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Dorn im Auge: Lanz greift Klima-Aktivistin Neubauer an

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Von: Marc Hairapetian

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Markus Lanz und seine Gäste am 18. Oktober.
Markus Lanz und seine Gäste am 18. Oktober. © Screenshot ZDF

Markus Lanz moderiert seinen ZDF-Talk nicht, er diskutiert selbst mit. Und attackiert dabei immer wieder die Klima-Aktivistin Luisa Neubauer.

Was ist eigentlich die Aufgabe eines guten Moderators? Die Übersetzung des lateinischen Worts hat mehrere Bedeutungen: „Mäßiger“, „Lenker“, „Handhaber“, aber auch „Regierer“. Abgeleitet vom Verb „moderare“ soll er ein Gespräch „in Schranken halten“ und „regeln‘“. All das ist Markus Lanz in seiner ZDF-Talkshow am späten Dienstagabend nicht. Nach seinen wiederholt massiv vorgetragenen - inhaltlichen - Attacken gegen die 26-jährige Klimaaktivistin Luisa Neubauer (Bündnis 90/Die Grünen) stellt sogar der in jeder Hinsicht konservative Ex-Bundesinnenminister Dr. jur Thomas de Maizière (CDU) fest: „Ich finde es interessant, dass unser Moderator Diskussionsteilnehmer geworden ist.“ Und an Luisa Neubauer gewandt, sagt er tröstlich: „Ich bin hier auch schon mal so gegrillt worden.“

Während Journalistin Anja Maier und Soziologe Prof. Dr. Matthias Quent trotz unterschiedlicher Ansichten zu den Themen Krieg, Klima und Kernkraft gegenüber Luisa Neubauer immer wieder entgegenkommend einlenken, wie es eben ein Moderator tun sollte, hat sich der Gastgeber förmlich auf eine der Hauptorganisatorinnen hierzulande des von Greta Tintin Eleonora Ernman Thunberg - kurz und bündig als Greta Thunberg bekannt - inspirierten Schulstreiks „Fridays for Future“ eingeschossen. Luisa Neubauer tritt für eine Klimapolitik ein, die mit dem Übereinkommen von Paris vereinbar ist, und wirbt für einen Kohleausstieg Deutschlands bis 2030. Als Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und Grüner Jugend engagiert sie sich aber auch in diversen Nichtregierungsorganisationen. Das alles scheint Markus Lanz diesmal ein Dorn im Auge zu sein. 

Die Gäste bei Markus Lanz am 18. Oktober

Anja MaierJournalistin (u.a. FOCUS)
Dr. jur Thomas de MaizièreEx-Bundesinnenminister (CDU)
Luisa NeubauerKlimaaktivistin (Bündnis 90/Die Grünen)
Prof. Dr. Matthias QuentSoziologe (Hochschule Magdeburg-Stendal)

Markus Lanz teilt gegen Luisa Neubauer aus

Immer wieder drängt er die junge Frau, doch über ihre berühmt-berüchtigte schwedische Weggefährtin zu urteilen. Die hatte nämlich kürzlich dafür plädiert, in der Energiekrise die bestehenden deutschen Atomkraftwerke lieber vorläufig am Netz zu lassen, anstatt auf Kohleverstromung zu setzen, wofür sie sogar euphorisches Lob von Justizminister Dr. Marco Buschmann und seiner FDP erhielt. Das wiederum bringt Luisa Neubauer auf die Palme: „Ein bisschen verlogen“, findet sie das und ist verblüfft über die gelbe Ampelpartei: „Das hat doch niemand nötig von den Leuten …“ Zuvor sei die 19-jährige Schwedin, deren zweiter Vorname „Tintin“ eine Hommage ihrer Eltern an Hergés unsterbliche Comic-Helden „Tim und Struppi“ darstellt, nämlich vonseiten der Liberalen und der Union mehrfach diskreditiert worden. Sich nun einen Satz herauszupicken, der zur eigenen Programmatik passe, bezeichnet Luisa Neubauer als „scheinheilig“.

Zu Thunbergs AKW-Äußerung bezieht sie schließlich doch Stellung: „Theoretisch ist daran ja alles richtig. Das sieht auch der Weltklimarat so.“ Markus Lanz, der generell in seiner Sendung gern mehr oder weniger gekonnt austeilt, geht jetzt besonders deutlich auf Konfrontationskurs zu Luisa Neubauer. Er mokiert sich vor allem über die Kritik an der vermeintlichen Pseudo-Atomdebatte. „Ich muss mich mal wehren, auch als Bürger dieses Landes“, empört sich der Südtiroler, der auch einen deutschen Pass hat: „Das ist kein Halligalli!“ Es gehe um existenzielle Fragen wie den „Industriestandort Deutschland.“ Langsam wird es nun Luisa Neubauer zu viel: „Manchmal fühle ich mich wie in so einem Paralleluniversum!“ Sie wirft Markus Lanz vor, die wichtigen Debatten über die Energiekrise mit der aus ihrer Ansicht nach oberflächlichen Diskussionen über Kernenergie regelrecht zu „boykottieren“: „Die Atomkraft kann in Deutschland nicht unsere Energiekrise lösen, auch nicht die Knappheiten.“

Markus Lanz setzt Luisa Neubauer unter Druck

Matthias Quent, Extremismusforscher von der Hochschule Magdeburg-Stendal sieht im Hinblick auf den Streit um den AKW-Streckbetrieb interessanterweise auch einen „Pseudodiskurs“, der zur Polarisierung und damit letztlich zur politischen Entfremdung beitrage. Er wirft der Bundesregierung vor, in der heutigen Krise die Gerechtigkeitsfrage zu vernachlässigen. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung würden so viel Energie verbrauchen wie die unteren 40 Prozent. Thomas de Maizière hat ebenfalls für die von Markus Lanz gehörig unter Druck gesetzte Luisa Neubauer Verständnis: „Die Häufung von Krisen hat gezeigt, dass wir so nicht weitermachen können.“ 

Allerdings sieht er die Lösung in einer grundlegenden Reform des Staates und einem besseren Krisenmanagement mit mehr Befugnissen für den Bund: „Wir brauchen einen nationalen Sicherheitsrat und einen Krisenstab von Bund und Ländern!“ Demokratische Veränderungen würden aber Zeit benötigen. Diese dauern Luisa Neubauer aber alle viel zu lang: „Wir rennen gegen die Zeit an. Die Wahl zwischen Zeit und Demokratie haben wir nicht.“ Damit hat sie absolut recht, denn die durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine beförderte Energiekrise haben wir bereits jetzt. Deswegen sagt sie auch: „Uran heißt, Putin zu bestärken.“ Matthias Quent pflichtet ihr bei: „Die Demokratie muss viel effektiver und schneller sein.“

Derlei Aussagen sind Focus-Politik-Reporterin Anja Maier „zu pathetisch“. Sie bringt es salopp formuliert auf den Punkt: „Ich denke die ganze Zeit: Wo ist die Antwort, wenn die Bude kalt bleibt?“ Dass sich Klimaaktivisten wie bei „Fridays for Future“ an Kreuzungen „festkleben“, um auf die Krise hinzuweisen, findet sie allerdings völlig in Ordnung: „Ich war auch mal jung. Man muss auch mal ein bisschen unangenehm werden. Das halten wir schon aus“, sagt sie fast mütterlich in Richtung Luisa Neubauer. Noch während der Ausstrahlung der vorher aufgezeichneten Sendung postet diese einen Tweet: „Wir wollen Klimaschutz, weil wir Katastrophenschutz brauchen. Von der einen sehr gefährlichen Energie, Kohlekraft, auf eine andere sehr gefährliche Energie, Kernkraft, auszuweichen, spiegelt in keiner Weise das wider, was mich antreibt, Aktivistin zu sein.“ 

Luisa Neubauer genervt von Markus Lanz

Markus Lanz’ etwas heuchlerischer Hinweis, seine Attacken gegen sie doch ja nicht persönlich zu nehmen, prallen an ihr ab: „Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen!“, stöhnt Luisa Neubauer auf, die im zweiten Teil der hitzigen Diskussion mehrfach offen Werbung für ihr zusammen mit ihrer fast 90-jährigen Oma Dagmar Reemtsma verfasstes Buch „Gegen die Ohnmacht: Meine Großmutter, die Politik und ich“ macht. Dagegen hat Markus Lanz merkwürdigerweise gar nichts einzuwenden. „Schönes Buch!“, preist er, der sie eben noch so heftig angegangen hat, am Ende die Doppelbiografie. In diesen Momenten kann man weder ihn noch seine Sendung sonderlich ernst nehmen. (Marc Hairapetian)

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