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Berührend, aber formelhaft erzählt: Peter Macdissi und Paul Bettany in „Uncle Frank“.
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Berührend, aber formelhaft erzählt: Peter Macdissi und Paul Bettany in „Uncle Frank“.

„Uncle Frank“

„Uncle Frank“: Bittere Nostalgie

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Alan Balls Coming-Out-Drama „Uncle Frank“, ein weiterer verhinderter Kinofilm, den nun Amazon Prime streamt.

Auch wenn in Hollywood die meisten Kinos noch immer coronabedingt geschlossen sind, darf die „award season“, wie man dort das herbstliche Schaulaufen möglicher „Oscar“-Anwärter und -innen nennt, nicht ausfallen. Bereits während der ersten Lockdowns hatte die Filmakademie auch die Streamingdienste als Abspielorte zugelassen und die Preisverleihung auf den April 2021 verschoben. Die bekannten Anbieter, ohnehin Profiteure der Pandemie, haben sich in Stellung gebracht und springen mit ihren gewaltigen Ressourcen in die Lücke. Kinofans sehen es nicht ohne Sorge: Traditionell ist der Herbst die Jahreszeit für anspruchsvolle und ernstere Dramen, eine Kinosaison, die nun hinter verschlossenen Türen verstreicht – und nur sehr partiell ins Heimkino abwandert. Schließlich sind die großen Streamingdienste, anders als der einflussreiche Kabelpionier HBO, nicht unbedingt für radikale Experimente bekannt. Was sie suchen, ist „art house“ für Millionen – als Ergänzung zu den erfolgreichen Serienformaten, mit denen sie vor allem ihre Abonnenten und Abonnentinnen gewinnen.

„Uncle Frank“ bedient die Publikumserwartungen

Den Anfang machte Netflix mit Sophia Lorens vielbeachtetem Comeback im Sozialdrama ihres Sohns Edoardo Ponti „Du hast das Leben vor dir“, gefolgt auf demselben Kanal von Ron Howards Bestsellerverfilmung „Hillbilly Elegy“. Nun ist Amazon an der Reihe und veröffentlicht in dieser Woche einen Film, der wohl sonst in den Kinos gelaufen wäre, einen Publikumsliebling des letzten Sundance-Festivals.

„Uncle Frank“ ist tatsächlich ein Musterbeispiel dafür, wie man möglichst viele Publikumserwartungen auf einmal bedienen kann: Es ist die Coming-of-Age-Geschichte einer Heranwachsenden, die sich, aus der Südstaatenprovinz kommend, die New York University erobert.

Es ist ein psychologisches Drama um das schmerzhafte Coming-out des von der Teenagerin bewunderten Außenseiters der Familie, des feinsinnigen College-Dozenten Uncle Frank. Es ist eine gebrochen-nostalgische Reise in die Siebzigerjahre und schließlich ein Roadmovie in den heimelig-unheimlichen, konservativen Süden, das verdächtig an den „Oscar“-Gewinner „Green Mile“ erinnert.

„Uncle Frank“ beginnt einschmeichelnd wie „American Beauty

Autor und Regisseur Alan Ball kennt sich in Kino- wie Seriendramaturgien gleichermaßen aus. Für sein Drehbuch zum Mittelschichtsdrama „American Beauty“ erhielt er einen Oscar, um danach so angesehene und erfolgreiche Serien zu erfinden wie „Six Feet Under“ und „True Blood“. Doch auch erstklassige Serienarbeiten führen zu Routinen. Und wahrscheinlich schüttelt man nach Dutzenden von Folgen auch ein Kinodrehbuch dann einfach so aus dem Ärmel, routiniert, aber ohne Widerhaken. Es ist so eine Sache mit dem formelhaften Erzählen: Nichts ist dagegen zu sagen, wenn bekannte Handlungsmuster auch zum tausendsten Mal variiert werden – solange über diesen tragenden Skeletten mehr wächst als nur Haut und Knochen.

Tatsächlich beginnt dieser Film, erzählt aus den Erinnerungen der Protagonistin Beth, einschmeichelnd wie „American Beauty“ – um dann von leiser Hand ähnlich zielstrebig auf ein möglicherweise – verraten wir es nicht – tragisches Finale zuzusteuern. Die 18-jährige Sophia Lillis, die wir schon in „Gretel and Hansel“ bewundern konnten, ist das Ereignis dieses geschmeidigen und verführerischen ersten Filmdrittels. Wenn Uncle Frank, gespielt von Paul Bettany, sie vorsichtig beiseitenimmt, um sie zu fragen, ob sie denn wisse, was das Wort „gay“ bedeute, gelingt ihr eine hinreißende Sprachlosigkeit. Ihr stummes Nicken mag wohl bedeuten, dass das etwas ist, das ihr zu Hause in South Carolina mal zu Ohren gekommen ist – und das man gleichwohl niemals ausgesprochen hätte. Es ist nicht leicht, wie es Lillis hier gelingt, Intelligenz und ländliche Unschuld auf einmal zu verkörpern.

„Uncle Frank“: Man versinkt förmlich in einschmeichelnder Glätte

Weit offener als Uncle Frank geht dessen von ihm seit zehn Jahren vor der Familie geheim gehaltener Lebensgefährte Walid, Peter Macdissi, mit seiner Homosexualität um – aus Saudi-Arabien ist er in die USA emigriert, um der drohenden Todesstrafe zu entgehen. Die sympathische, aber oberflächlich gezeichnete Figur erweist sich in Balls Drehbuch freilich zusehends als Schwachpunkt. Warum zeigt sich gerade dieser selbst Verfolgte so unverständig gegenüber Franks Widerstand, sich gegenüber seiner konservativen Familie zu outen? Als Frank zur Beerdigung seines Vaters in seine Heimat fährt, begleiten ihn Beth und Walid – ohne zu ahnen, was für ein Trauma dieser in seiner von Homophobie geprägten Jugend mit sich schleppt.

So emotional berührend diese Szenen sind, leiden sie doch zusehends unter der formelhaften Erzählung. Wenn der Film schließlich in Rückblenden aus Franks Jugend schwenkt, scheint der Filmemacher sogar vergessen zu haben, dass diese Geschichte doch eigentlich von der jungen Nichte erzählt wird. Am Ende ist es nicht anders als bei vielen der Serien, auf die sich Amazon und Netflix ja spezialisiert haben – man versinkt förmlich in einschmeichelnder Glätte – und hat am Ende das Gefühl, nichts gesehen zu haben, das man noch nicht kannte.

Es ist ein Phänomen des gegenwärtigen Serienbooms, dass man mitunter ganze Staffeln hochgelobter Produktionen sieht – und sich am Ende kaum an den Titel erinnern kann. Spielfilme stehen dagegen immer mehr im Schatten des seriellen Erzählens, dabei haben sie den meisten Serien zumindest etwas voraus: Sie führen ihre Geschichten notgedrungen an einen definitiven Schluss, weil sie nicht auf weitere Staffeln hoffen müssen. Im Kinosaal, den wir ja meistens, während der Film läuft, nicht verlassen, wird uns diese Ausschließlichkeit noch bewusster. Müssen wir uns bereits Sorgen machen, dass diese Erzählkultur in der Streamingwelt verloren geht? Amazon, Netflix, Sky und Disney plus lassen jedenfalls keine Gelegenheit verstreichen, das Kinopublikum zu sich herüberzulocken.

Uncle Frank. USA 2020. Regie: Alan Ball. 95 Minuten.

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