1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Ukraine-Krieg bei „Die Anstalt“ (ZDF): Selbstreflexion und moralisches Fastfood

Erstellt:

Von: Moritz Post

Kommentare

Angesichts des Ukraine-Kriegs hat die „Die Anstalt“ ihr Programm geändert, sodass Max Uthoff und Claus von Wagner Gäste aus der Ukraine und Russland begrüßten.
Angesichts des Ukraine-Kriegs hat die „Die Anstalt“ ihr Programm geändert, sodass Max Uthoff und Claus von Wagner Gäste aus der Ukraine und Russland begrüßten. © Dirk Eidner/dpa

Am 8. März wollten Max Uthoff und Claus von Wagner eigentlich über andere Dinge sprechen. Doch wegen des Ukraine-Kriegs laden sie sich Oleg Denisov, Lena Liebkind, Diana Maria Miller und Nikita Miller in „Die Anstalt“ ein.

Waldimir Putins Russland verletzt die territoriale Integrität des souveränen Nachbarn Ukraine. Das gibt dem ZDF-Kabarettformat „Die Anstalt“ mit den Gastgebern Max Uthoff und Claus von Wagner die Möglichkeit, zur besten Sendezeit mit erhobenem Zeigefinger vermeintlich satirische Aufklärungsarbeit zu betreiben. So geschehen bereits im Jahr 2014, als der Zar von Moskau die ukrainische Halbinsel Krim völkerrechtswidrig annektierte.

Noch in guter Erinnerung sind Uthoffs Ausführungen zur „Lüge der US-amerikanisch gesteuerten Qualitätspresse“ und – wie damals die Kollegin Katja Thorwarth an hiesiger Stelle treffend schrieb – die Erzählung des Märchens von „einem Russland, das sich einzig für die Sicherheit der unschuldigen ostukrainischen Bevölkerung in der Pflicht sieht, die – vom Nato-Teufel unterstützt – von einer Fascho-Regierung plattgebombt wird“.

Die Uthoff’sche Mär aus den 2010er Jahren von Russland als deeskalierendem Akteur ist indes schlecht gealtert: In der Sprache des Kabaretts ließe es sich vielleicht so fassen, dass der russische Präsident sich nun die Maske der Harmlosigkeit heruntergerissen hat. Dumm nur, dass Wladimir Putin im Jahr 2022 den Überfall auf die Ukraine mit dem Ziel der – Tusch! – „Entnazifizierung“ des Landes rechtfertigt. Einzig neu – und vermutlich erst durch die Wahl des TV-Stars Wolodymyr Selenskyj zum Präsidenten aufgekommen – die hanebüchene Erzählung von einer ukrainischen Regierung, die aus Drogenabhängigen bestünde. In diesem Licht wirkt selbst die Behauptung der Existenz von Massenvernichtungswaffen als Grundlage für den Krieg im Irak durch die Administration von Goerge W. Busch aus dem Jahr 2003 fast seriös.

Ukraine-Krieg bei „Die Anstalt“: 50 Euro Spende für jeden Witz

Diese Vorgeschichte der „Anstalt“ aus dem Jahr 2014 im Hinterkopf erhält die Eröffnung der aktuellen Folge eine neue Wirkung, wenn der vor dem Putin-Regime geflohene russische Stand-Up Comedian Oleg Denisov die Gastgeber Uthoff und von Wagner fragt, ob sie Putin „mit all den Ihnen zur Verfügung stehenden Waffen angreifen werden?“. Da zieren sich die zwei von der Anstalt – wenngleich gespielt – noch ein wenig und verweisen darauf, dass Putin die Atomstreitkräfte in Einsatzbereitschaft gesetzt habe. „Ist das denn der richtige Zeitpunkt, um so jemand wie Putin zu reizen?“, fragt Claus von Wagner. Und sein Co-Gastgeber verspricht im gleichen Atemzug, dass dennoch Witze über Putin gemacht werden sollen. Beinahe wehklagend schon klingt Uthoffs Aussage, dass er „über die NATO-Ost-Erweiterung und gekündigte Abrüstungsabkommen gerne differenziert“ und Putins Sicherheitsinteressen zu verstehen versucht hätte. Und wahrscheinlich hätte er das wirklich gerne versucht. Allein er darf es an diesem Abend nicht.

Nun sei also nicht mehr die Zeit zum Differenzieren. Deshalb sollen Witze über Putin gemacht werden. Und für jeden dieser Witze spendet „Die Anstalt“ 50 Euro an das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe. Dafür hat man mit Abdelkarim, Hazel Brugger, Moritz Neumeier und Maxi Schaffroth, über Carolin Kebekus, Jochen Malmsheimer, Tobias Mann, Till Reiners, Martin Sonneborn und dem unvermeidlichen Oliver Welke die geeinte deutschsprachigen Comedy-Front aufgefahren. Feuer frei! Kann man machen. Macht’s nicht unbedingt besser. Trotzdem schön für das Geld. Danke dafür.

Komisches Niveau gewinnt diese Sonderausgabe der „Anstalt“, für die man das ursprüngliche Drehbuch ad acta gelegt hat, endlich mit dem Auftritt der kurzfristig eingeladenen Standup-Comedian Lena Liebkind und dem YouTube-Comedy-Duo Diana Maria Miller und Nikita Miller („Russenpeitsche“). Die drei diskutieren den Multi-Nationalismus der ehemaligen Sowjetstaaten, welchen die drei nicht nur im gezeigten Sketch demonstrieren, sondern in ihren eigenen Biographien repräsentieren und auf der Bühne vereinen. Und einig werden sie sich in der tragischen Pointe, dass es weder Russlands Krieg noch der Krieg der Ukraine sei, wenn Diana Maria Miller sagt: „Es ist Putins Krieg“. Auch so kann Komik funktionieren

„Die Anstalt“ zum Ukraine-Krieg: Moralisches Fastfood für die rasche politische (Meinungs-)Bildung

Das Stand-Up-Programm von Oleg Denisov, der nach Angaben der Macher:innen der „Anstalt“ einen der letzten Flüge aus Russland heraus hat nehmen können, überzeugt mit großer Selbstironie und reflektiertem Galgenhumor: „Wir alle sind Gefangene unserer eigenen Entscheidungen und wir zahlen ständig den Preis dafür“, hebt der Russe an. „Wir hoffen nur, dass wir den Preis nicht in Dollar oder Euro zahlen müssen, denn wir haben dieses Geld nicht mehr.“

Doch das Jahr 2014 hallt in der Selbstbeschäftigung der „Anstalt“ nach: Claus von Wagner hinterfragt “hinter den Kulissen“ das alte Lied Uthoffs auf die Neutralität der Ukraine gegen die gefühlte Bedrohung Russlands durch die Nato-Ost-Erweiterung und stellt fest: „Die Ukraine hatte einen guten Grund, in die Nato zu wollen: Die begründete Angst vor Russland.“ Tatsächlich differenziert folgt, dass nun kein Lobpreis auf das westliche Verteidigungsbündnis gesprochen wird, wenngleich es nach Claus von Wagner sehr erfolgreich gewesen sei. Im Gegenteil wird eine Geschichtsstunde erteilt, dass der sowjetische Gegenspieler der Nato, der Warschauer Pakt, das einzige Bündnis war, das ausschließlich seine eigenen Bündnismitglieder angegriffen und jede Demokratiebewegung niedergeschlagen hat. Max Uthoff schlussfolgert deshalb: „Vielleicht haben wir einfach unterschätzt, weshalb die NATO für Außenstehende so attraktiv war?“ Ja, das haben die beiden. Und letztlich haben die zwei Kabarettisten sich ihre Arbeit in den vergangenen Jahren sehr leicht gemacht. Überzeugend einfangen können sie ihre verfehlte Vorleistung damit aber nicht.

„Lena Liebkind, Comedienne ukrainischer Herkunft, den russischen Stand-up-Comedian Oleg Denisov sowie Diana Maria und Nikita Miller – zwei Comedians mit russischen Wurzeln“.

Gäste bei „Die Anstalt“ zum Ukraine-Krieg
Lena LiebkindComedienne ukrainischer Herkunft
Oleg DenisovRussischer Stand-up-Comedian
Diana Maria MillerComedian mit russischen Wurzeln
Nikita MillerComedian mit russischen Wurzeln

Das deutsche Publikum dürstet in schwierigen Zeiten – die ja doch eigentlich seit dem Wirtschaftswunder nie etwas anderes als schwierig waren – nach einer moralisch überlegenen Position. Und die hat das Publikum der „Anstalt“ liebend gerne von den beiden Gastgebern Max Uthoff und Claus von Wagner in 45 Minuten mundgerecht geboten bekommen. Zu kompliziert und mit möglichen Fallstricken belastet scheint auch gerade jetzt die Bildung eines eigenen moralischen Standpunktes. Seitdem der moralinsauere Volker Pispers den TV-Löffel abgegeben hat, taugt „Die Anstalt“ als Zapp-In-Ethik-Seminar mit moralischem Fastfood für die rasche politische (Meinungs-)Bildung und das gute Gefühl eines durch Satire reflektierten Standpunktes samt zeitgleich dargebotenen Halbwissens, mit welchen der Zuschauer in Diskussionsrunden deutscher Wirtshäuser von Baden-Württemberg (hier: „Zur Schwemme“) über Nordrhein-Westfalen (hier: „Zur Zeche“) bis Schleswig-Holstein (hier: „Zum Inselkrug“) prahlen und sich scheinbar sicher fühlen kann.

„Die Anstalt“ überzeugt mit guter Recherche zum Ukraine-Krieg

Dennoch: Die Kabarettisten und die zur neuen Staffel erweiterte Redaktion der „Anstalt“ leisten bei der Hintergrundrecherchen hierbei vor allem in dieser neuen Staffel nicht nur solide, sondern höchst zu lobende Arbeit - die Fakten- und Quellensammlung auf den Seiten der Sendung spricht für sich und ist belastbar. Vorwürfe über schlechter Recherche, wie sie vor einigen Jahren noch zu vernehmen waren, sind verstummt. Doch der Habitus des Gastgeber-Duos hat sich über die Jahre hinweg nicht nachhaltig geändert, wie auch die erste Folge der aktuellen Staffel gezeigt hat.

Anscheinend hat es einen Krieg in Europa gebraucht, damit die Moderation der Show nicht den fortwährend nölenden Ton satirischer Entlarvungsrhetorik der Gastgeber benötigt, die ständig zwischen moralischer zur intellektuellen Überlegenheit changiert, um doch noch die Ansprache an den ach so müden autoritären Charakter der Deutschen im Jahre 2022 zu finden. Ob das nachhaltig war, mag bezweifelt werden. Dafür spricht Uthoff auch heute weiterhin viel zu gerne in kurzen, kommandierenden Sätzen mit seinem Co-Part Claus von Wagner. (Moritz Post)

TV-KRITIK NEUES AUS DER ANSTALT: Ken-Jebsen-Stammtisch im ZDF

Auch interessant

Kommentare