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Ulrich Wegenast verlässt das Trickfilmfest Stuttgart – Der Animator

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Von: Daniel Kothenschulte

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Ulrich Wegenast tritt als Leiter des Stuttgarter Trickfilmfestivals ab.

Bevor es „lebende Fotografien“ gab, wie man die ersten Filme schwärmend nannte, gab es Animation. Hier begann die wahre Zauberei, und sie fasziniert bis heute. Dass dem Trickfilm jedes Jahr in Stuttgart ein Festival gefeiert wird, nach Annecy das zweitwichtigste der Welt, ist maßgeblich Ulrich Wegenast zu danken. Dass er wie jetzt bekannt wurde, nach 17 Jahren aufhört, ist ein schwerer Schlag für die deutsche Filmkultur. Für die Stuttgarter folgt die Hiobsbotschaft auf eine nur knapp abgewendete Katastrophe, dem drohenden Umbau des Festivalkinos Metropol, eines Traditionshauses aus Stummfilmtagen, in eine Kletterhalle. Eine adäquate Nachfolge für Wegenast wird schwer zu finden sein.

Der 1966 geborene Historiker und Kunsthistoriker – und passionierte Schlagzeuger – hatte an der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler ein Aufbaustudium in Kultur- und Medienmanagement absolviert. Bereits als Student hatte er 1987 das noch immer bestehende Experimentalfilmfestival, Stuttgarter Filmwinter, mitgegründet. Leichthändig vereinte er also das Kreative mit dem Wirtschaftlichen – oft gegenläufig arbeitende Bereiche, für die andere Festivals eigens Doppelspitzen engagieren müssen.

Spitzenplatz für Deutschland

2003 hatte Wegenast die Leitung des Internationalen Trickfilmfestes von dessen visionärem Gründer Albrecht Ade übernommen. Kultur- und Wirtschaftspolitik spielten sich in einem historisch seltenen Augenblick in die Hände. Tatsächlich belegen heute im schwachen Auslandsmarkt für deutsches Kino Animationsfilme regelmäßig Spitzenplätze.

Als Wirtschaftsfaktor ist Animation heute allgegenwärtig – vom Gaming bis hin zu Benutzeroberflächen oder bildgebenden Verfahren in der Wissenschaft. Kulturell jedoch tut sich Deutschland mit der Kunstform, deren Pionierinnen und Pioniere wie Lotte Reiniger, Walter Ruttmann oder Oskar Fischinger es hervorbrachte, noch immer schwer. Ulrich Wegenast konnte wie kaum ein zweiter die verschiedenen Kontexte – Medienwissenschaftler sprechen von Dispositiven – unter einen Hut bringen.

Es gehört zu den tragischen Ironien des Festivalbooms, dass die eigentliche Leitungsqualität, die Begabung zur Filmvermittlung, immer weniger gefragt scheint. Gesucht werden Manager, wie die kulturellen Inhalte generell in den Hintergrund gegenüber Wirtschaftlichkeit und Medienwirksamkeit treten. Leichthändig managte Wegenast all diese Bereiche – und förderte dabei das Ansehen des Animationsfilms in Deutschland wie kaum jemand sonst. Wie die Film- und Medienfestival gGmbH am Mittwoch bekannt gab, verlässt Wegenast die Gesellschaft für neue berufliche Herausforderungen.

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