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Ulrike Ottinger steht vor ihrem Bild „Allen Ginsberg“ in einer Szene des Films „Paris Calligrammes“. 

„Paris Calligrammes“

Ulrike Ottinger „Paris Calligrammes“ im Kino: Poesie und Politik

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„Paris Calligrammes“: Die große Autorenfilmerin Ulrike Ottinger hat ein grandioses dokumentarisches Porträt der Pariser Bohème der frühen Sechziger geschaffen.

Es könnte der Anfang eines Nouvelle-Vague-Films sein: Im Jahr 1962 macht sich eine junge Frau aus Konstanz auf den Weg nach Paris, um eine große Künstlerin zu werden. Schon ihr Gefährt lässt daran wenig Zweifel – eine himmelblaue Isetta, die sie mit Eulen bemalt hat. Als das Rollermobil auf halbem Weg schlapp macht, lässt sie es am Straßenrand zurück. Fünf Männer in einem großen schwarzen Citroen halten an und nehmen sie mit in die Seine-Metropole. „Sie sahen aus wie Bankräuber oder Darsteller in einem film noir“, erinnert sich die Anhalterin von damals fast sechs Jahrzehnte später. Paris, damals das Welt-Mekka der Bohème, sollte sie nicht enttäuschen: Als sie die Stadt 1969 wieder verlässt, hat sie ihren künstlerischen Weg gefunden.

Reisen, und die Verwandlungen, zu denen sie die Mutigen und Neugierigen befähigen, sollten der entscheidende Werkstoff in der Kunst von Ulrike Ottinger bleiben. Ihre rund 25 Spiel- und Dokumentarfilme führten sie in die Mongolei, nach China oder in die Arktis. Und nun in die Vergangenheit. „Paris Calligrammes“ rekonstruiert die Pariser Künstler-, Literaten- und Exilantenszene, wie sie Ottinger in ihren prägenden Jahren erlebte. Einerseits ist es eine künstlerische Autobiographie, vergleichbar den filmischen Selbstporträts ihrer Kollegin Agnès Varda. Zugleich ist es aber auch ein Panorama einer verlorenen Zeit, das weit über das eigene Werk hinaus weist.

Es gibt viele Dokumentarfilme über historische Orte und die künstlerischen Spuren, die sie bewahren, aber die wenigsten Filmemacher stürzen sich dabei derart tief in die Recherche wie Ottinger; das filmische Archivmaterial, das sie gefunden hat, ist schier überwältigend. Ebenso erstaunlich ist, wie leichthändig sie in dieser wiedererstandenen Welt von Saint-Germain-des-Prés und des Quartier Latin flaniert mit ihren Künstlercafés, Galerien und Jazzkellern. „Ich folgte den Spuren meiner Heldinnen und Helden“, sagt die Filmemacherinnen, die den Kommentar selbst spricht, „und wo immer ich sie fand, werden sie in diesem Film erscheinen.“

Der zentrale Schauplatz, die heute nicht mehr existente Buchhandlung „Paris Calligrammes“, gibt dem Film den Titel. Der jüdische Exilant Fritz Picard hatte sie 1951 gegründet und nach einer Gedichtsammlung von Guillaume Apollinaire benannt. Der ebenfalls aus Konstanz stammende Picard weiht seinen jungen Stammgast in seine Geheimnisse ein, nimmt Ottinger mit auf seine Beutezüge, etwa beim Ankauf deutscher Vorkriegsliteratur aus dem Besitz anderer Exilanten. In Picards Umfeld traf die Vorkriegs-Avantgarde auf die der damaligen Gegenwart, Dadaisten begegneten Situationisten.

Ein heimlicher Hauptdarsteller ist Picards lange verschollenes Gästebuch mit Einträgen und Zeichnungen von Raoul Hausmann, Max Ernst, Hans Arp oder Paul Celan, das Ottinger erst am Ende der Dreharbeiten unverhofft in die Hände fiel. Über den Fundort wird im Film nichts verraten, tatsächlich war es das Berliner Auktionshaus Bassenge, wo es die Filmemacherin für einen erklecklichen Betrag dabei hindern konnte, wieder in die Anonymität abzutauchen. Auch ein eigenes frühes Kunstwerk fand sie darin wieder.

Aus aller Welt kamen junge Künstler in der Nachkriegszeit nach Paris, als sei die französische Stadt selbst bereits so etwas wie eine Kunstschule. Ottinger fand ihre kostenlose Akademie in der Grafikwerkstatt des Künstlers und Literaten Johnny Friedländer. Eher beiläufig zeigt sie im Film ihr wenig bekanntes bildnerisches Frühwerk, darunter die semiabstrakten Landschafts-Radierungen ihrer „Israel“ betitelten Mappe, die sie als noch unbekannte Künstlerin sogar an die französische Nationalbibliothek verkaufen konnte.

Ebenso viel Raum wie ihrer frühen künstlerischen Entwicklung gibt sie dem politischen Umfeld – den dramatischen Erschütterungen in der Zeit zwischen dem Algerienkrieg und den Studentenprotesten. Ottinger verklärt nichts: „Dem Mai 68 mit seinen berechtigten Forderungen nach Reformen war das Ziel aus den Augen geraten“, kommentiert sie und zeigt Dokumentaraufnahmen des großen Theatermachers Jean-Louis Barrault, der seine Spielstätte im Odéon den Studenten geöffnet hatte und diese (nach dem Rauswurf durch Kulturminister André Malraux) verlassen muss – die Protestierenden hatten auch Barraults Arbeitsmaterialien verwüstet. Es ist ein tragisches Bild, wie der Star aus dem Filmklassiker „Kinder des Olymp“ aus seinem eigenen Olymp vertrieben wird. Das Poetische in der Kunst scheint gegen das Politische keine Chance zu haben.

Tatsächlich wird es Ottinger in ihrem eigenen Werk gelingen, beides zusammenzubringen – die zu Beginn ihrer Paris-Zeit tabuisierte Kolonialismuskritik und das Spielerische ihrer interkulturellen Neugier. Von einer poppigen, am Comic-Strip orientierten Malerei führt sie der Weg zum Film.

Im Jahr 1972 entsteht ihr Debüt „Laokoon & Söhne“: Im Kino findet Ulrike Ottinger „eine neue Kunst, in der ich alles, was mich interessierte, zusammenbringen konnte: Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, Musik und Sprache, Rhythmus und Bewegung, Öffentliches und Privates, Politisches und Poetisches, Trauer und Freude, das war es, was ich wollte.“

Paris Calligrammes.Dokumentarfilm, D 2020. Regie: Ulrike Ottinger. 129 Min.

Von Daniel Kothenschulte

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