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Unfall auf der Überholspur

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Von: Tilmann P. Gangloff

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Anna Schudt verkörpert in "Ein Schnupfen hätte auch gereicht" die Hauptfigur Gabi Köster.
Anna Schudt verkörpert in "Ein Schnupfen hätte auch gereicht" die Hauptfigur Gabi Köster. © RTL

Die größte Überraschung dieser sehenswerten Verfilmung von Gaby Kösters Schlaganfallbuch ist die Badenerin Anna Schudt als rheinische Frohnatur.

Die Fans von Gaby Köster werden der Verfilmung ihrer Schlaganfallbiografie „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ womöglich mit einer Mischung aus Vorfreude und Skepsis entgegensehen: Gerade der Sprachduktus der Kölner Komikerin ist unverkennbar; es ist schon oft genug in die Hose gegangen, wenn sich Schauspieler an einem fremden Dialekt versucht haben.

Verkörpert wird die rheinische Frohnatur von der Badenerin Anna Schudt, und die hatte mit Köster bislang allenfalls die Tatsache gemein, dass sie als gebürtige Konstanzerin quasi ebenfalls am Rhein aufgewachsen ist. Umso größer ist der Überraschungseffekt: Schudt hat sich die Rolle wie eine zweite Natur angeeignet. Das betrifft gar nicht mal so sehr die äußerliche Ähnlichkeit. Viel verblüffender sind der Tonfall und die typische Sprachfärbung. Schudt trifft Kösters unverwechselbare Sprechweise derart gut, dass man sich spätestens beim eingesprochenen Kommentar fragt, ob hier nicht doch das Original am Werk war.

Das Drehbuch (Gerd Lurz) hält sich zumindest bei der biografischen Ebene eng an Kösters Vorlage. „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ beginnt wie ein klassisches Dokudrama mit Originalaufnahmen, die die phänomenale Fernsehkarriere der Komödiantin beleuchten. Das Leben auf der Überholspur endet jäh, als sie einen Schlaganfall erleidet. Aber es ist kein Absturz aus heiterem Himmel.

Köster wird zwar als Frohnatur eingeführt, die kurz vorm Urlaub mit den Kollegen Mike Krüger und Hugo Egon Balder herumblödelt, doch es gibt erste Warnzeichen: Ihr linker Arm macht nicht mehr richtig mit. Im Krankenhaus ist dann Schluss mit lustig, und nun zeigt sich auch, warum für diese Rolle keine ausgewiesene Komödiantin nötig war: Die Patientin ist unleidlich, herrisch und voller Selbstmitleid. Als sie schließlich auch noch ihre hingebungsvoll bemühte Physiotherapeutin Jacky (Jasmin Schwiers) zutiefst kränkt, würden Sympathie- und Empathiewerte normalerweise den Nullpunkt erreichen, wäre da nicht hinter all der Verbitterung irgendwo die liebenswerte Gaby Köster aus dem Prolog verschüttet; und die gräbt der Film nun wieder aus.

„Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ (Regie: Christine Hartmann) ist eine Produktion von Zeitsprung Pictures, jenem Unternehmen, das dank großer und vielfach ausgezeichneter Werke wie „Das Wunder von Lengede“, „Contergan“ oder „Frau Böhm sagt nein“ für herausragende Fernsehfilme steht. Das erklärt, warum das Drehbuch die Krankheitsgeschichte so ungeschönt erzählt. Zwischendurch gibt es zwar auch mal witzige Momente, aber ansonsten dokumentiert der Film die Krankengeschichte: vom Erwachen aus dem künstlichen Koma, als die Patientin zunächst bloß unartikulierte Laute von sich geben kann, über das mühsame Unterfangen, die Kontrolle über ihren Körper wiederzuerlangen, bis zur Frustration darüber, dass der linke Arm und das linke Bein zu nichts mehr zu gebrauchen sind.

Gerade in diesen Szenen erreicht der Film eine weitere Qualitätsstufe: weil überhaupt nicht mehr wichtig ist, dass Anna Schudt eine der berühmtesten deutschen Komikerinnen spielt. Nun geht es nur noch um eine Frau, die sich nach einem Schicksschlag ins Leben zurückkämpft. Dazu passen auch die eingeblendeten Sätze am Schluss, die darüber informieren, wie viele auch jüngere Menschen in Deutschland einen Schlaganfall erleiden (Köster war 46); die Macher möchten den Film als Dank an all jene verstanden wissen, die den Betroffenen beistehen. Das erklärt auch, warum die zweite Erzählebene mit der Physiotherapeutin so viel Platz bekommt, denn im Grunde ist dieser B-Strang unangemessen groß. Gerade Jackys Eheprobleme (als nichtsnutziger Ehemann: Oliver Wnuk) führen recht weit von der eigentlichen Geschichte weg; mit Kösters Buch haben sie ohnehin nichts zu tun. Offenbar wollten die Verantwortlichen eine zweite Identifikationsfigur, die näher am Publikum ist. Dass dieser Parallelstrang nicht zum unnötigen Ballast wird, liegt vor allem an Jasmin Schwiers. Sie hat in der RTL-Serie „Ritas Welt“ einst Kösters Tochter gespielt und verkörpert die Therapeutin als patente Alltagsheldin.

Und so ist „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ nicht zuletzt ein Film, der all Jenen Mut macht, die ein ähnliches Schicksal wie Gaby Köster erlitten haben. Dafür sorgt auch der ebenfalls täuschend echt von Schudt gesprochene Kommentar, der die bitteren Ereignisse immer wieder mit grimmigem Sarkasmus konterkariert. In diesem Umfeld ist selbst die schlichte, aber trotzdem wahre Botschaft angebracht, die der Film im Prolog vermittelt: „Das Wichtigste im Leben ist doch, dass man das Lachen nie vergisst.“

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