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Walter und Wanda, Jannis Niewöhner und Malgorzata Mikolajczak.

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„Der Überläufer“ in der ARD: Stumpfsinn an der Macht

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Der ARD-Zweiteiler „Der Überläufer“ nach Siegfried Lenz hinterlässt einen genau zwiespältigen Eindruck.

Siegfried Lenz’ Roman „Der Überläufer“ ist 2016 mit 65-jähriger Verspätung erschienen. Die Mischung aus Nicht-direkt-Ablehnen, aber auch So-auf-keinen-Fall-Drucken stellte seinerzeit, 1951, einen charakteristischen Vorgang dar. Der zuständige Mann bei Hoffmann und Campe, Lenz’ Verlag von alters her, zauderte, schulmeisterte und stellte schließlich fest: „Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein.“ Lenz zog das Buch daraufhin zurück. Das Manuskript fand sich nach seinem Tod 2014 wieder.

Während inzwischen selbst die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und die Aufregung darüber in den 90er Jahren zum Teil der Geschichte geworden sind, kann man in „Der Überläufer“ lesen, wie ein sadistischer Unteroffizier Zivilisten quält und ermordet. Und wie Soldaten feststellen, dass sie auf der falschen Seite stehen, der Seite, auf der Unrecht und heilloser Stumpfsinn herrschen. Das ist es auch, was in der niveauvollen, intensiven Verfilmung von Florian Gallenberger, der mit Bernd Lange auch das Drehbuch schrieb, am stärksten wirkt: der erste Teil, der an einem praktisch schon verlorenen Zipfel an der Ostfront spielt.

„Der Überläufer“ ,  ARD, 20.15 Uhr, Teil 2 am Freitag, beide Teile schon jetzt in der Mediathek.

In den polnischen Wäldern hat sich eine Handvoll Soldaten verschanzt, angeführt von Willi Stehauf, den Rainer Bock als unvergesslichen Prototypen des geistig und emotional reduzierten Gewalttäters präsentiert. Mit ihm und seiner behaglichen Tücke – hier aber nicht in etwas Mephistophelisches, irgendwie doch noch ins Interessante gedreht – ist nicht fertigzuwerden, er ist als Mensch nicht ansprechbar.

Die eine Hälfte der kleinen Truppe macht mit, die andere zieht sich zurück, ist angeekelt, aber auf der Hut. Blanke Gewalt, sie funktioniert einfach, und die Front erscheint als rechtsfreier Raum. Gallenberger und Lange nehmen sich Zeit, die Gesichter zu zeigen, die Uniformierten verschwimmen zwar ein bisschen, aber da ist Bjarne Mädel als Koch mit dem zutraulichen Huhn, da ist Florian Lukas, der ausschließlich überleben will, da ist Sebastian Urzendowsky als Wolfgang, der die Hauptfigur, Walter, Jannis Niewöhner, zum Desertieren, zum Überlaufen zu den Russen überreden will.

Niewöhner als Überläufer, eine großartige Besetzung: ein hübscher, unverbindlicher Mensch, der im Krieg wie im falschen Film scheint, das Gesicht merkwürdig unbeteiligt, als hätte es sich versteckt. Dabei gibt er sich als Soldat Mühe und ist der Situation ausgeliefert, ist in die Situation verwickelt: Auch Walter greift Stehauf nicht in den Arm. Auch Walter erschießt einen Polen, weil er Angst vor dem Tod hat.

Im Wald lauern Partisanen, das Wetter ist fantastisch. Die schaurige Diskrepanz zwischen der Möglichkeit, im schattigen See zu plantschen, und der ebenso naheliegenden Möglichkeit, dabei erschossen zu werden, legt sich wie Mehltau über die Figuren. Lenz lässt Walter schon früh im Buch die Polin Wanda, Malgorzata Mikolajczak, treffen. Auch sie ist Partisanin. Walter und Wanda, sie verlieben sich gleich und lieben sich – bei Lenz und Gallenberger eine schöne, gar nicht peinliche Märchenszene.

Dann aber die Wendung

Und doch nimmt die Geschichte Wandas wegen in der ARD nun eine andere Wendung. Das ist der zweite Teil. Während Lenz sich auf einen erschreckenden Dreh konzentriert – Walter tötet versehentlich seinen auf dem Hof der Schwester verschanzten Schwager – und darin Walters Schuld effektvoll kulminieren lässt, bleibt das in der Verfilmung eine betrübliche Episode. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte mit Wanda zur die Jahre überdauernden Romanze. An unvermuteten, filmreifen Orten trifft man sich wieder, zumal Gallenberger und Lange Walters politische Karriere in der sowjetischen Besatzungszone deutlich aufpeppen. Da wird das große Rad gedreht, dazwischen immer wieder: Wanda und die Liebe.

Wirklich ein Zweiteiler, der aus zwei Teilen besteht, und der erste ist immens und der zweite banal, wenn auch in Edelbesetzung, darunter Ulrich Tukur und Leonie Benesch.

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