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Maybrit Illner ließ über die Situation in deutschen Krankenhäusern diskutieren.

Notfall Krankenhaus, ZDF

Unter Gesundbetern

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Das Fernsehen als Klagemauer: Maybrit Illner widmete ihre Talkshow diesmal den Erfahrungen von Patienten mit Fehlern und Schikanen bei ihren Klinikaufenthalten.

Magazine ohne Zahl versuchen seit Jahren, ihre Auflage zu retten, indem sie sich den Lesern als Ratgeber andienen, nach dem Motto: „Lesen, was gesund macht“.  Und die Betreuung ihrer betagten Kundschaft haben sich nach den privaten nun auch die öffentlich-rechtlichen Sender auf die Fahnen geschrieben. Macht die ARD montags den „Check“, folgt das ZDF dienstags mit Tests. Nun durfte sich auch Maybrit Illner in den Dienst der Verbraucher stellen. Werbewirksam schon vom heute journal zuvor eingeläutet, widmete sich der Talk der smarten Moderatorin unser aller Gesundheit. Die ist nämlich gefährdet, haben ZDF und das Patientenportal „Weisse Liste“ herausgefunden, weil die für unser Wohlergehen zuständigen Einrichtungen selbst Symptome schweren Leidens aufweisen.

"Notfall Krankenhaus – Wie gut sind unsere Kliniken?" lautete der Titel der Sendung auf Basis von gut 1700 Zuschriften von Menschen, die ihre Erfahrungen mit Fehlern und Schikanen bei Klinikaufenthalten schilderten. Kein Wunder, dass sich ein gut Teil der Beiträge als Anklage gegen Ärzte und Krankenhäuser erwiesen.  Da wird ein junger Mann zweimal in zwei Krankenhäusern mit Keimen infiziert, was ihn anderthalb Jahre außer Gefecht setzt; da berichtet die Tochter des Schlagersängers Peter Beil, wie man ihrem Vater den Befund über seine tödliche Krebserkrankung wortlos in die Hand gedrückt habe, da leidet ein  Handwerker darunter, dass er wegen einer überflüssigen Operation nun an den Rollstuhl gefesselt ist. Und eine junge Mutter hielt gegen den Widerstand der Mediziner an der Hoffnung fest, dass ihr Frühgeborener überleben würde – mit Erfolg.

Thomas Reumann, Präsident der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft und als solcher Vertreter der Kliniken, folgert: „Wir brauchen eine offene Fehlerkultur in den Kliniken.“ Gesundheitsminister Hermann Gröhe, CSU, rät als Mittel gegen Keime zum häufigeren Händewaschen und will aus den Hygiene-Regeln ebenfalls eine „Kultur“ machen.  Man müsse diese Regeln aber auch leben können, hält die Medizin-Journalistin Ursel Sieber dem entgegen, denn auch Händewaschen kostet Zeit – und genau daran mangelt es in den Kliniken generell.

Jede zehnte Vollzeitstelle im Pflegebereich ist seit den neunziger Jahren abgeschafft worden, ist zu erfahren. Funktionär Reumann fordert: „Wir brauchen mehr Personal“ – während doch die Kliniken, die er vertritt, eben dieses Personal verringert haben. Rund 7000 Stellen fehlen laut Verdi, und Bundesärztekammer Ulrich Montgomery räumt ein: „Die haben recht.“ Aber die Pflegekräfte gebe es nicht auf dem Markt – vermutlich auch, weil die Arbeit unter den herrschenden Bedingungen „ein Knochenjob“ geworden ist, wie eine Krankenschwester weiß.

Eine der vielen in der Sendung genannten Statistiken besagt, dass eine Krankenschwester auf zehn Patienten kommt. Warum legt die Politik das nicht anders fest, fragt Illner. Minister Gröhe gibt den Gesundbeter: Es werde alles besser. Im übrigen wirft neben Allgemeinplätzen („jedes Krankenhaus ist anders“) wie ein Chefarzt bei der Visite mal ein paar Begriffe wie „Versorgungs-Zuschlag“ oder „Präventions-Gesetz“ in die Runde, die nur versteht, wer mit der Materie etwas vertraut ist.

Auch das ist schlechte Tradition bei der Beziehung Arzt – Patient: Das Verstehen, was  der andere sagen will. Inzwischen kommt der Herr Doktor finanziell ja schlechter weg, wenn er mit dem Kunden länger spricht. Die Augenhöhe zwischen Arzt und Patient sei aber wichtig, weiß Johannes Wimmer, Radiologe, Medizin-Blogger und von Illner als eine Art Patienten-Anwalt installiert.

Wimmer hatte seinen Klinikjob aufgegeben, weil er das System nicht mittragen wollte. Ein System, bei dem der Arzt ganz oft im Sinner der Leistung argumentiert, wie er weiß. So präsentiert Illner ein Faksimile, in dem „Zielerwartungen“ an Mediziner formuliert sind:  Da sollen in einer bestimmten Frist „25 Hüft- und 30 Knie-Prothesen“ verpasst werden. „So etwas wollen wir nicht haben“, beteuert Montgomery, während Reumann darauf besteht, dass es nicht zuviel Operationen in Deutschland gebe. Montgomery erkennt da ein „Problem des Wettbewerbs“, die Krankenhäuser seien getrieben von ihren Verwaltungen.  Nach Berechnungen des Marburger Bundes sind die Kliniken unterfinanziert, es fehlten ihnen fast 3,5 Milliarden Euro.

Das System muss reformiert werden, da sind sich die Funktionäre und der Minister offenbar einig. Schweden wird anhand des Umgangs mit den Frühgeburten als Vorbild gepriesen; es müsse in Richtung mehr Qualität gehen. Das hieße auch, weniger Krankenhäuser mit höherer Spezialisierung. Aber Entscheidungen, Häuser zu schließen,  verlangten Mut, formuliert der Minister. Da ist also kein rascher Heilungsprozess in Sicht beim Notfall Krankenhaus. Weswegen Johannes Wimmer uns potenziellen Patienten noch drei Dinge mit auf den Weg gibt: Wir haben das Recht zu verstehen, was der Arzt sagt. Wir haben das Recht, von Alternativen zu erfahren, und wir haben das Recht auf einen angemessenen Umgang mit uns.

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