Ein gefährliches Virus erreicht eine deutsch-dänische Insel. Die Idee zu der ZDF-Serie „Sløborn“ entstand schon vor der Ausbreitung des Coronavirus.
+
Ein gefährliches Virus erreicht eine deutsch-dänische Insel. Die Idee zu der ZDF-Serie „Sløborn“ entstand schon vor der Ausbreitung des Coronavirus.

Corona-Pandemie vorweg genommen

TV-Kritik zur Virus-Serie „Sløborn“ (ZDFneo): Blut im Blick

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
    schließen

Auf der Höhe der Zeit: In der ZDF-Serie „Sløborn“ erreicht ein gefährliches Virus eine deutsch-dänische Insel.

  • Neue ZDF-Serie „Sløborn“ nimmt Corona-Pandemie vorweg
  • Virus-Serie spielt auf deutsch-dänischer Insel
  • ZDF-Serie wirkt wie Lehrmaterial für Uneinsichtige

Eine neue ZDF-Serie gibt Gelegenheit, einen schon älteren Gedanken wieder hervorzukehren: Würde die Bevölkerung den Virus Covid-19 ähnlich sorglos hinnehmen, wenn die Erkrankung mit äußerlichen Symptomen wie Ausschlag, Haarausfall, Blutungen verbunden wäre?

Christian Alvart konnte von der umgehenden neuen Corona-Variante noch nichts wissen, als er seine achtteilige Geschichte entwarf. Natürlich gab es bereits andere, lokal begrenzte Epidemien. Aber die schienen immer weit weg, in chinesischen Regionen, in afrikanischen Ländern. Mittlerweile ist aus Alvarts klugem Gedankenspiel Realität geworden.

Virus-Serie „Sløborn“ im ZDF: Nordseeinsel als Brennpunkt

Sløborn ist eine Insel im deutsch-dänischen Grenzgebiet. Evelin Kern (Emily Kusche) kehrt von einer Klassenfahrt zurück. Konflikte unter den Mitschülern, aber auch im Elternhaus zeichnen sich ab. Eine Gruppe junger Straftäter ist unterwegs auf die Insel. Sie sollen sich bei der Renovierung eines Kottens bewähren. Wer sich verweigert, muss zurück in die Haft. Der namhafte Bestsellerautor Nikolai Wagner (Alexander Scheer) kommt zu einer Lesung angereist. Eingeladen wurde er von der Buchhändlerin Merit Ponz (Laura Tonke), der Frau des Pfarrers (Arnd Klawitter). Da der exaltierte Wagner bei der sehr bürgerlichen Familie Ponz einquartiert wird, prallen bald sehr unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander.

Ein starker Handlungsstrang gilt Evelins Mitschüler Hermann Schwarting (Adrian Grünewald), genannt Herm. Er ist den Schikanen seiner Klassenkameraden ausgesetzt und zugleich den autoritären Erziehungsmethoden seines Vaters (Urs Rechn), des Ortspolizisten. An diesen beiden Figuren lässt sich besonders gut ausmachen, dass das Autorenteam Figurenmuster und gängige Handlungsmuster aufgreift, aber teils unterläuft, teils wendet, in eigene Richtungen weiterführt. Am Rande des Katastrophengeschehens entwickelt sich eine Teenagerliebe, die mit großem Einfühlungsvermögen erzählt wird.

Virus-Serie „Sløborn“ im ZDF: Der Ernstfall tritt ein

Die Thriller-Handlung setzt ein, als am Strand eine Jacht gefunden wird. An Bord: zwei verweste Leichen. Und ein neues Virus: die fiktive Taubengrippe, ein hämorrhagisches Fieber, das Blut aus Augen und Nasen tropfen lässt. Die Zuschauerschaft weiß es, die Protagonisten anfangs noch nicht. Ein Niesen, eine geteilte Wasserflasche, ein Hustenanfall, der gemeinsame Gesang im Chor – diese sonst so harmlosen Dinge wirken in der findigen Inszenierung Adolfo Kolmerers und Christian Alvarts, der auch die Kamera führte, bedrohlicher als alle breit ausgespielten Gewaltexzesse in der kürzlich ebenfalls von ZDF-neo ausgestrahlten, vom Abokanal Sky produzierten Endzeitserie „8 Tage“ zusammen.

Dabei bleibt immer plausibel, dass sich die Entdeckung der Krankheit, die innerhalb der Serie in den Medien bereits Thema ist, auf der abgelegenen Nordseeinsel verzögert. Ein Heilmittel gibt es nicht für die Taubeninfluenza, nur die Quarantäne. Eins weiß man, und das klingt aus heutiger Warte verblüffend vertraut: „Die Krankheitserreger werden durch Tröpfcheninfektion weitergegeben.“

In Zeiten der Covid-19-Pandemie wirkt die Serie beinahe wie Lehrmaterial für Uneinsichtige.

Virus-Serie „Sløborn“ im ZDF: Anspielungen auf den Literaturbetrieb

Christian Alvart und seine Koautoren Erol Yesilkaya, Henner Schulte-Holtey, Siegfried Kamml, Arend Remmers nehmen sich Zeit, ihre Figuren und deren Geschichten zu etablieren. Schon darin unterscheidet sich „Sløborn“ von „8 Tage“. Dort spielten Regisseur Stefan Ruzowitzky und Michael Krummenacher Kino im Bildschirmformat, hetzten das Personal durch kurze Szenenfolgen, begingen Besetzungsfehler, vernachlässigten die Schauspielerregie. Die apokalyptische Sky-Serie folgte darin der Schnellfeuerdramaturgie jüngerer Kino-Blockbuster, deren Produzenten in eng getakteten Abständen Knalleffekte einbauen aus Furcht, die Aufmerksamkeit des Publikums könne erlahmen. Der eigentlichen Handlung kommt das selten zugute.

Alvart und sein Schnittteam gönnen selbstbewusst jeder Einstellung die nötige Zeit, ohne langatmig zu werden. Nicht das Tempo, die Inhalte treiben die Handlung voran. Gekonnt eingebrachte Details beglaubigen das Geschehen, gelegentlich würzen sie es in Form kleiner Pikanterien. Unter anderem werden Kenner des Literaturbetriebs mit einigen Aha-Erlebnissen beschenkt.

Virus-Serie „Sløborn“ im ZDF geht nicht für alle Sympathiefiguren gut aus

Die deutsch-skandinavische Koproduktion „Sløborn“ nähert sich insofern der Tradition britischer Krimidramen wie „Broadchurch“, „The Bay“ oder jüngst „Flesh and Blood“, die gerade deshalb exzellent unterhalten, weil die Autoren Konflikte aus der Psychologie der Figuren beziehen und ihnen, egal ob Protagonist oder Antagonist, Schwächen ebenso wie Erkenntnisprozesse zugestehen. Auch muss sich die Zuschauerschaft darauf einstellen, dass nicht allen Sympathiefiguren ein glückliches Ende vergönnt ist. Auch ein Merkmal dessen, was, der langen Praxis US-amerikanischer Fernsehwissenschaftler folgend, als Qualitätsserie eingestuft wird.

Übrigens entfaltet „Sløborn“ seine Wirkung nicht zuletzt durch die präzise auf Inhalt und Dramaturgie zugeschnittene Musik von Christoph Schauer und Max Filges. Man sollte sie auf Tonträgern veröffentlichen.

„Sløborn“, Donnerstag, 23. Juli 2020, und Freitag, 24. Juli 2020, ab 20.15 Uhr, jeweils vier Folgen, ZDFneo
Alle Folgen ab Donnerstag, 23. Juli 2020, 10.00 Uhr, in der ZDFmediathek.

Der deutsche Netflix-Hit „How To Sell Drugs Online Fast“ startet in die zweite Staffel. Doch bevor man sich die neuen sechs Folgen anschaut, sollte man ein Detail wissen.

Der ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“ wartet mit einem großartigen Fabian Hinrichs als wirklich gestresstem Menschen und Sohn auf. Die TV-Kritik.

Zu lang, optisch unspektakulär und schwach in den Nebenrollen: Warum das Dokudrama „Johannes Kepler, der Himmelsstürmer“ auf Arte mit Christoph Bach nicht der gelungenste Film, aber dennoch sehenswert ist.

Mehr zum Thema

Kommentare