Zertrümmerte Häuser und Leben: Nina Kunzendorf (l.) und Nina Hoss in einer Szene aus „Phoenix“.
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Zertrümmerte Häuser und Leben: Nina Kunzendorf (l.) und Nina Hoss in einer Szene aus „Phoenix“.

„Phoenix“

Die Unsichtbare

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Mit „Phoenix“ schufen Christian Petzold und der verstorbene Harun Farocki ein Meisterwerk über die Verdrängung des Holocaust.

Phoenix“, schon der Titel von Christian Petzolds Doppelgängergeschichte aus dem frühen Nachkriegsdeutschland ist eine Maskerade. In ihm verbirgt sich, durchaus zur Kenntlichkeit verkleidet, Hubert Monteilhets Romanvorlage „Der Asche entstiegen“. So wie sich der Titel gewissermaßen hinter sich selbst versteckt, trägt auch die Protagonistin der Geschichte, die von Nina Hoss gespielte Nelly, ein Gesicht, das mit dem eigenen nicht mehr ganz identisch ist.

Mit entstelltem Antlitz, das der Zuschauer nicht sieht, kommt die Auschwitz-Überlebende kurz nach Kriegsende in ein Berliner Krankenhaus. In den ersten Szenen sieht man ihre Augen hinter den Bandagen erwachen und fast neugierig zurück ins Leben finden. Ein schwer erklärliches, fragiles Strahlen dringt da aus den schmalen Löchern als Zeichen einer Neugeburt, die alles andere als erwartbar war – wie die des mythologischen Phönix aus der Asche.

Auch Lene (Nina Kunzendorf), einer alten Freundin, die ihr bei ihrer Rückkehr helfen will, imponiert dieser frische Funke inmitten aller Trümmer. Als Mitarbeiterin der Jewish Agency ist sie nach Berlin zurückgekommen und möchte mit Nelly, sobald es geht, nach Palästina ziehen. Doch ansteckend wirkt Nellys Feuer auf sie nicht, zu schwer trägt sie am Verlust ihrer eigenen Angehörigen und der Schicksale in den Aktenbergen, die sie verwaltet. Auch ist im frisch befreiten Deutschland bereits das Klima der Verdrängung spürbar.

Während es Nelly zurück ins Leben drängt, sie getrieben wird von der bangen Frage, ob es ihr geliebter Ehemann war, der sie verraten hat, zieht es Lene zu den Toten. Kunzendorf ist in dieser Nebenrolle eindrücklich präsent. Wie Nelly trägt Lene eine Maske, die aus der Not geboren ist: Mit strengem Arbeitsethos begegnet sie der schwelenden Depression, bis sie doch den Freitod wählt.

Ab da gehört der Film ganz Nina Hoss und ihrem Filmpartner aus Petzolds „Barbara“, Ronald Zehrfeld, in der Rolle ihres zwielichtigen Ehemanns. Der erkennt in Nellys neuem Gesicht lediglich eine Frau, die der seinen etwas ähnlich sieht. Und die ihm helfen kann, an ihr Vermögen zu gelangen. „Großzügig“ bietet er ihr die Hälfte davon an, wenn sie denn mitmache: Und als heimgekehrte Nelly in seiner Inszenierung der Rückkehr einer Totgeglaubten am Bahnsteig mitzuwirken. Wie aus dem Ei gepellt, solle der einstige Gesangsstar da vor seinen Verwandten im alten Glanz auferstehen, wie ein Phönix ohne Asche. „Und wenn mich die Leute fragen, wie es in Auschwitz war?“ – „Dich wird niemand fragen“, antwortet er, ohne zu überlegen.

In der Tat: So bedrückend hat noch niemand dieses neuerliche Schweigen der Mehrheit in einem deutschen Film vermittelt: Jenes Hinweggehen über die Verbrechen, das in der Nachkriegsgeschichte eine fatale Kettenreaktion auslöste aus herabgesetzten Strafen, verjährten Verbrechen und marginalisierten Delikten. Christian Petzold hat seinen Film Fritz Bauer gewidmet, dem Frankfurter Richter und Staatsanwalt, der sich dagegen stemmte und die so genannten Auschwitzprozesse initiierte.

Doch Petzolds Film ist kein Aufarbeitungsfilm, jede Funktionszuweisung würde seinen Rang als Kunstwerk schmälern. Wie ein Phönix erhebt er sich selbst aus einem tot geglaubten Genre, der Masse jüngerer Spielfilme, die sich anmaßen, mit abbildhaften Mitteln zu repräsentieren, was der Verstand kaum fassen will. Der zur Zeit der TV-Serie „Holocaust“ viel diskutierten Frage, ob es überhaupt erlaubt sein kann, vor dem Hintergrund der Shoah filmische Genres zu bedienen, stellt sich Petzold mit der Flucht nach vorne.

Schon die ersten Filmemacher, die von der Judenverfolgung durch die Nazis erzählten, wählten Umwege ins Märchenhafte, um die schreckliche Wahrheit beim Namen zu nennen. In Frank Borzages Drama „Tödlicher Sturm“ (1940) versucht James Stewart, der Familie seines verfolgten jüdischen Professors in einer winterlich-verwehten Berglandschaft beizustehen. Und Charlie Chaplin erträumte sich in „Der große Diktator“ aus dem selben Jahr gar den heimlichen Austausch des Tyrannen durch seinen jüdischen Doppelgänger. So umgingen diese Filmkünstler noch vor dem amerikanischen Kriegseintritt die Verdrängung, die sich dort in konservativen Lagern wie ein Schutzwall vor Nazi-Deutschland aufgebaut hatte.

Christian Petzold schrieb diese Drehbuchadaption gemeinsam mit seinem Freund, dem verstorbenen Filmkünstler und -theoretiker Harun Farocki. Wie niemand sonst im deutschen Kino spielten beide mit den Masken und Metaphern, mit denen das klassische Genrekino politische Wahrheiten beim Namen nennt – ohne sie beim Namen nennen zu müssen. Das alte Hollywood tarnte Themen, die als unkommerziell oder anstößig galten, wie Schmuggelware. Petzold und Farocki nutzten in ihrer einzigartigen Serie gemeinsamer Filme ähnliche Umformungen, ohne von Marktzwang oder Zensur dazu gedrängt worden zu sein. Und erreichten so eine subtile künstlerische Überhöhung. „Phoenix“ ist abermals ein Meisterwerk.

Die für sich genommen ebenfalls beeindruckende Erstverfilmung des Monteilhet-Romans mit Ingrid Thulin und Maximilian Schell, J. Lee Thompsons, „Die Tür fällt zu“, umschiffen sie weiträumig. Thompson hatte einen Thriller als Thriller verfilmt, das Drehbuch hatte ihm Julius Epstein geschrieben, der Autor von „Casablanca“. Als solcher ist er von einer der Vorlage angemessenen Eiseskälte und erzeugt schon in der berühmten Anfangsszene einer Zugfahrt eine Gänsehaut. Die lässt sich auch bei Petzold spüren, aber weniger als Folge effektsicheren Handwerks, vielmehr einer Beklemmung, die künstlerischer Minimalismus erzeugen kann.

Es gibt nur wenige Innenräume und ein paar Trümmer-Straßenecken. Ausstattungskino sieht anders aus. Diese Einfachheit passt zu einer Doppelgängergeschichte, wie sie das deutsche Kino vor 1933 geliebt hätte. Schon vor dem Ersten Weltkrieg kam das Motiv aus dem Fundus der deutschen Romantik in Mode, eine späte Blüte erlebte es in Fritz Langs von den Nazis verbotenem Meisterwerk „Das Testament des Doktor Mabuse“. Wenn die Nina-Hoss-Figur zu ihrer eigenen Doppelgängerin wird, getrieben von der Kraft der Liebe und dem Wunsch zu verzeihen, was man verzeihen kann, gleicht sie einer engelhaften Wiedergängerin. Und wird gerade dadurch zum Gespenst für ein Deutschland, das sich nicht erinnern will. In der unvergesslich starken Szene von Nellys inszenierter Ankunft blicken die Anwesenden gleichsam durch sie hindurch. Und Johnny wird natürlich recht behalten: Niemand fragt sie nach dem Lager.

Wie viel sie tatsächlich zu verzeihen bereit ist, erfährt man nicht. Eine Unsichtbare aber bleibt sie nicht. Auch wenn es den Wegsehern das Liebste wäre.

Phoenix. Regie: Christian Petzold.
D 2014. 98 Min.

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