"Radio Rock Revolution"

Unter Piratenflagge

  • Daniel Kothenschulte
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Radio Rock Revolution spielt 1966, als zahlreiche britische Piratensender in die Nordsee ausrückten. Es ist erstaunlich, dass man heute noch so einen spießigen Musikfilm drehen kann wie damals. Von Daniel Kothenschulte, mit Video

Wie wenig das Kino seinerzeit mit der musikalischen Revolution aus Liverpool anfangen konnte, zeigen noch immer die meisten Beat-Filme aus jener Zeit. Es gibt nichts, das Richard Lesters herrlichen Beatlesfilmen "A Hard Day's Night" und "Help" auch nur annähernd das Wasser reichen könnte, obwohl es an Versuchen nicht fehlte.

Gerry and the Pacemakers ließen sich durch den biederen Heimatfilm "Ferry Cross the Mersey" scheuchen, Herman's Hermits drehten mit dem 68-jährigen Hollywoodregisseur Arthur Lubin "Hold On!", einen Film wie aus den Fünfzigern. Allein die Kinks trafen in ihrem anarchischen Kurzfilm zur Single "Dead End Street" deren makabre Stimmung so genau, dass ihn die ehrwürdige BBC gleich auf den Index setzte.

Das war 1966, Spielzeit der Komödie "The Boat that Rocked", zu deutsch "Radio Rock Revolution". Zahlreiche Piratensender in der Nordsee waren ausgerückt, um die Kulturhoheit des britischen Staatsrundfunks zu brechen. Der Besitzer einer solchen Fregatte ist ein alternder Playboy (Bill Nighy), der nur zu gern seinem unangepassten Neffen Asyl bietet, der gerade von einer Eliteschule verwiesen wurde. Aus der Perspektive dieser vom gutaussehenden Jungstar Tom Sturridge verkörperten, nicht nur in seinem Musikgeschmack recht jungfräulichen Landratte entspinnt sich eine nach dem Lehrbuch erzählte Initiations-Geschichte.

Radio Rock Revolution, TrailerGroßbritannien 2009

In jeder Kajüte des Kahns hocken freundliche Langhaarige auf Vinylstapeln oder lebenserfahrene Labertaschen wie der von Philip Seymour Hoffman gespielte Star-DJ aus den USA, "The Count". Einmal die Woche dürfen auch Frauen an Bord, die Namen tragen wie "Eleonore" - nur damit man den gleichnamigen Song der Turtles für sie spielen kann. Dass diese Single erst 1968 herauskam, stört Regisseur Richard Curtis wenig. Hauptsache, auf der Doppel-CD zum Film fehlt nichts, was man auch auf jedem Billig-Sampler in der Tankstelle bekäme.

Es ist erstaunlich, dass man heute noch so spießige Musikfilme drehen kann wie damals, Mitte der 60er. Es fehlt nur noch Cliff Richard. Noch immer geht es den Produzenten allein darum, einen verkäuflichen Aufguss aus den in der Tat unsterblichen Hits aufzusetzen. Wer hier nicht mitsummt, der ist selber schuld. Ersehnt ist ein ähnlicher Erfolg wie "Mamma Mia" - doch dafür fehlt jede komödiantische Infrastruktur. Dieses Rock-Boot ist leck, nichts stimmt, die Havarie ist unumgänglich. Die angeblichen Musik-Propheten an Bord wippen versunken zu "A Whiter Shade of Pale" (tatsächlich erst 1967 ein Hit).

An Land ist es auch nicht besser: Immer wieder wird auf die gleichen, beglückt-hysterischen Hörerinnen geschnitten. Und dann ist da noch Kenneth Branagh als fieser Minister, der das Piratennest trockenlegen will - zweifellos ein Vertreter der berüchtigten Blaumiesen, gegen die einst Käpt'n Ringo und seine Getreuen in See stachen. Was John Lennon zu diesen "Revolutionären" gesagt hätte, kann man sich denken: "Count me out". Denn so war es wirklich in den seligen Sixties: Nicht von Yuppies bevölkerte Piratenyachten befreiten damals die Musik. Es war nur ein kleines gelbes Untersee-Boot.

Radio Rock Revolution, Regie: Richard Curtis, GB 2009, 135 Minuten.

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