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Unvergessliche Oscar-Momente

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Von: Monika Gemmer

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Tränen, Größenwahn, politische Botschaften - vieles verzeiht das Publikum bei der Verleihung der Academy Awards, nur eines nicht: Langeweile. Die bewegensten und denkwürdigsten Oscar-Momente im Video-Überblick.

Eins ist sicher: Wenn es den Oscar-Preisträgern so ginge wie mir damals beim Grimme Online Award, dann wäre jede Vorbereitung auf die Verleihung für die Füße. Die tagelang formulierte, bis ins Detail ausgefeilte Dankesrede – sie wäre auf einen Schlag vergessen, und zwar just in dem Augenblick, da man sich über das Mikrofon beugt.

Aber bei der Oscar-Verleihung haben wir es ja mit Profis zu tun. Regisseure, Autorinnen, Produzenten, vor allem aber Top-Schauspielerinnen und -Schauspieler, für die wirkungsvolle Auftritte vor Millionenpublikum mit dem rechten Maß an Pathos, feiner Selbstironie und punktgenau gesetzten Pointen das tägliche Brot sind. Rampensäue halt. Sollte man meinen. Ein Blick auf die denkwürdigsten „acceptance speeches“ in der nunmehr 84-jährigen Geschichte der Academy Awards belehrt uns: Oscar-Preisträger sind auch nur Menschen.

Es ist aber auch schwierig. Hollywood liebt das große Gefühl, aber wenn es frischgebackene Preisträgerinnen mit dem Geschluchze übertreiben, dann hadern sie manchmal jahrelang mit sich. Gwyneth Paltrow soll der Heulkrampf von 1999 immer noch unangenehm sein, und Halle Berry bekennt heute, der tränenreiche Auftritt von 2002 sei die peinlichste Rede ihres Lebens gewesen. Das Publikum hingegen feierte sie mit Standing Ovations, nachdem sie stockend hervorbrachte: „Er ist für alle jene gesichts- und namenlosen farbigen Frauen, die jetzt eine Chance haben, weil sich die Tür heute Abend geöffnet hat." Womöglich spürten die Anwesenden, dass die eigentliche Peinlichkeit darin lag, bis zum 21. Jahrhundert zu warten, bevor eine schwarze Schauspielerin den Oscar zugestanden bekommt.

"Ich bin der König der Welt"

Rührung also ist in Ordnung, ein bisschen Dankbarkeit wird ebenfalls gerne gesehen (wobei auch hier gilt: nicht übertreiben; niemand möchte ein ganzes Telefonbuch an Namen hören). Vor allem aber unterhaltend muss die Rede sein. Die versammelte Branche im Kodak Theatre Dolby Theatre verzeiht vieles – die irritierende Liebeserklärung von „Durchgeknallt“-Darstellerin Angelina Jolie an ihren Bruder, die öffentliche Selbstvergewisserung „Ja, ihr mögt mich!“ von Sally Field ("Ein Platz im Herzen"), das harsche Zurechtweisen des Dirigenten durch Julia Roberts („Erin Brockovich“). Sogar die peinliche Pose des Titanic-Regisseurs James Cameron („Ich bin der König der Welt!“) nahm das Publikum nicht allzu lange übel. Doch eines verzeiht es nicht: Langeweile.

"Sagt, dass ihr aus der Bronx kommt oder dass ihr in einem Auto aufgewachsen seid, die Leute lieben das." So gab Gastgeberin Ellen DeGeneres den Preisträgern 2007 die Marschrichtung vor. Im Jahr zuvor hatte Tom Hanks seine Tipps für die Nominierten auf einer Ratgeber-DVD so zusammengefasst: "Maximize your moment". Vielen Geehrten aus früheren Oscar-Jahren musste man das gar nicht sagen - sie schafften es auch ohne gute Ratschläge, mit wenigen Worten Academy-Award-Geschichte zu schreiben. Louise Fletcher, ausgezeichnet für ihre Rolle als Krankenschwester Ratched in "Einer flog über das Kuckucksnest“, kommentierte: „Ich habe es geliebt, von Ihnen gehasst zu werden.“ Shirley MacLaine hatte viele Jahre lang auf einen Oscar gewartet - als es im fünften Anlauf klappte, ließ sie keinen Zweifel aufkommen: "Ich verdiene ihn." Und der nicht gerade großgewachsene Komponist Paul Williams ("Evergreen") zeigte Selbstironie: "Ich wollte all den kleinen Leuten danken, aber dann erinnerte ich mich: Ich bin die kleinen Leute."

Marlon Brando lässt die Academy alt aussehen

Heikel wird es, wenn ein Preisträger den Moment für gekommen hält, seinen 800 Millionen Zuschauern weltweit eine politische Botschaft mit auf den Weg zu geben. Filmemacher Michael Moore („Bowling for Columbine“) spaltete das Publikum, als er seine Oscar-Rede 2003 für eine politische Abrechnung mit der Regierung Bush und den Irakkrieg nutzte: "Wir sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush. Schämen Sie sich! Schämen Sie sich!" Die einsetzende Musik schnitt Moore schließlich das Wort ab. Die für ihr Palästinenser-Engagement angefeindete Vanessa Redgrave trotzte den Todesdrohungen aus dem Umfeld der Jewish Defense League, als sie 1978 ihrer Auszeichnung für die Titelrolle in „Julia“ entgegennahm, und sprach furchtlos von "zionistischen Ganoven". Marlon Brando irritierte die Branche, indem er 1973 gar nicht erst auftauchte. Der "Pate" schickte eine Vertretung, die sich als Apachin Sacheen Littlefeather vorstellte und den Preis in Brandos Namen zurückwies - aus Protest gegen die ungerechte Behandlung der Ureinwohner.

Dass einer sie mit dem wichtigsten Filmpreis der Welt in der Hand einfach stehen lässt, das mag die Academy gar nicht. Nach der Abfuhr durch Brando änderte sie die Regularien. Preisträger dürfen sich seither nicht mehr vertreten lassen, und bei der Oscar-Gala soll so wenig wie möglich dem Zufall überlassen bleiben. Doch wer der Branche eine Rechnung offen hat, findet immer einen Weg, ihr das zu sagen. Regisseur Alfred Hitchcock etwa war angefressen, weil er in allen sechs Nominierungen seiner Karriere leer ausging. 1968 fiel für den Meister des Suspense ein Spezialoscar für kreative Filmproduzenten ab. Er holt ihn sich demonstrativ wortkarg ab.

Unvergessliche Oscar-Momente in Foto und Video:

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