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Unterwasser-Filme: Und überall das endlose Blau

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Von: Thomas Stillbauer

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Sind Haie wirklich so gefährlich? Foto: Samson Bush/Pexels
Sind Haie wirklich so gefährlich? © Samson Bush/Pexels

Abtauchen in die Frankfurter Ausstellung des Filmmuseums: „Im Tiefenrausch“.

Oh, ooooohhh – die werden doch nicht…? Nein, haben sie nicht. Aber im ersten Moment, wenn die Tür aufgeht zur Schau „Im Tiefenrausch“ im Filmmuseum in Frankfurt, deutet eigentlich alles darauf hin, dass der Besucher, die Besucherin direkt hineinfällt ins Meer. Das ist doch eine Wasseroberfläche!

Es ist nur der spiegelblanke tiefdunkle Boden. Ein fantastischer Effekt. Einer von mehreren, zum Sehen und zum Hören, vor allem zum Sehen. Draußen vor dem Ausstellungssaal sind Bildschirme wie Aquarien angeordnet, sie führen schon mal ein in die Genres und Klischees des Tiefseefilms und zeigen Interviews mit Fachleuten vom Kooperationspartner Senckenberg.

Drinnen aber ist der Mensch, wenn er den ersten Schritt gewagt hat, praktisch die ganze Zeit unter Wasser. Drinnen heißt es eintauchen in die Welt der Seeungeheuer und der unerschrockenen Tiefseekapitäne, in beglückende und beklemmende Begegnungen, mit raffgierigen Riesenkalmaren beispielsweise, die mal zum Hilfeschreien echt wirken, mal zum Kaputtlachen komisch, je nach Produktionsjahr.

Kurator Michael Kinzer hat für sein Projekt die allererste je gedrehte Unterwasserfilmszene ergattert: Der Amerikaner John Ernest Williamson versenkte 1915 ein totes Pferd, um einen Hai anzulocken. Gleich nebenan geben Regisseure wie Louis Malle und Jacques Cousteau in Filmgesprächen Auskunft über ihre Art, tief im Meer zu filmen. Es gibt einen Bereich für Erwachsene, in dem sich rotes Blut mit blauem Wasser mischt, in dem auch eine Frau in der Badewanne unter Wasser gedrückt wird und kämpft, bis der (durchaus erwachsene) Zuschauer lieber davonkrault, was Kindern sinnvollerweise erspart bleiben soll. Es gibt einen Raum mit einer Klanginstallation der libanesischen Regisseurin Rana Eid: Klänge im Stockdunklen und Gespräche über persönliche Beziehungen zum Wasser; ein Ort zum Luftanhalten, besonders wenn man ihn eine Weile für sich allein hat.

Und es gibt das Rondell in der Mitte mit Filmszenen im Großformat, von außen und innen zu erleben. Es zieht alle, die stöbernd vorbeischwimmen, wie ein Strudel an. Weil vier Projektionen gleichzeitig laufen, weiß man gar nicht, wo man zuerst mit dem Blick hinpaddeln soll, aber auf Dauer stellt sich ein rauschhaftes Erlebnis ein. Kampf unter Wasser, Taucher, geheimnisvolle Wracks, Fische, U-Boote, Haie, Meerjungfrauen, Delfine, die Schönheit der Tiefsee, auch in Form von Zeichentrickfilmen – und überall das scheinbar endlose Blau.

Ursprünglich plante Michael Kinzer, Medienkurator beim Deutschen Filminstitut und Filmmuseum (DFF), eine Ausstellung ganz über das Medium Wasser. Dann kam Corona, dann lief parallel die Planung für die „Katastrophe“-Schau im Filmmuseum an – das hätte naturgemäß zu Überschneidungen geführt. Wasser spielt bei Katastrophen eine große Rolle, auch im Film. „In mir wuchs schließlich die Idee eines Bewegtbild-Aquariums“, sagt Kinzer, „und das alles sollte ausschließlich unter Wasser stattfinden.“

Badehose, Bikini und Tauchanzug sind trotzdem nicht nötig. Das Publikum bleibt trocken und kann sich vergewissern, dass all seine Lieblingsfilme unter Wasser vertreten sind, in Szenen oder zumindest auf legendären Filmplakaten, den einzigen analogen Ausstellungsstücken. „Der Weiße Hai“, natürlich. „Im Rausch der Tiefe“, natürlich. „Findet Nemo“, selbstverständlich, auch „Orca“. Und „The Abyss“, einer von zwei Lieblingsfilmen des Kurators. Der andere: „Kapitän Nemo und die Unterwasserstadt“. Faszinierend und beklemmend zugleich hätten sie auf ihn gewirkt. Und immer wieder seien es Begriffspaare, die den Zauber der Meeresfilme ausmachten, beschreibt Kinzer: Licht und Dunkelheit, Rettung an der Oberfläche und Verhängnis in der Tiefe. Leben und Tod. Wie viele Filme unter dem Meeresspiegel gedreht wurden? „Unfassbar viele“, sagt er. Seine Liste habe am Ende fast 500 umfasst.

„Eine sommerliche Ausstellung, die vor allem eins soll: Spaß machen“, so nennt DFF-Direktorin Ellen Harrington die Schau. Sie verweist auf fantastische Tierwelten und auf „Momente der Liebe, die es unter Wasser reichlich gibt“. Tatsächlich enthält das große Aquarium auch eine Ecke für „Poolerotik“. Ohne Altersbeschränkung.

Aber mal was anderes: Sind Haie wirklich so gefährlich, wie der Film sie allzu oft gezeigt hat? Können Mensch und Delfin sich verständigen, wie es Flipper und Porter Ricks in der Fernsehserie tun? (Und warum hat man nie wieder einen Delfin solche Geräusche machen hören wie Flipper, fragte jüngst übrigens ein Podcast). Gibt es tatsächlich Kreaturen am Meeresgrund wie sie in Horrorfilmen vorkommen? Damit – auch mit ökologischen und tierschutzrechtlichen Aspekten – befasst sich das Begleitprogramm zur Ausstellung in Workshops und Führungen.

Die Ausstellung selbst will Michael Kinzer auf das rein ästhetische Erlebnis beschränken. Das ist ihm gelungen. Beim Auftauchen muss man sich kurz schütteln nach all den Bildern und dramatischen Szenen. Der Kurator hat es so gewollt: „Ich hoffe, dass die Leute ein bisschen seekrank sind, wenn sie rauskommen.“

Filmmuseum Frankfurt: Eröffnung am Donnerstagabend, bis 8. Januar 2023.

www.dff.film

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