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Sanftes Melodram: „Pferde stehlen“.

Filme auf der Berlinale

Unvergesslicher Sommer

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„Pferde stehlen“ füllt die Leinwand mit langem Atem, dagegen hätte „God exists“ in einen Kurzfilm gepasst. 

Die Filmbranche, für Bertolt Brecht war sie der Markt wo Lügen verkauft werden. Auch auf der Berlinale ist Brecht ein Thema, Heinrich Breloer hat ihm eines seiner groß angelegten Biopics für die ARD gewidmet, das hier seine Premiere feiert. Der Filmmarkt allerdings erlebt mal wieder einen Umbruch. Wen immer man hier trifft, der etwas zu verkaufen hat, scheint direkt auf Netflix und Co zuzusteuern. Ob sich vielleicht ein deutscher Spielfilm über einen Arzt im Ausland zu einer Serienadaption eignet? Ein Produzent fühlt mal vor.

Hier, bei den Streamingportalen vermutet man das nötige Geld und die Lust auf Neues, die dem Kino und dem Fernsehen fehlt; der Einbruch an verkauften Tickets in den meisten europäischen Staaten scheint das zu bestätigen. Nirgendwo war der Absturz so dramatisch wie in Deutschland, 2018 wurden 105,4 Millionen Karten verkauft, ein Rückgang von 13,9 Prozent. Aber es lohnt auch ein Blick auf das einzige der fünf großen europäischen Filmländer, das einen Besucherzuwachs verzeichnen konnte, Großbritannien. Das britische Filminstitut vermeldete das beste Kinojahr seit 1970, 177 Millionen verkaufte Eintrittskarten, ein Zuwachs von 3,7 Prozent. Das sind Zahlen, die durchaus den Glauben an eine Zukunft des Kinos diesseits von Netflix zurückgeben kann. Ein Kinotrend, sogenannte club theatres, die ein anspruchsvolles und weit gefächertes Programm mit schicken Bars kombinieren, macht Lust auf Nachmacher. Denn noch gibt es Filme, die man nur auf einer Leinwand sehen mag.

Der Norweger Hans Petter Moland hat den ersten Klassiker dieses Wettbewerbsjahrgangs geschaffen. „Out Stealing Horses“, die Verfilmung von Per Pettersens Roman „Pferde stehlen“ füllt die Leinwand 122 Minuten mit epischem Atem und stiller Pracht. Die Geschichte um einen alternden Witwer, der sich am Ende des vergangenen Jahrtausends nach Ostnorwegen zurückzieht, wo er einen unvergesslichen Sommer in der Kindheit verbracht hat, blendet leichtfüßig zwischen den Zeiten. 

Mit großer Geste: „God exists“.

Andere Filmemacher mögen derzeit für die Stopp-Taste inszenieren; in Unsicherheit über die Verwertungswege ihrer Werke produzieren sie in die Länge, damit man auch in Raten schauen kann. Hier hingegen zählt jeder Augenblick. Die dramatische Landschaft an der Grenze zu Schweden bietet dem sich sanft entwickelnden Melodram eine Bühne wie im Western. Schließlich erscheinen auch melodramatische Enthüllungen selbstverständlich und das Pathos ganz natürlich. Früher sah man solche Filme von David Lean oder Sydney Pollack, heute sieht man sie sehr selten.

Auch der mazedonische Beitrag „God Exists. Her Name is Petrunya“ könnte aus einer anderen Zeit stammen, aber auf eine eher obskure Art. Filmemacherin Teona Strugar Mitevska überhöht eine kleine, anekdotische Geschichte, die auch in einen 15-minütigen Kurzfilm gepasst hätte, mit großer Geste. Eine arbeitslose Akademikerin entschließt sich mit Anfang dreißig spontan zu einer kleinen Rebellion. Auf dem Nachhauseweg von einem erfolglosen Bewerbungsgespräch beteiligt sie sich an einem religiösen Ritual, das traditionell den Männern der Stadt vorbehalten ist: Ein Priester wirft ein Holzkreuz in den kalten Fluss, und Petrunya springt hinterher und fischt es heraus. Das bringt die konservativen Geister gegen sie auf, sogar auf der Polizeiwache sperrt man sie kurz ein; anderseits ruft es auch eine politische Fernsehjournalistin auf den Plan.

Die Satire ist politisches Kino ohne Stachel, das zusehends verwässert. Romantische Andeutungen gegenüber einem Ordnungshüter sowie eine versöhnliche Geste gegenüber dem Patriarchen der Kirche wirken fast anbiedernd. Wie so oft hat sich die Berlinale für das Pseudo-Politkino entschieden, aber Besseres wird sicher kommen.

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