Jana Winter (Natalia Wörner) und Matthias Hamm (Ralph Herforth) besuchen die Kaffeerösterei der Erhardts.
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Jana Winter (Natalia Wörner) und Matthias Hamm (Ralph Herforth) besuchen die Kaffeerösterei der Erhardts.

Krimireihe

ZDF-TV-Kritik: „Über den Tod hinaus“  - Zwölf verlorene Jahre

  • Tilmann P. Gangloff
    vonTilmann P. Gangloff
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Die sehenswerte neue Episode aus der ohnehin immer guten Reihe mit Natalia Wörner vom ZDF kombiniert einen klasse Krimi mit einem Neustart.

Fernsehen, heißt es gern, sei die Variation des Immergleichen, weil die Zuschauer nicht gern überrascht werden wollen. Der Erfolg der Streaming- und Pay-TV-Serien mit ihren teilweise radikal neuen Erzählansätzen teilt die Mediennutzer daher scheinbar in zwei Gruppen: hier die Jüngeren, die offen für innovative Formen sind; dort das klassische TV-Publikum, das stur an den Traditionen festhalten will. 

Die schlichte Einteilung ist jedoch längst nicht mehr zeitgemäß. Gerade langlaufende Reihen mussten sich auch früher schon immer wieder neu erfinden, sonst hätten sie sich gar nicht auf Dauer halten können. „Unter anderen Umständen“ ist dafür ein gutes Beispiel, und das bezieht sich nicht allein auf gelegentliche Wechsel beim Personal.

Anfangs war die Heldin, Jana Winter aus Schleswig, glücklich verheiratet und hochschwanger; das war 2006. Seit dem Tod ihres Mannes ist sie alleinerziehend, was Natalia Wörner die Gelegenheit gibt, verschiedene Facetten ihrer Figur auszuspielen: hier die kühle Kommissarin, dort die liebevolle Mutter. Den Rollenentwurf gibt es auch anderswo (etwa im „Tatort“ mit Maria Furtwängler), aber bei „Unter anderen Umständen“ nimmt diese Ebene einen größeren Stellenwert ein, zumal sie in der Regel harmonisch in die jeweilige Handlung integriert ist. Dass Janas Leo tatsächlich von Wörners Sohn Jacob Lee Seeliger verkörpert wird, ist letztlich nur eine Randnotiz, verdeutlicht jedoch den besonderen Status der familiären Erzählung. 

„Über den Tod hinaus“: Entscheidend ist die Verpackung

Mittlerweile ist Leo flügge und seine Mutter Leiterin der fusionierten Kommissariate von Schleswig und Flensburg. Die Beförderung war scheinbar gleichbedeutend mit dem Abschied ihres bisherigen Chefs, Arne Brauner; der bis dahin trockene Alkoholiker war nicht mehr diensttauglich. Die erste und ausgesprochen positive Überraschung der 16. Episode ist daher die Tatsache, dass Martin Brambach immer noch mitwirkt. Die Krimis würden sicher auch ohne ihn funktionieren, aber er ergänzt die Geschichten um eine gleichermaßen heitere wie tragische Note: Angeblich ist Brauner in Urlaub, tatsächlich macht er eine Entziehungskur, und weil er nicht lügen kann – nach Ansicht seiner Therapeutin eine seiner Stärken –, ist das der Kommissarin ebenso klar wie ihrem Kollegen Hamm (Ralph Herforth). 

Der spielt in „Über den Tod hinaus“ eine größere Rolle als sonst, weil er von seiner Vergangenheit eingeholt wird: Vor seiner Versetzung nach Schleswig war er in eine Frau verliebt, deren Aussage schließlich zur Verurteilung des mutmaßlichen Kindermörders Plessner führte. Als ihre Leiche am Strand gefunden wird, ist Hamm klar, dass sie ermordet worden sein muss, denn sie war eine ausgezeichnete Schwimmerin. Tatsächlich finden sich entsprechende Verletzungen; und Plessner (Thomas Arnold) ist nach zwölf Jahren Haft kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden. Im Zuge der Ermittlungen muss sich Jana zwangsläufig auch in den alten Fall einarbeiten. Der Mann hatte stets seine Unschuld beteuert und tut dies auch heute noch. Seine Verurteilung basierte allein auf Indizien; Hamm ist anderen Spuren damals offenbar gar nicht erst nachgegangen. 

„Über den Tod hinaus“ mit ungewöhnlichem Einstieg

Auf ihren Kern reduziert, ist die Geschichte zwar interessant, zumal die Verwicklungen immer komplexer werden, aber sicher nicht außergewöhnlich; entscheidend ist die Verpackung. Schon der Einstieg ist ungewöhnlich: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion (wenn auch ohne Nebel) gräbt Hamm den Sarg seiner früheren Geliebten aus und schleppt ihn ins Gebäude der Rechtsmedizin. Es wird kein Zufall sein, dass die Bilder an „Django“ (1966) erinnern; in seinem ersten Auftritt zog der Italo-Westernheld ebenfalls einen Sarg hinter sich her (darin war allerdings ein Maschinengewehr). 

Für den Transport hat Hamm ein entsprechendes Gefährt organisiert; einen Leichenwagen mit Blaulicht wird es in der Filmgeschichte auch noch nicht oft gegeben haben. Geschickt sind zudem die Rückblenden integriert, die sich mit ihren grobkörnigen, leicht blaustichigen und daher deutlich kühleren Bildern von der Gegenwart unterscheiden. Zunächst zeigen sie ein unbeschwertes Liebespaar; und später die ganze grausige Wahrheit. Dialog ist in diesen Szenen nicht zu hören. Das ist auch gar nicht nötig; ein triumphierender Blick – wie in den Schwarzweißaufnahmen nach dem Prozess – ist beredt genug.

„Über den Tod hinaus“ ist ein Neustart

„Unter anderen Umständen: Über den Tod hinaus“, Montag, 2.3., ZDF, 20.15 Uhr, Mediathek

André Georgi hat auch die Drehbücher für die ähnlich sehenswerten letzten drei Episoden geschrieben. Regie führte Judith Kennel; sie hat sämtliche Filme der Reihe inszeniert. Mit „Über den Tod hinaus“ sorgt das Duo für einen Neustart, und das nicht nur, weil die Krimis nun in Flensburg spielen („Im finsteren Tal*“, der letzte Film, war ein Auswärtsspiel in Bad Gastein). Georgi und Kennel haben zudem eine neue Figur eingeführt, die das Ensemble auf interessante Weise erweitert: Kommissarin Alwa Sörensen ist die Schwiegertochter von Winters Vorgesetztem (Hansjürgen Hürrig) und musste vor Kurzem einen noch tragischeren Schicksalsschlag verkraften als einst Jana Winter, die ihr nun ins Berufsleben zurück hilft. 

Der Reihe tut die Ergänzung aus zwei Gründen gut: weil es neben Wörner endlich eine zweite markante Rolle für eine Frau gibt; und weil die Schwedin Lisa Werlinder, die vor einigen Jahren bereits in einem „Tatort“ aus Kiel („Borowski und der brennende Mann*“) Axel Milberg beinahe die Show gestohlen hat, für frischen Wind sorgt. Für die überdurchschnittlich gute Gesamtqualität des Films steht auch die Musik, in die Matthias Weber geschickt und nicht ohne Grund markante Orgelklänge integriert hat.

Von Tilmann P. Gangloff

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