Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Uxbal (Javier Bardem) sucht das richtige Leben im falschen.
+
Uxbal (Javier Bardem) sucht das richtige Leben im falschen.

Filmstart "Biutiful"

Die Unheilbaren

Moderne Sklaverei, tabuisierte Homosexualität, Krebs, Polizeigewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch: Dass man in Alejandro González Iñárritus Film "Butiful" von der Wucht des Elend nicht erschlagen wird, liegt wesentlich an der Schauspielkunst von Javier Bardem.

Von Katja Lüthge

Moderne Sklaverei, tabuisierte Homosexualität, Krebs, Polizeigewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch: Dass man in Alejandro González Iñárritus Film "Butiful" von der Wucht des Elend nicht erschlagen wird, liegt wesentlich an der Schauspielkunst von Javier Bardem.

"Bring’ deine Sachen in Ordnung. Regle deine Angelegenheiten.“ Es ist ein sehr nachdrücklicher Ton, mit dem Bea ihren Freund Uxbal auffordert, die Dinge des Lebens um seines Seelenfriedens willen zu ordnen. Doch so sehr sich der Kleinkriminelle in Alejandro González Iñárritus „Biutiful“ auch bemüht, er wird die Unordnung nicht beherrschen können. Wie sollte er auch, denn nichts weniger als die Verwerfungen einer inhumanen globalisierten Welt hat der mexikanische Regisseur seinem todkranken Protagonisten aufgebürdet.

Seit seine borderlinekranke Frau die Familie verließ, lebt Uxbal allein mit seinen beiden halbwüchsigen Kindern in einer runtergekommenen Wohnung in einem der ärmeren Viertel Barcelonas. Mehr schlecht als recht kommt er als kleines Licht im Umfeld von Hehlern und Menschenhändlern über die Runden. Chinesische Arbeitssklaven nähen hier in feuchten Kellern gefälschte Markenhandtaschen, die von illegal eingewanderten Afrikanern auf der Straße gehandelt werden. Brutale Polizeirazzien sind an der Tagesordnung – trotz Bestechung. Auch Uxbal profitiert von der Ausbeutung der Rechtlosen, nimmt diese aber immerhin als leidensfähige Individuen wahr. Seine Bemühungen allerdings, das richtige Leben im falschen zu versuchen, schlagen entsetzlich fehl.

Gegen das Ende anrennen

Das Sterben, moderne Sklaverei, zigfacher Tod, tabuisierte Homosexualität, Krebs, Polizeigewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch, psychische Erkrankungen, ein katholisch geprägtes Schuldgefühl – darunter macht es Iñárritu nicht. Dass diese Wucht des Elends nicht erschlagend oder pathetisch wirkt, ist der großartigen schauspielerischen Leistung von Javier Bardem zu verdanken, für die er in Cannes auch ausgezeichnet wurde. Der kantige Kanare spielt den unheilbar an Prostatakrebs erkrankten Uxbal mit einer immensen, auch körperlichen Glaubwürdigkeit. Während der Krebs ihn auszehrt, scheint er um so verzweifelter mit jeder Faser seines Körpers am Leben zu hängen: Die Sorge um seine Kinder, die Angst, sie könnten ihn vergessen, lassen ihn rastlos gegen das Ende anrennen. Dabei weiß er, wie wichtig es ist, in Frieden zu sterben. Wie seine Freundin Bea hat er die Gabe, mit den Verstorbenen zu reden. So beginnt und endet „Biutiful“ auch mit einer irritierend schönen Szene in einem Zwischenreich, in dem Uxbals Vater, den er nie kennengelernt hat, auf seinen Sohn gewartet hat.

„Biutiful“ ist der erste Film, den Iñárritu nach dem Zerwürfnis mit seinem Drehbuchautor Guillermo Arriaga gedreht hat. Für Furore sorgten die beiden vor allem mit ihrem Erstling „Amores Perros“, einem episodisch angelegten Drama aus der gemeinsamen Heimat Mexiko. Die clevere Verschränkung der Erzählstränge, das konzentrierte Hin- und Herspringen in Zeit und Raum, die seltsame Balance aus Brutalität und Zärtlichkeit waren aufsehenerregend. Bei ihren nachfolgenden, ähnlich angelegten Arbeiten „21 Gramm“ und zuletzt „Babel“ schwang aber immer auch ein bisschen zu offensichtlich der Stolz auf die clevere Erzählkonstruktion mit. Deshalb ist es schön zu sehen, dass Iñárritu Wesentliches ganz wunderbar auch in weniger eitle, lineare Form bringen kann, die über 147 Minuten zu fesseln vermag.

Die Bilder, die der Regisseur für die Geworfenheit seiner Figuren findet, sind auf authentische Weise unkitschig. Durfte Bardem in Woody Allens „Vicky Cristina Barcelona“ noch durch ein heiteres und aufgeräumtes Barcelona flanieren, ist die Stadt bei Iñarritu von klaustrophobischer Enge. Ein einziges Mal gestattet er den Blick auf das nahe Meer, doch nur, um das Freiheitsversprechen mit brutaler Geste zu negieren. „Biutiful“, so buchstabiert Uxbals Tochter in einer Szene das englische beautiful, sind dagegen manch friedliche Momente zwischen dem Vater und seinen Kindern. Zum Heulen schön.

Biutiful, Regie Alejandro González Iñárritus, E/Mexiko 2010, 147 Min.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare