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In regulären Kinos findet man seine Filme praktisch nie: Lav Diaz mit der Siegertrophäe in Venedig.

Filmfest Venedig

Unter dem Mond von Manila

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Ein Goldener Löwe für den Philippinen Lav Diaz beendet das Filmfestival Venedig.

Der Philippine Lav Diaz ist ein Phänomen: Erst im letzten Berlinale-Wettbewerb hatte sein Achtstundenfilm „A Lullabay to the Sorrowful Mystery“ Premiere, nun gewinnt er mit „The Woman Who Left“ einen Goldenen Löwen in Venedig, und wie zum Beweis, dass er auch kürzer treten kann, platzierte er im Mai auch noch einen 17-Minuten-Beitrag bei den Oberhausener Kurzfilmtagen. Doch so geläufig sein Name auf dem internationalen Festivalparkett ist – in regulären Kinos findet man seine Arbeiten praktisch nicht. Lediglich auf den Philippinen selbst sah man sie zuletzt auch auf einigen „normalen“ Leinwänden.

Diaz’ Filme sind das beste Beispiel für ein so genanntes Festivalkino, das speziell für diesen Kontext produziert wird. Wer also als Kritiker über Lav Diaz schreibt, bewegt sich meist außerhalb der Nachprüfbarkeit seiner Leserschaft, eine unangenehme Situation gerade dann, wenn man nicht einmal viel an ihm zu rühmen weiß. Dennoch war sein Gewinn in Venedig – wie schon der Goldene Leopard vor zwei Jahren in Locarno mit dem freilich interessanteren Film „From What is Before“ – erwartbar.

In einem Programm ohne Meisterwerke war sein Film bei all seiner stilistischen und technischen Uneinheitlichkeit mitunter auch Unzulänglichkeit noch der originellste. Die schönsten Szenen der Geschichte um eine Seniorin, die nach 30 Jahren aus dem Gefängnis kommt, wo sie zu Unrecht gesessen hat und in ihrem transsexuellen Sohn einen Rächer findet, lebten vom Minimalismus: Wenn die alte Dame nachts in einer Hütte in den Slums jung und alt merkwürdige Märchen erzählte, entstanden tatsächlich poetische Augenblicke, die sonst im Wettbewerbsprogramm vollkommen fehlten.

Die Multimediakünstlerin Laurie Anderson, die neben der Deutschen Nina Hoss in der Jury saß, mochte sich an ihre eigenen Arbeiten erinnert fühlen: Bereits 1998 erreichte sie ähnliches mit ihrer interaktiven CD-Rom „Puppet Motel“. Doch dann sind in diesem schwarzweißen Video auch diese endlosen Dialogszenen zwischen Telenovela und Laienspiel, die bei einem Vierstundenfilm eine schwere Prüfung darstellen.

Gern würde man diesem Grenzgänger zwischen den Filmformen mit anderen Filmkünstlern vergleichen, doch stets fiel die Gegenüberstellung zu Gunsten der anderen aus: seine Mischung aus Dokumentarischem mit Phantastischen etwa hat im Thailänder Apichatpong Weerasethakul einen weit kunstvolleren Vertreter; sein bewusstes Arbeiten mit dem Dilettantischen und Rohen erreicht nie die Verwegenheit eines Christoph Schlingensief. Lediglich in seiner Produktivität mag man ihn mit Fassbinder vergleichen.

Auch wenn als einziges verbindendes Thema viele Wettbewerbsfilme christlich-religiöse Motive auffielen – auch den Rächer in Diaz’ Film führt es am Ende zur Kathedrale von Manila – ging es doch mit dem Teufel zu: Alles, was das Kino an Formen zu bieten hat, wurde in der obskursten Festivalausgabe seit mindestens anderthalb Jahrzehnten auf einen Haufen geworfen.

Die letzte Geduldsprobe kam vom Serben Emir Kusturica, dessen verklärende Sicht auf den Bosnienkrieg in „On the Milky Road“ ihren ultimativen Ausdruck findet. Der 61-jährige selbst spielt den romantischen Protagonisten, einen bei den Dörflern beliebten Milchmann, der den traditionell als Unschuldsymbol bekannten Kuhsaft mit dem Esel transportiert – auch wenn schwerer Beschuss ein Sieb aus dem Kanister macht. Lohn seines Mutes ist die Gunst einer rätselhaften, von Monica Bellucci gespielten Dorfschönheit. Der Bosnienkrieg – für Kusturica ist er ein lauter Tanz auf dem Vulkan zu fröhlichem Balkanpop, und wenn dann auch noch gegnerische Soldaten in Bienennester greifen, wird es zur schenkelklopfenden Klamotte.

Die Jury konnte gar nicht anders, als Originalität da auszuzeichnen, wo sie sich denn in Ansätzen fand: Tom Ford erhielt hoch verdient den großen Jurypreis für den makellosen Thriller „Nocturnal Animals“, eine Hitchcock-hafte Rachegeschichte wie sie vielleicht auch Almodóvar gerne gelungen wäre. Der Russe Andrei Konchalovsky und der Mexikaner Amat Escalante teilten sich den Regiepreis; auch sie zeigten zumindest Gewagtes: Der erste mit dem leider in den deutschsprachigen Szenen polternd theatralischen KZ-Drama „Paradise“, der zweite in dem surrealen Genrestück „The Untamed“, in dem ein rätselhaftes Sexmonster gleichwohl unterkühlte Phantasien inspiriert.

Natalie Portman überzeugte als JFK-Wite in dem ansonsten konventionellen Biopic „Jackie“, das den Drehbuchpreis erhielt. Wirklich erfreulich der Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Nachwuchsstar: Die deutsche Paula Beer war der emotionale Dreh- und Angelpunkt von François Ozons Melodram „Frantz“, einem nicht ganz glücklichen Remake des Ernst-Lubitsch-Klassikers „The Man I killed“.

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