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Wilhelm Powileits (Bruno Ganz) 90. Geburtstag verläuft nicht nach Plan – was ist geschehen?

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“, ZDF

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“: Am Abend aller Tage

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Matti Geschonnecks Ensemble-Drama erzählt mit seinem vorzüglich besetzten Kammerspieldrama vom Ende der DDR.

Je länger der Mauerfall zurückliegt, desto häufiger scheinen sich Bücher und Filme mit dem Ende der DDR zu befassen. Bevorzugtes Genre ist das Familiendrama, weil sich in diesem Mikrokosmos sämtliche Facetten des Themas erfassen lassen; bekannteste Beispiele sind unter anderem Uwe Tellkamps als TV-Mehrteiler verfilmter Roman „Der Turm“ oder die gleichfalls mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Serie „Weissensee“. Auch Eugen Ruges Buch „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ böte Stoff für mehrere abendfüllende Filme, denn es handelt keineswegs bloß vom sich abzeichnenden Untergang, sondern erzählt gleich die ganze Geschichte der DDR; und sogar noch mehr.

Wie immer bei Literaturverfilmungen sah sich Wolfgang Kohlhaase mit der Frage konfrontiert, wie er aus epischen Saga ein Drehbuch destilliert. Das Ergebnis ist ebenso kühn wie für Liebhaber des 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Romans (erschienen bei Rowohlt) enttäuschend: Der Film konzentriert sich auf einen Tag im Jahr 1989, für alles andere müssen Andeutungen genügen, die zum Teil nur versteht, wer das Buch kennt. Russland, das bei Ruge eine große Rolle spielt, wird auf Prolog und Epilog reduziert, hier findet der Film auch wunderschöne Herbstbilder (Kamera: Hannes Hubach); Ost-Berlin ist dagegen düster und freudlos.

In Zeiten des abnehmenden Lichts ist ein großartig gespieltes Drama

Betrachtet man Matti Geschonnecks Verfilmung losgelöst von der Vorlage, ist dem gleich mehrfach mit allen wichtigen Fernsehpreisen geehrten Regisseur in seiner ersten Kinoarbeit seit „Boxhagener Platz“ (2010) ein großartig gespieltes Ensembledrama gelungen. Die Handlung trägt sich größtenteils kammerspielartig im Haus von Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) zu. Der Stalin-Verehrer ist deutscher Kommunist der ersten Stunde und wird neunzig; im Lauf des Tages machen ihm nicht nur die Familienmitglieder, sondern auch diverse Delegationen die Aufwartung. Schon allein diese Riege mittelalter Männer, die den Abgrund vor ihren Augen ignorieren, ist Kohlhasse trefflich gelungen, zumal Schauspieler wie Torsten Merten, Stephan Grossmann oder Ronald Kukulies nicht viele Szenen brauchen, um einer Figur Tiefe zu verleihen. Wichtiger aber sind naturgemäß die Familienmitglieder, allen voran Powileits Stiefsohn (Sylvester Groth), der auch als Erzähler fungiert. 

Kurt hat als Jugendlicher im sowjetischen Lager furchtbare Dinge erlebt und kommt im Vergleich zum Buch entschieden zu kurz, prägt als tragische Figur aber dennoch die Stimmung des Films. Dass sein Sohn am Tag vor der Feier aus der DDR geflohen ist, passt aus Wilhelms Sicht perfekt ins Bild; der unleidliche Alte, der als Einziger ausspricht, was die Parteivertreter verdrängen, hält die komplette Familie für Defätisten. Ähnlich unglücklich wie Kurt ist seine Mutter Charlotte (Hildegard Schmahl), die heute noch dem Weltkriegsexil in Mexiko nachtrauert. Einziger Lichtblick in dieser Versammlung grauer Gestalten ist Kurts schöne Schwiegertochter (Natalia Belitski).

Bruno Ganz in einer großen Rolle

GeschoBruno Ganznneck hat unter anderem in preisgekrönten Dramen wie „Liebesjahre“ oder „Ein großer Aufbruch“ bewiesen, was für ein großartiger Ensemble-Regisseur er ist; davon lebt auch dieser Film, zumal sich mitunter bis zu zwei Dutzend Personen die Bühne teilen. Trotzdem spielt der im Februar verstorbene Bruno Ganz eine besondere Rolle. Groth mag mit Stiefsohn Kurt die komplexere Figur verkörpern, aber der alte Powileit hat eindeutig die besten Dialoge; und das nicht nur wegen seines Standarddanks für mitgebrachte Blumensträuße („Bring’ das Gemüse auf den Friedhof“). 

„Fett und Fett“ im ZDF: Es muss nicht alles Drama sein

Wie der Querkopf konsequent sämtliche Gäste vor den Kopf stößt und trotzdem sympathisch bleibt: Das ist großes Schauspiel. Kohlhaase, einer der wichtigsten Autoren des DDR-Kinos, ist es zudem gelungen, den angesichts des schweren Themas vergleichsweise leichten Tonfall des Romans beizubehalten. Der entspannt inszenierte Film ist nicht nur ein Abgesang auf das System DDR und die politische Idee dahinter, sondern auch auf Ehe und Familie; dafür ist er überraschend kurzweilig.

Von Tilmann P. Gangloff

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“

3.10., ZDF, 22.00 Uhr

Der Film in der Mediathek

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