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Ukraine-Krieg bei Markus Lanz – Das „Befrieden“ Putins ist gescheitert

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Von: Jendrik Walendy

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TV-Talk mit Markus Lanz am 30.03.2022
Der TV-Talk mit Markus Lanz am Mittwoch (30.03.2022). (Screenshot) © ZDF

Im ZDF diskutiert Markus Lanz über den Ukraine-Krieg. Ein Fokus ist das Handeln Deutschlands: „Wir finanzieren diesen Angriffskrieg in der Ukraine.“

Hamburg – Putin sei ein Diktator, „an den die Realität immer weniger herangetragen wird“ und der sich militärisch „völlig verspekuliert“ habe, so die aus der Ukraine angereiste ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf in der gestrigen Talkrunde bei Markus Lanz. Ihre scharf formulierten und fundierten Hintergrundkenntnisse zum Krieg in der Ukraine und der Politik Wladimir Putins bildeten an diesem Abend die Grundlage eines Gesprächs, das sich schließlich intensiv um die Auswirkungen von Erdgas-Embargos und eine Neuorientierung der deutschen Wirtschaftspolitik drehte.

Eigendorf gestand, selbst bis wenige Tage vor Beginn des Angriffskrieges nicht damit gerechnet zu haben, dass Putin diesen Schritt gehen werde, weil ihr die außergewöhnliche Wehrhaftigkeit der Ukrainer immer klar vor Augen gestanden habe. Die Entscheidung Putins, Krankenhäuser, Kindergärten, und Geburtsstationen zu „strategischen Zielen“ zu erklären, erklärte Eigendorf dann auch als Einschüchterungsversuch des russischen Machthabers, der so unter Beweis stellen wolle, wie weit er zu gehen bereit sei.

Roth bei Makrus Lanz (ZDF): „Befrieden“ Putins in der Ukraine hat nicht funktioniert

Angesichts der verheerenden Zerstörung, die in einem Einspieler deutlich wurde, musste auch der sichtlich mitgenommene SPD-Politiker Michael Roth bei Markus Lanz eingestehen, dass das „Einhegen“ und „Befrieden“ Putins durch die deutsche Politik eindeutig gescheitert seien. Eigendorf ergänzte später, dass man diese Schlüsse schon vorher hätte ziehen müssen. Die Inszenierung eines Attentats im Auftrag Putins, das den Krieg in Tschetschenien möglich machte, und der Einsatz chemisch-biologischer Waffen in Syrien seien schließlich schon lange bekannt gewesen.

Selbstkritisch zeigte sich auch die aus Moskau zugeschaltete Journalistin Marina Owsjannikowa, die in einer live übertragenen Sendung des russischen Staatsfernsehens gegen den Ukraine-Krieg protestiertet hatte und nun auf eine Gerichtsverhandlung wartet. Sie sprach von dem „Informationsvakuum in Russland“, zu dem sie als Mitarbeiterin selbst lange beigetragen habe, das sie aber nun mit ihrer Aktion zu durchbrechen versucht hat.

Ukraine-Krieg: Gas-Diskussion bei Markus Lanz (ZDF) – schon Schröder scheiterte

Nach dieser Bestandsaufnahme entwickelte sich schließlich ein ebenso dichtes wie kontroverses Gespräch über die ökonomischen Folgen einer Blockierung der russischen Gaslieferungen im ZDF. Hauptantagonisten dabei waren Roth und Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger Bachmann, der als Mitverfasser eines Papers zu den Auswirkungen eines solchen Schrittes in letzter Zeit verstärkt in den Medien stand.

Markus Lanz wies darauf hin, dass sogar Olaf Scholz implizit an Bachmann Kritik geübt habe in einer Rede, die dessen Forschungsergebnisse als falsch darstellte und behauptete, die meisten Wirtschaftswissenschaftler würden diesen widersprechen. Der Ökonom stellte klar, dass seine Arbeit in einem internationalen, interdisziplinären Team angesehener Wissenschaftler entstanden sei, und Markus Lanz amüsierte sich über Bachmanns Seitenhieb gegen die SPD: An Kritik an einem Wissenschaftler hatte sich schon Gerhard Schröder während seiner Kanzlerschaft versucht, und der sei in letzter Zeit nicht gerade gut beleumundet.

Markus Lanz (ZDF) zum Krieg in der Ukraine: „Wir finanzieren diesen Angriffskrieg“

Bachmanns Kritik an der Politik der Koalition ging weiter mit der Aussage, Robert Habecks Warnungen vor den desaströsen Auswirkungen eines Gas-Embargos seien eine „Bauchgefühlsbehauptung“. Zwar sehe er eine Rezession von minus 3 % für realistisch an, angesichts der von der Corona-Pandemie ausgelösten minus 6% sei das aber verkraftbar.

Markus Lanz (ZDF) setzte mit der Aussage „Wir finanzieren diesen Angriffskrieg in der Ukraine“ den anwesenden SPD-Politiker Roth weiter unter Druck. Dieser gestand zwar ein, dass die Geldflüsse von einer Milliarde Dollar täglich ein moralisches Dilemma darstellten. Mit Detailerklärungen zu möglichen Problemen in einzelnen Branchen im Falle eines plötzlichen Embargos versuchte er dennoch Verständnis für die Politik der Koalition zu wecken, die einen verbindlichen Ausstiegsplan bis 2025 vorsieht. Wie weit die Zerstörung in der Ukraine fortschreitet, wenn man den Druck auf Russland erst in drei Jahren wieder erhöhen kann, wurde leider nicht gefragt. Allerdings konnte man sich das angesichts der Bilder vom Anfang der Sendung deutlich vorstellen.

Ukraine-Krieg bei Markus Lanz (ZDF): Die heraufbeschworene Angst vor „Gelbwesten“ in Deutschland

Aber auch die Sorgen von Roth und der Wirtschaftswochen-Journalistin Claudia Tutt bezüglich der Auswirkungen für Industrie und Verbraucher bei einem sofortigen Ausstieg ließ Bachmann nicht stehen. Unternehmen hätten immer wieder bewiesen, dass sie sich schnell anpassen können und auch gegen die von Tutt heraufbeschworene Angst vor deutschen „Gelbwesten“ und sozialen Unruhen gäbe es gute Instrumente.

Statt über einzelne Steuerungsmaßnahmen nachzudenken, wie es in Bezug auf die Benzinpreise gefordert wird, solle man die „Marktmechanismen laufen lassen und dann mit der Sozialpolitik hart dagegen steuern“, so der Ökonom bei Markus Lanz. Finanziert werden könne das unter anderem durch eine Reform der Erbschaftssteuer, um damit für größere soziale Gerechtigkeit zu sorgen – „so geht gute Wirtschaftspolitik.“ Damit eröffnete Bachmann eine Perspektive, die das einlöste, was der zögerliche Roth kurz zuvor als Rolle der Politik formuliert hatte: Anstelle von Angst für Hoffnung zu sorgen. (Jendrik Walendy)

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