Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Zwei Themen bestimmten Markus Lanz Talkshows im ZDF: Die USA und Corona.
+
Zwei Themen bestimmten Markus Lanz Talkshows im ZDF: Die USA und Corona.

TV-Kritik

ZDF-Talk zu Sturm auf das Kapitol: Markus Lanz offenbart kulturelle Inkompetenz

  • Marc Hairapetian
    vonMarc Hairapetian
    schließen

Markus Lanz und seine Gäste diskutieren im ZDF über die Folgen der Ausschreitungen in Washington und über die Corona-Pandemie. Die TV-Kritik.

Hamburg – Gibt es nur noch zwei gesellschaftspolitische Themen in der westlichen Welt? USA und Corona? Zumindest scheint dies in der Talkshow von „Markus Lanz“ seit fast einem Jahr der Fall zu sein. Beispiele gefällig? Hier nur die letzten drei Video-Kurzbeschreibungen der ZDF-Mediathek: „Gesellschaft. Markus Lanz. Der Talk zu USA und Corona vom 7. Januar“, „Gesellschaft. Markus Lanz. Der Talk zu USA und Corona vom 6. Januar“ (sic!), „Gesellschaft. Markus Lanz. Der Talk zur Corona-Lage vom 5. Januar“… Ewig gleiche Gesichter und fast identische Gesprächsinhalte also? Jein.

Der Sturm auf das Kapitol des vom Noch-Präsidenten Donald Trump - direkt oder zumindest indirekt - aufgewiegelten Mobs, bei dem ein mit Feuerlöschern attackierter Polizist seinen Verletzungen später im Krankenhaus erlag, eine Person zu Tode getrampelt wurde, eine von Kugeln der Capitol-Police getroffene Air-Force-Veteranin, die durch ein eingeschlagenes Fenster zum Kongresssaal vordringen wollte, trotz sofortiger medizinischer Hilfe nicht mehr wiederbelebt werden konnte sowie zwei weitere „Trumpisten“ an einem Herzinfarkt beziehungsweise einem Schlaganfall starben, während ein weiterer Polizeibeamter, der an jenem denkwürdigen Tag im Einsatz war, im Nachgang Suizid verübte, wird noch lange die Gemüter beschäftigen.

TV-Kritik zu Markus Lanz im ZDF: Echte Diskussionen gibt es nur selten

Nicht nur im einstigen „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, das sich seit der Trump-Ära zum „Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten“ gewandelt hat, sondern auch bei uns. Die Aufarbeitung der Washingtoner Ereignisse vom 6. Januar, diesem in einer Demokratie der Moderne fast beispiellosen gewaltsamem Versuch von Anhängern eines amtierenden Präsidenten die formale Bestätigung des Ergebnisses seiner Niederlage bei der Wiederwahl, durch das Parlament zu verhindern, liegt Markus Lanz und seiner Redaktion besonders am Herzen. Genauso wie die Pandemie, in der bei allem Verständnis für die Schutzmaßnahmen und den nur zögerlich in Schwung kommenden Impfstart der verlängerte Lockdown den Bürgern hierzulande wirtschaftlich wie mental vieles abverlangt.

Der durchaus ehrenwerte Ansatz von Markus Lanz, diese zwei wichtigen Themen von verschiedenen Seiten zu beleuchten, bringt allerdings selten wirklich neue Erkenntnisse. Vieles dreht sich im Kreis, bleibt letztendlich doch an der Oberflächliche. Und nur selten kommt es zu einer echten Diskussion unter den Gesprächsgästen. Leider auch diesmal nicht, am Abend des 12. Januars, wo der sonst häufig am Ende zugeschaltete ZDF-Amerika-Korrespondent Elmar Theveßen diesmal die ersten 25 Minuten der Sendung von seinem Duzfreund Markus Lanz über die innenpolitischen Folgen des Sturms auf das US-Kapitol und das schon zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump befragt wird. Während der Leiter des ZDF-Studios in Washington, dessen Equipment bei der Berichterstattung von den Randalierern zerstört wurde, 25 Minuten Zeit bekommt, zu referieren, bleiben die vier Studiogäste in Gestalt von Strategieberater Julius van de Laar, Journalist Klaus Brinkbäumer, Virologin Prof. Helga Rübsamen-Schaeff und Landärztin Dr. Ulrike Koock stumme Statisten.

TV-Kritik: Markus Lanz gibt ZDF-Korrespondent Theveßen viel Sendezeit, Gäste bleiben außen vor

Dies geht vor allem auf die Kappe des Moderators, der sie nicht einmal ansatzweise einbindet. Dafür berichtet Theveßen über schockierende Momente, als er versuchte, an jenem 6. Januar seinem Beruf nachzugehen. So habe er mitansehen müssen, wie völlig entfesselten Trump-Bekenner aus Übertragungskabeln Galgenschlingen angefertigt und an Bäume gehängt hätten. Da gefriert einem sogar als Rezensent, der als Journalist selbst schon einiges gesehen und erlebt hat, das Blut in den Adern. Erst recht, wenn dazu noch Archivbilder geliefert werden, die zeigen, wie ein Polizist die auf ihn Einschlagenden um sein Leben bittet. Markus Lanz bezeichnet auch Reporter Theveßen als „Opfer“. Seine Betroffenheit wirkt ehrlich: „Die Geschichte ´Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen´, kann man nicht mehr erzählen!“, empört er sich. Elmar Theveßen ergänzt, dass die Extremisten gut organisiert gewesen wären: „Es war nicht nur ein Mob. Es war Organisation dahinter. Sie waren völlig überzeugt, das Gute zu tun, wenn sie ins Kapitol eindringen, um ´Verräter´ zur Rechenschaft zu ziehen“. Als eine junge, weiße US-Amerikanerin eingespielt wird, die völlig aufgelöst, in die Mikrofone der Berichterstatter stammelt: „Wir stürmen das Kapitol! Das ist eine Revolution!“, bemerkt Markus Lanz treffend: „Wenn´s nicht so traurig wäre, wäre es schon wieder unterhaltsam“. Elmar Theveßen gibt noch eine persönliche Einschätzung zum Besten: „Die republikanische Partei ist nicht mehr zu retten. Die Vernünftigen müssten jetzt eigentlich eine neue Partei gründen“.

Erst bei der Frage, ob die Sperrung von Trumps-Twitter-Account gerechtfertigt gewesen sei, zieht Markus Lanz aus deutscher Sicht Julius van de Laar, der 2008 und 2012 zum Wahlkampfteam des demokratischen Trump-Vorgängers Barack Obama gehörte, und den früheren „Der Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hinzu. Für ersteren hat dies sogar Donald Trump als „perfektes Crescendo für den Absprung“ zu einer eigenen Plattform in die Karten gespielt. Letzterer ist dagegen nicht so sicher; „Er leidet darunter“. Aufgrund seines relativ hohen Alters von 74 Jahren glaube er nicht, dass Donald Trump jetzt wirklich nach dem Motto verfahren würde: „Ihr sperrt mich, da mache ich jetzt meinen eigenen Laden!“. Unter einem eigenen Konzern würde er es ohnehin nicht tun. „Das Geld ist doch da!“, wirft Julius van de Laar in einem der wenigen Diskussionsmomente um Meinungsfreiheit ein.

TV-Kritik: Markus Lanz beweist in seiner ZDF-Talkshow kulturelle Inkompetenz

Ob er, der schon im Zentrum der New Yorker Steuerfahndung stand, für den Sturm aufs Kapitol juristisch verantwortlich gemacht werden und eines Tages Zellennachbar vom wegen mehrfacher Vergewaltigung verurteilten, einstigen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein sein könnte? „Möglich ist alles!“ - da sind sich Julius van de Laar, Klaus Brinkkbäumer und Elmar Theveßen, der Donald Trump als „schlechtesten US-Präsidenten aller Zeiten“ bezeichnet, ausnahmsweise einig.

Zum Abschluss des US-Blocks beweist Markus Lanz, der sich auch als Moderator gern mit einer eigenen Meinung hervortut, mal wieder seine kulturelle Inkompetenz. Der Ansturm auf das Kapitol erinnere ihn an den „Wilden Westen“ in Form von „True Grit“, den Film der Coen-Brüder von 2010, denn mit John Wayne habe das Ganze ja nichts zu tun. Dabei ist der Spätwestern ein Remake der gleichnamigen Tragikomödie mit keinem Geringeren als - Cineasten wissen es bereits - John Wayne, der 1970 dafür als „Der Marshall“ (so der deutsche Titel) seinen einzigen Oscar in der Kategorie „Bester Hautdarsteller“ erhielt…

Der darauf folgende Übergang zu Corona-Leugnern und Impfgegnern, bei dem es nun nicht „Ladies First“, sondern „Damen zuletzt“ heißt, ist nicht wirklich elegant. Wie erklären sich Prof. Helga Rübsamen-Schaeff und Dr. Ulrike Koock den Zweifel einer nicht gerade kleinen Minderheit an unwiderlegbaren Tatsachen? Laut der Virologin befinden sich manche „in einer Internet-Blase, in der man sich gegenseitig befeuert, das abzulehnen, was wir für die Realität ansehen.“ Und die bei Frankfurt am Main auf dem Land als Hausärztin praktizierende Autorin des Anfang März erscheinenden Buchs „Frau Doktor, wo ich Sie gerade treffe… “ hat sogar gewisses Verständnis für Zweifler, da ein „persönliches Gespräch in der Praxis, wo man etwas erläutern kann, etwas völlig anderes ist, als im Internet Stellung zu beziehen.“

Markus Lanz: Ernstes Thema Corona wird in ZDF-Talkshow aufgelockert

Die Entwicklung von Corona-Impfstoffen - so Helga Rübsamen-Schaeff - sei sehr schnell vonstattengegangen und man müsste die Menschen über den Nutzen besser aufklären. Einer Impfpflicht würden Mediziner nach Ansicht von Ulrike Koock aufgeschlossener entgegenblicken, als Pfleger, denen gewisse wissenschaftliche Kenntnisse in der Ausbildung fehlen könnten. Helga Rübsamen Schaeff, die ähnlich wie bei ihrer HIV-Forschung mehr als an einem Impfstoff an einem wirksamen Medikament bei einer Infizierung gelegen ist und SARS-CoV-2, das als Auslöser von COVID-19 identifiziert wurde, mehrfach in der Runde als „Erkältungsvirus“ bezeichnet, weiß: „Etwas freiwillig zu tun, ist immer besser als unter Zwang“. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin ist sie noch nicht geimpft. Als Markus Lanz Ulrike Koock fragt, ob es ihr nach der ersten Spritze mit dem mRNA-Impfstoff von BioNTech gut gehen würde, witzelt diese schlagfertig: „Ja, aber ich habe jetzt immer Schlagermusik im Ohr!“. Alle Teilnehmer der Talkshow brechen in schallendes Gelächter aus, was auch für den Fernsehzuschauer etwas durchaus Befreiendes hat.

Dann wird es wieder ernster. Als Markus Lanz sagt, dass er mit denjenigen mitfühlen könne, die nach der Verschärfung des Lockdowns gedrückt wären, kann das auch Ulrike Koock nachvollziehen. Sie würde mit ihren Kindern gern mal wieder ins Kino gehen, doch es wäre noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Dass die Lichtspielhäuser hierzulande aufgrund der Monate langen Schließung vor dem endgültigen Aus stehen, deren renommiertes Branchenmagazin „Filmecho/Filmwoche“ im 74. Jahr seines Bestehens im vergangenen Dezember eingestellt werden musste, die von Merkel, Söder und Co. angekündigten November-Soforthilfen zum Großteil noch nicht mal Mitte Januar ausgezahlt worden sind und man nun sogar die „Berlinale“ auf den März als reine Online-Veranstaltung verschiebt, bevor es für Publikum erst im Juni ein reduziertes Programm geben soll, kommt nicht zur Sprache.

Auch nicht, dass einige Stunden vor Sendebeginn die Staatsoper und das Schauspielhaus Hannover schon jetzt bis Ende Februar alle Vorstellungen abgesagt haben, obwohl der Lockdown von Regierungsseite offiziell erst einmal nur bis Ende Januar läuft. Das lässt nichts Gutes vermuten. Als aber Markus Lanz fast schon verzweifelt die beiden Wissenschaftlerinnen fragt, wann man wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehren könne, geben diese natürlich keine eindeutige Prognose ab. Helga Rübsamen-Schaeff lässt sich zumindest die Aussage entlocken: „Ich verstehe die Menschen, kann aber keinem versprechen, dass wir in drei Monaten raus sind. Das Gras wächst nicht schneller, wenn ich dran ziehe“.

Gäste bei Markus Lanz
Elmar TheveßenJournalist, ZDF-Amerika-Korrespondent
Julius van de LaarStrategieberater
Klaus BrinkbäumerJournalist
Prof. Helga Rübsamen-SchaeffVirologin
Dr. Ulrike KoockÄrztin, Autorin

ZDF-Talkshow von Markus Lanz wird sich auch zukünftig viel mit Themen USA und Corona beschäftigen

„Sind wir, wenn wir alle geimpft sein sollten, noch ansteckend?“, brennt es Markus Lanz unter den Nägeln. „Das ist eine sehr gute Frage!“, lobt die Virologen und enttäuscht zum Abschluss zu hohe Erwartungen, da die meisten Impfstoffe nur selten permanent sterilisierende Wirkung hätten. Wenn dies allerdings eine Zeit lang und sei es nur für ein Jahr der Fall sein würde, wäre schon viel gewonnen. Und somit gab es keine bahnbrechenden Erkenntnisse an diesem Dienstagabend, aber die Gewissheit, dass sich die Talkshow von Markus Lanz auch noch in den nächsten Wochen und Monaten mit den zwei Themen USA und Corona beschäftigen wird… (Marc Hairapetian)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare