TV-Kritik

Am Puls Deutschlands im ZDF: 5 Jahre „Wir schaffen das“ - Auf der Suche nach echten Geschichten

  • vonHans-Jürgen Linke
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Es war nur ein kurzer Satz, der Deutschland die nächsten Jahre prägen sollte. Jochen Breyers Dokumentation zeigt sorgsam, was in der Flüchtlingspolitik richtig und was falsch lief.

  • Am Puls Deutschlands" im ZDF thematisiert Bundeskanzlerin Merkels berühmtes Zitat
  • Jochen Breyer sucht nach Gelingen und Missgelingen in der Flüchtlingspolitik
  • Die Dokumentation wird am Mittwochabend (26.08.2020) im ZDF ausgestrahlt

Wer hätte gedacht, dass ein kurzer, zuversichtlicher Satz wie „Wir schaffen das!“ solche Folgen haben kann. Angela Merkel äußerte ihn vor fünf Jahren programmatisch, als wollte sie mit dem „Wir“ eine Harmonie zwischen Staat und Zivilgesellschaft beschwören. 

Die rückblickende Wahrnehmung dieses Satzes und der daraus sich ergebenden so genannten Flüchtlingspolitik teilt heute das Land in mindestens zwei Lager, und viele Menschen spüren, ach, mindestens zwei Seelen in ihrer Brust, wenn sie über diesen Satz nachsinnen. Die mindestens zwei Lager und Seelen sind natürlich nicht erst vor fünf Jahren neu entstanden. Was aber ist in den vergangenen fünf Jahren aus ihnen geworden?

In „Am Puls Deutschlands“ im ZDF setzt sich Jochen Breyer mit der Flüchtlingspolitik und Angela Merkels berühmtem Zitat auseinander.

Am Puls Deutschlands im ZDF: Jochen Breyer findet Widersprüche

Jochen Breyer geht dieser Frage voller Behutsamkeit nach. Er sucht in der geteilten deutschen Seele nicht nach Spaltungsphänomenen und politischen Extremen. Er will auch niemandem von vornherein recht geben, weder denen, für die der September 2015 der Anfang vom Ende Deutschlands war, noch denen, die von ihnen verächtlich „Gutmenschen“ genannt werden. Breyer fahndet auch nicht nach Verantwortlichen für das, was schlecht gelaufen ist. Er sucht Geschichten von Menschen, die in der Mitte der Gesellschaft leben und ihre Einstellungen bilden, und er sucht Geschichten vom Gelingen und vom Misslingen flüchtlingspolitischer Initiativen. Er verbreitet keinen wohlfeilen Optimismus, auch Misslingen und dessen Symptome kommen klar zur Sprache: fehlender Integrationswille, abgebrochene Sprachkurse, kulturelle Fremdheiten, Ignoranz, archaisch verzerrte Frauenbilder.  

Was Breyer nicht findet, sind widerspruchsfreie Geschichten. Er findet Menschen, die bei Migranten „Potenzial“ sehen und fördern; er trifft auf Vorurteile, aber auch auf reflektierte Erfahrungen und verschieden gewichtete Abschiebegedanken; er würdigt ehrenamtliches zivilgesellschaftliches Engagement, das er gleichwohl nicht idealisiert. Er findet junge Migrant*innen in Sportvereinen, in Ausbildung, im Beruf, er findet Hoffnung und lachende Zuversicht und hört klare Aussagen über und Blicke auf das, was Deutschland ihnen bedeutet. 

Am Puls Deutschlands. Unterwegs mit Jochen Breyer: 5 Jahre „Wir schaffen das!“ - ZDF, 26. August, 22:50 Uhr

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Am Puls Deutschlands im ZDF: Wunsch auf ein Miteinander

Und immer trifft er auf Ambivalenzen: Auf Menschen, die die Frage, ob sie sich hier wohl fühlten bejeinen. Auf Menschen, die von Angriffen – verbalen, emotionalen und manchmal auch körperlichen – berichten, aber bleiben wollen. Auf Menschen, die verbittert sind von dem Rassismus, der ihnen entgegenschlägt und die mit tiefem Respekt von denen erzählen, die ihnen weitergeholfen haben.

Jochen Breyers Dokumentation ist klassischer, redlicher Journalismus. Und bei allem Bemühen und politische Neutralität stimmt es natürlich nicht ganz, dass er sich auf keine Seite schlägt. Wie jeder gute Journalist steht er auf der Seite der Sprache. Am liebsten wäre es ihm, wenn wir alle miteinander reden würden, bevor wir uns auf Haltungen und Urteile festlegen. Ihn bewegt der Wunsch, dass wir, dieses Merkelsche Wir, einander (und uns) kennen lernen, dass wir miteinander im Gespräch bleiben und die, die zu uns gekommen sind, einbeziehen. (Von Hans-Jürgen Linke)

Rubriklistenbild: © ZDF

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