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Szene aus "Seefeuer".
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Szene aus "Seefeuer".

Lampedusa-Film „Seefeuer“

Die Überlebenden und die Toten

Gianfranco Rosis besonnener Lampedusa-Film „Seefeuer“ kommt jetzt in die Kinos. Er wird es dort nicht leicht haben. Dabei lohnt es sich, diesen Film anzusehen.

Von Anke Westphal

Lampedusa sei jetzt deutlich besser auf die Flüchtlinge vorbereitet, hieß es unlängst im Deutschlandradio. Obwohl seit Wochen Tausende von den libyschen Küsten in Richtung Italien fliehen, scheint die kleine Insel im Mittelmeer der Lage inzwischen eher Herr zu werden als in den Jahren zuvor. Was offenbar nicht zuletzt an der Bürgermeisterin Giusy Nicolini liegt.

Ist Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Seefeuer“ über den Alltag auf Lampedusa deswegen überholt? Im Februar gewann ?Fuocoammare?, so der Originaltitel, als erster Dokumentarfilm in der Geschichte der Berlinaleden Goldenen Bären.Die Wettbewerbsjury konnte sich der politischen Dringlichkeit des Films nicht entziehen. Das ästhetische Herangehen Rosis spaltete die Kritiker hingegen: Der Regisseur behandle die Flüchtlinge wie eine anonyme Masse, lautete einer der Vorwürfe. Aber stimmt das?

Nein. Wer sich „Seefeuer“ anschaut, wird auch von Einzelschicksalen erfahren. Doch wie viele Zuschauer wird dieser Film nun nach seinem Kinostart tatsächlich gewinnen? Permanenter Krieg in Syrien, Putschversuch in der Türkei, wiederholte Amokläufe, islamistische Terroranschläge und die in diesem Zusammenhang wieder aufgeflammte Flüchtlingsdebatte – die Überforderung durch die gegenwärtige Nachrichtenlage lässt einen geradezu nach Eskapismus hungern.

„Seefeuer“ wird es nicht leicht haben in den Kinos. Und doch lohnt es sich, diesem Film anzusehen, denn er wählt eine ungewöhnliche Perspektive – etwa indem er zeigt, wie man auf Lampedusa mit jener Flüchtlingswelle umgeht, die täglich konkret ist für die Einheimischen.

Am Strand angespülte Leichen, aus den Schiffsbäuchen geborgene Tote; unzulängliche Boote, völlig überfüllt mit Menschen, die sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Westen aufgemacht haben. „Gott sei ihrer armen Seelen gnädig“, betet Maria, eine ältere Italienerin, beim Bettenmachen. Das Radio läuft; der Moderator verkündet, dass wieder so und so viele Tote geborgen wurden. 450 000 Menschen strandeten in den vergangenen Jahren auf Lampedusa; viele wurden in letzter Minute gerettet; rund 15 000 kamen wohl auf dem Weg in ein neues Leben um. 18 Monate hat sich Rosi auf der Insel aufgehalten, einige Bewohner begleitet und filmisch untersucht, wie weit die humanitäre Katastrophe hier den Alltag prägt.

Ebenfalls stark in der Kritik stand während der Berlinale, dass Rosi seine Kamera auch auf solche Flüchtlinge richtete, die offensichtlich kein Mitspracherecht mehr ausüben konnten, was die Verwendung ihrer Bilder und Geschichten anging – sie waren zu entkräftet oder lagen gar im Sterben. Der Vorwurf spiegelt indes das grundsätzliche Dilemma einer jeden medialen Berichterstattung, die humanitäre Katastrophen umfasst: Das des Bezeugens von fremdem Leid. Lampedusa ist inzwischen ein symbolträchtiger Ort – Symbol humanitären Scheiterns ebenso wie humanitärer Bemühungen.

Eben diesen schmalen Grat vermisst der Film. Für sein ungewöhnliches Stadtporträt „Sacro GRA – Das andere Rom“ wurde Gianfranco Rosi bei den Filmfestspielen von Venedig 2013 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Im Fall von „Seefeuer“ zeichnet der italienische Filmemacher wieder für Regie, Buch, Kamera und Ton verantwortlich – wie in einem Akt letzter Kontrolle, den die politischen Ereignisse den Betroffenen in diesem Films nicht gewähren.

Lampedusa verfügt über keinen eigenen Pathologen. Der ortsansässige Arzt beschaut die Toten ebenso, wie er die Überlebenden mit betreut. Manchmal muss er Nabelschnüre durchschneiden, die tote Neugeborene noch mit ihren auf der Flucht verstorbenen Müttern verbinden, erzählt er dem Regisseur. Rosi zeigt den Doktor bei der Ultraschalluntersuchung einer mit Zwillingen hochschwangeren Afrikanerin, wie er sich sehr zugewandt bemüht, das Geschlecht der Föten zu bestimmen. Auch so wird Individualität gewahrt.

Im Zentrum des Films steht allerdings ein Kind. Der zwölfjährige Samuele ist ein Protagonist, nach dem sich Regisseure alle Finger lecken. Der Junge ist eigensinnig und gewitzt und auch medial erfahren; er weiß sich darzustellen. Vor allem mit seinem Auftritt – anders kann man es nicht nennen – als energischer Hypochonder beim Arzt dürfte er die Herzen der Zuschauer gewinnen.

Aus dem hässlichen Konflikt zwischen ausgewähltem individuellen Benennen und einer großen kollektiven Namenlosigkeit, zwischen banalem Alltag und alltäglicher Katastrophe, aber auch aus dem Konflikt zwischen ästhetischer Bildgebung und aktuellem Gegenstand etabliert Rosi ohne jede Skandalisierung eine unbequeme Wahrheit: Dass Leben angesichts größter Dramen parallel verlaufen kann, in stetiger Nähe, ohne davon berührt zu sein. Maria und Samuele essen ihre Spaghetti, während einige hundert Meter weiter Geflüchtete sterben und die Überlebenden erst einmal auf Drogen untersucht werden von Polizisten.

Seefeuer. Italien/Frankreich 2016. Regie: Gianfranco Rosi. 109 Min.

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