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Maren (Maria Simon) im Tunnel.

TV-Kritik

Der unbekannte Feind

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Eine Frau verliert mehr als die Übersicht: Maria Simon in dem unheimlichen ZDF-Film "Im Tunnel".

Ein schizophrener Schub braucht die Welt der Verschwörungstheorien nicht, um sich auszubreiten. Aber verwirrende Umstände dürften ihm zuträglich sein, ebenso wie die modernen Überwachungsmöglichkeiten. Man sieht in diesem Film einen Laptop      untergehen, kein angenehmer Anblick, aber es wird verhindern, dass die eingebaute Kamera dem unbekannten Feind weiterhin Bilder liefert.

Ein junger Mann ist tot, seine Arbeit brachte ihn mit einer Firma zusammen, die in eventuell nicht reinliche Sondermüllgeschichten verwickelt ist. Seine Schwester ist helle, selbstbewusst, unzufrieden mit der Arbeit der Polizei. Sie will sich selbst dahinterklemmen. Das heißt, eigentlich will sie demnächst mit einer netten Freundin ein Café eröffnen, ihr Mann hilft mit, es ist Carlo Ljubek, der so sympathisch spielt, wie er nur kann.

Die beiden haben zwei reizende Kinder. Jetzt ist die Frau trotzdem sehr abgelenkt beziehungsweise äußerst fokussiert – im Tunnel eben, einem insofern symbolischen Stück Hamburger Untergrund, in dem sie die Lösung des Geheimnisses vermutet.

Das Drehbuch von Astrid Ströher spielt fast kein Versteckspiel. „Im Tunnel“ könnte ein Thriller sein, aber bald denkt das nur noch Maren selbst, alle anderen denken, dass Maren völlig wahnhaft ist. Und auch das könnte noch ein Thriller sein, aber Ströher erzählt in einer großen Rückblende als Rekonstruktion der Vorfälle im Gespräch mit einer Gutachterin (nüchtern bis ins Mark: Johanna Gastdorf). Und auch das könnte noch ein Thriller sein, aber es wird immer unwahrscheinlicher.

Ströher verzichtet damit auf den „A Beautiful Mind“-Clou – als unbedarfte Zuschauer sehr spät und schmerzlich plötzlich begriffen, dass auch Russell Crowe einen Mann spielte, der völlig wahnhaft war –, lässt uns aber umso sorgfältiger teilhaben am Weg in die Psychose.

Sie und Regisseur Kai Wessel bleiben dabei – ohne Tricks, wie gesagt – extrem eng bei Maren selbst, der Frau, die mehr als die Übersicht verliert. Und obwohl man es ahnt, so gut wie sicher weiß, ist es gleichzeitig verblüffend, wie logisch Maren alles vorkommen muss.

Das macht auch die Besetzung, die nicht auf Empfindlichkeit, sondern Energie setzt. Maria Simon ist im Wahn geradezu begeisterungsfähig und über weite Strecken eher engagiert als außer sich. Die Welt, sagt sie, wolle sie klar sehen, und da merkt sie eben, dass ihr Mann ein Schläfer, das Ziel der bösen Firma eine schmutzige Bombe und das Ende vom Lied die Errichtung einer Diktatur ist. Auf der wildesten Flucht erinnert sie aber noch ihre Kinder daran, sich anzuschnallen Sie ist eine gute Mutter. Die Kinder graut’s vor ihr, andererseits sind sie alle einander sehr vertraut. Die Gratwanderung, von der „Im Tunnel“ dem Titel zum Trotz erzählt, ist nicht unheimlich spannend, aber unheimlich.

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