil sie in ähnlicher Weise Utopien aus Literatur und Film Wirklichkeit werden lassen. Elon Musks grenzenlose Weltraumträume, täuschend
realitätsgetreue Computerwelten, die jegliches Vertrauen in bildliche Informationen über den Haufen werfen, Mark Zuckerbergs blumig angepriesenes Metaverse. Das Eintauchen in künstlich geschaffene Welten erscheint verführerisch. Die Kunden sollten aber wissen, dass die nötige Datenbrille nicht nur Einblicke ermöglicht, sondern auch aufs Datensammeln programmiert ist. Das Ding registriert die kleinsten menschlichen Regungen und speist die Ergebnisse in die Datenbanken des Konzerns ein, der sie dann, sofern nicht behördlich gezügelt, nach Gutdünken monetarisiert.

Skepsis und Einwände kommen nicht nur von außerhalb der Branche. Der 62-jährige Musiker, Künstler und IT-Guru Jaron Lanier hat unter anderem den Datenhandschuh entwickelt und gilt als Vater der Virtuellen Realität. Er spricht mit Blick auf Mark Zuckerberg von „Gehirnwäsche“.

Fred Turner, als Stanford-Professor mittendrin im Geschehen, warnt seinerseits vor Zuckerbergs Plänen. Er erkennt im Metaverse ein Werkzeug für Autokraten. Selbst Elon Musk hegt Bedenken bezüglich künstlicher Intelligenzen. Die Menschheit habe Grund, sich Sorgen zu machen. Ungewöhnliche Worte aus dem Munde des ansonsten unverbrüchlich zukunftsgläubigen, rechtskonservativen Multimilliardärs.

„Utopia – Irre Visionen in Silicon Valley“

Dienstag, 19. Juli 2022, 23.00 Uhr, ZDF, verfügbar in der Mediathek

Auch in dieser Sendung räumt Claus Kleber eine Unzulänglichkeit ein: „Unmöglich, dieses Internet der Zukunft in ein Bild zu fassen.“ Es gelingt dem Autorenduo aber dann doch ganz gut, durch Montagen teils verzerrter Aufnahmen aus Gesellschaft, Kultur und Technik.

Das Thema wird nicht an Aktualität verlieren. Man kann schon einmal spekulieren, was uns erwartet, wenn Kleber und Andersen in sechs Jahren eine weitere Bestandsaufnahme des technologischen Fortschritts liefern. (Harald Keller)

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