Tina Färbers (Christine Eixenberger) Rektor (Thomas Huber) schützt sich auf seine Weise gegen Corona.
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Tina Färbers (Christine Eixenberger) Rektor (Thomas Huber) schützt sich auf seine Weise gegen Corona.

ZDF-Mediathek und ZDFneo

TV-Kritik: „Lehrerin auf Entzug“: Kreide ist das Koks des Lehrers

  • Harald Keller
    vonHarald Keller
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Das ZDF produziert Serien unter Corona-Bedingungen, aktuell „Lehrerin auf Entzug“ eine Sitcom zum Thema Unterricht in den Zeiten der Pandemie. Eine Kritik.

  • Serie „Lehrerin auf Entzug“ bei ZDF-Neo und in der ZDF-Mediathek
  • Grundschullehrerin Tina Färber (Christine Eixenberger) hat die Nase voll von Homeschooling und will zum Frontalunterricht zurück
  • Eine Sitcom über ein Thema, das aktuell viele interessiert und betrifft - ganz gelungen ist sie jedoch nicht

Nicht nur auf dem Sektor der aktuellen Information haben öffentlich-rechtliche Sender unmittelbar und teils sehr wendig auf den Corona-Ausbruch reagiert. Der RBB bat prominente Filmschaffende wie Wim Wenders, Hans-Christian Schmid, Volker Heise um zweiminütige Kurzfilme über das Leben unter Pandemiebedingungen. Der Titel des Projekts: „Vier Wände Berlin“. Der MDR beauftragte zwanzig Filmschaffende aus seinem Sendegebiet mit Beiträgen zu der dokumentarischen Reihe „Corona Creativ“.

Das ZDF bewies schnelles Re(d)aktionsvermögen und brachte kurzfristig die Fortsetzungsserie „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ und die TV-Anthologie „Liebe. Jetzt!“ auf die Bildschirme. Bei den Dreharbeiten wurden die einschlägigen und einschränkenden Schutzmaßnahmen eingehalten, die Inhalte von der grassierenden Pandemie bestimmt: kleine Ensembles, wenige Schauplätze, eine Verdichtung des Geschehens. Wie sich zeigte, müssen diese Einschränkungen nicht von Nachteil sein.

TV-Kritik: „Lehrerin auf Entzug“ bei ZDF-Neo und in der ZDF-Mediathek - Zur Fernlehre verdammt

Mit „Lehrerin auf Entzug“ knüpft der Mainzer Sender an diese Produktionsreihe an. Hauptfigur ist die Grundschullehrerin Tina Färber (Christine Eixenberger). Sie hat Wochen des digitalen Fernunterrichts hinter sich. Jetzt geht es zurück in den Klassenraum, und sie freut sich darauf, ihre Schülerinnen und Schüler wiederzusehen. Ihr Bonmot zum Sachverhalt, das den Serientitel erklärt: „Tafelkreide ist wie Koks. Und ich bin auf Entzug.“

Sie wird es noch eine Weile bleiben, denn sie wird mit ihrer Klasse für eine wissenschaftliche Studie eingespannt, die Erkenntnisse für die Zukunft des digitalen Lernens erbringen soll. Eine Entwicklung, die Tina Färber mit großer Skepsis betrachtet. Ihrer Meinung nach können Fernunterricht und geschmeidige Avatare die Präsenzlehre nicht ersetzen. Ein aktuelles und gewichtiges Thema also, das im Genre der Situationskomödie durchaus eine passende Form finden könnte.

Kritik: „Lehrerin auf Entzug“ beim ZDF - Nacktfoto und schwache Scherze

Leider gelingt das in diesem Falle nicht. Die Bücher der sechs jeweils knapp neunminütigen Episoden stammen von dem Comedy- und Kabarettautor Tobias Öller. Der bleibt zu sehr der additiven Bühnenform, der klassischen Nummernrevue, verhaftet. Gag reiht sich an Gag, mal mehr, häufig weniger gelungen. Da erwischt die kleine Streberin Melissa, die sich schon vor Unterrichtsbeginn in das Konferenzprogramm eingeschaltet hat, die Lehrerin mit Zahnbürste im und Schaum vor dem Mund. Da zerbricht Färber vor den Augen der Klasse ein Ei genau über ihrem Tablet. Da vergisst sie, vor der ersten Stunde das FKK-Foto aus dem Blickwinkel der Kamera zu entfernen.

ZDF-Serie: „Eine Lehrerin auf Entzug“: Schule in Corona-Zeiten - Eine Generation von Autisten

Nicht nur fallen diese Scherze ziemlich schwach aus, sie passen auch nicht in die Logik der Handlungsebene. Denn Tina Färber hat bereits geraume Zeit per Datenleitung unterrichtet, also entsprechende Erfahrung. Trotzdem unterlaufen ihr immer wieder technische und andere Missgeschicke. Und sollte zuvor niemandem das Nacktfoto im Hintergrund aufgefallen sein? Das übrigens wenig alltagsgerecht weithin sichtbar auf der Anrichte der Küche platziert wurde. Diese Szenen erscheinen im Gesamtzusammenhang unstimmig und ebenso über die Maßen konstruiert wie der Moment, in dem sie um des Lachers willen zähneputzend vor dem Auge der Kamera herumturnt.

Angesichts des eklatanten Mangels an Glaubwürdigkeit verpuffen viele Situationen in diesem Witzereigen, dem es am logischen Aufbau und konsekutiven Zusammenhang einer Fortsetzungsserie mangelt und bei dem das Potenzial zur intervenierenden Satire krass verschenkt wurde. Denn das euphorisch bejubelte „E-Learning“ stößt in der Wirklichkeit ja tatsächlich auf banale Widerstände wie beispielsweise unzureichende Datenleitungen.

Und in Schule, Hochschule und Betrieb sollen die Auszubildenden nicht zuletzt soziale Kompetenzen erlernen und Diskussionsbereitschaft entwickeln. Zwingt man sie ins häusliche DSL-Separee, kann das nicht klappen. Einmal bringt es Tina Färber zutreffend auf den Punkt: „Das ist eine Generation von Autisten.“ (Von Harald Keller). „Lehrerin auf Entzug“, ab Freitag, 10. Juli 2020, 10:00 Uhr, in der ZDF-Mediathek. Ab Dienstag, 28. Juli 2020, 0:45 Uhr, bei ZDFneo.

Serien seien das neue Kino, hört man immer wieder. Wer sich den Apokalypse-Quatsch „8 Tage“ von Sky ansieht, der jetzt bei ZDF-Neo ausgestrahlt wird, hat für diese These schlechte Argumente. Eine Kritik. „Glück ist was für Weicheier“ im ZDF: Sehr berührendes und toll gespieltes Drama über eine Zwölfjährige, die auf bizarre Weise ihre unheilbar kranke Schwester retten will.

Eine spannende Zeitreise: Die Reihe „ZDF-History“ widmet sich mit „Personenschützer – Im Angesicht der Gefahr“ der Geschichte des polizeilichen Personenschutzes. Die TV-Kritik. „Unvergesslich“*: Das ZDF zeigt ein neues „Factual Entertainment“-Format mit Annette Frier. Die Schauspielerin begleitet einen Chor mit Demenzkranken.

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