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Samuel Leroy (Patrick Ridremont) kommt spät am Abend vom Einkauf nach Hause. In seinen Gedanken begleitet ihn seine verstorbene Frau.

TV-Kritik

„Unit 42“ will an Stieg Larsson erinnern, bleibt aber Salander light

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Diese belgische Krimiserie über Morde mit digitaler Komponente ist den deutschen Standard-Krimis durchaus voraus – aber nicht allzu weit.

Seit nun schon zwei Jahren lassen die Spartenkanäle wie arte, ZDFNeo und 3Sat die besten internationalen Miniserien am erstaunten deutschen Zuschauer vorbei-paradieren – oft mehrere pro Monat. Es gab preisgekrönte Meisterwerke aus Neuseeland zu sehen, eigenwillige Geheimtipps aus Frankreich, ikonoklastische Originale aus Skandinavien und auch mal die eine oder andere milde Enttäuschung aus Großbritannien.

Wenn man nun die Krimiserie „Unit 42“ sieht, aus dem Traditionsland der Miniserie Belgien, fragt man sich, ob die Vorräte nicht doch langsam erschöpft sind und ob man vielleicht den Boden der Vorratskiste erreicht hat. Damit kein falscher Eindruck entsteht: „Unit 42“ ist immer noch besser geschrieben, gespielt und gefilmt als die erbärmlichen deutsche Versuche im Genre wie „The Team“ - aber der deutsche Krimi-Einheitsbrei ist von hier aus schon in Sichtweite.

„Unit 42“ bleibt ein weichgespültes Versatzstück der Salander-Romane

In gewisser Weise ist es eine belgische Standard-Produktion, die für die dortigen Verhältnisse eben das Mittelmaß nicht übersteigt. Ein typischer Fernsehkommissar (schluffiger Dreitagebart!) mit seinem typischen Fernsehkommissarsprivatleben (Verwitwet! Dreifach alleinerziehend!) wird mit einer junger, respektlosen Hackerin zusammengebracht, die gerade in den Polizeidienst gewechselt ist, aber heimlich immer noch ihre eigene Agenda verfolgt.

Das Setting will an Stieg Larsson und seine radikalen Lisbeth-Salander-Romane erinnern, bleibt aber eher ein weichgespültes Versatzstück in einer typischen Krimi-Dramaturgie: Am Anfang liebt eine Leiche rum, am Ende ist ein Täter gefasst, und dann das ganze wieder von vorne. Zudem das ganze Konzept einer Brüsseler Ermittlungseinheit, die ständig auf Morde stößt, die deutlichen Bezug zum Internet haben, an der Grenze zwischen Glaubwürdigkeit und unfreiwilliger Komik balanciert – und wirklich schnell alt wird. Dazu eine Handvoll Macher, die allesamt Miniserien-Routiniers sind, eine entschieden farblose und brave Ästhetik, und bemühte, aber wenig inspirierte Darsteller – normalerweise ist das nicht die Art von Gallions-Projekt, das man unbedingt ins Ausland exportiert.

„Unit 42“ ist handwerklich makellos und manchmal inspiriert umgesetzt

„Unit 42“, Freitag 12.7., 22.50 Uhr, ZDFneo, im Netz verfügbar ab 13.7., 5.00 Uhr

Dass der deutsche Zuschauer beim Anschauen trotzdem einen frischen Wind spürt, hat eher etwas mit den Defiziten der hiesigen Krimi-Produktion zu tun. Zum einen ist „Unit 42“ handwerklich makellos und sogar an einigen Stellen inspiriert umgesetzt. Einige Kamera-Perspektiven durch mehrere Türen hindurch oder in schiefe Ecken hinein können tatsächlich Atmosphäre aufbauen, und vor allem der Schnitt bringt eine herrlich schroffe Pointiertheit in die üblichen Standard-Krimiszenen: Durch rabiate Verkürzung oder häufige Verschränkung von Szenen bleibt man oft nur wenige Sekunden und nur einen Wortwechsel lang an einem Ort, bevor plötzlich schon die Szene gewechselt wird. Dadurch entwickelt sich ein geradezu schnoddriger Rhythmus, der nie Routine oder Gleichgewicht aufkommen lässt.

Aber das größte Plus für den deutschen Zuschauer ist eben die Prämisse. Denn während es wirklich die Glaubwürdigkeit streckt, dass hinter jedem der auftretenden Verbrechen auch ein Cyber-Crime steckt, ist es für den deutschen Zuschauer ja schon eine Sensation, dass ein Polizist mit einem Computer umgehen kann.

Gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist so computer-feindlich (bei einem Durchschnittsalter seiner Zuschauer von über 60 Jahren ist das auch nicht überraschend), dass man es kaum fassen kann, wenn hier jemand nicht nur Social Media bedienen kann, sondern auch flüssig und ungekünstelt von IP-Adressen, Trojanern und signiertem Code spricht. Wer seine Standard-Krimikost also mit ein wenig Technik und guter Inszenierung aufgemotzt sehen will, kommt hier durchaus auf seine Kosten. 

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