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Sie gilt als eines der großen Talente des deutschen Jazz: Dotschy Reinhardt, Nachfahrin des legendären Django Reinhardt, dem bekanntesten Vertreter dieser großen Musikerdynastie.

„ZDF-History: Sinti und Roma. Eine deutsche Geschichte“

Offensiv gegen dumpfe Ressentiments

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Mit einer empfehlenswerten Geschichtsdokumentation interveniert das ZDF gegen das Aufleben uralter Rassismen. Leider erst im Spätprogramm.

In den Sechzigern boten große Kaufhäuser in den Wohnabteilungen eine tief dekolletierte „Zigeunerin“ als gerahmten Öldruck an. Die Sängerin Alexandra besang 1967 einen Gitarre spielenden „Zigeunerjungen“, wobei das unerklärte und tieftraurig stimmende Verschwinden des Wagentrosses in der letzten Strophe – „wo bist du, wer kann es mir sagen?“ – vielleicht als verkappte Erinnerung gemeint war an das, was Sinti und Roma im Nationalsozialismus erlitten hatten. Ob Kitscherotik, Operette oder Schlager, das exotische „Zigeunerwesen“ übte offenbar einen gewissen Reiz aus auf die Deutschen. Und doch:

1970 eroberte die gerade fünfzehnjährige Marianne Rosenberg die Hitparaden mit „Mr. Paul McCartney“. Ihr Vater Otto Rosenberg, ein Auschwitz-Überlebender und zeitweilig im Vorstandsmitglied im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma engagiert, riet ihr dringend, ihre Sinti-Herkunft öffentlich nicht zu erwähnen.

Annette von der Heyde, Autorin der Geschichtsdokumentation „Sinti und Roma. Eine deutsche Geschichte“, hat einen Fernsehausschnitt entdeckt, in dem Rosa von Praunheim die junge Sängerin auf ihren vermeintlich jüdischen Nachnamen anspricht und wenig sensibel fragt, ob ihre Familie während der Nazi-Zeit „rassisch diskriminiert“ wurde. Marianne Rosenberg, sichtlich überrumpelt, verneint. Heute würde die Antwort sicherlich anders ausfallen.

Beleidigende Assoziationsketten

Nicht Marianne Rosenberg, sondern deren Schwester Petra Rosenberg, Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg, ist eine der Interviewpartnerinnen in von der Heydes Filmbeitrag. Er beginnt mit einem bekannten Klischee, der „Zigeunermusik“. Von der Heyde pariert es aber gleich mit dem ersten Schnitt. Die gezeigte Sängerin ist Dotschy Reinhardt, die sich nicht auf die vermeintlich typische wild-romantische „Zigeunermusik“ reduzieren lassen möchte, sondern traditionelle Sinti-Musik mit Gospel-, Bossa-Nova- und Blues-Einflüssen in Richtung modernen Jazz weiterentwickelt hat.

Dotschy Reinhardt ist auch Autorin. Sie hat die Geschichte ihrer Familie aufgeschrieben und ein Buch über „Zigeunermythen“ in der Popkultur. In die Unterhaltungsliteratur eingegangen ist Erna Lauenburger, genannt Unku. Grete Weiskopf machte sie zur Hauptfigur des unter dem Pseudonym Alex Wedding veröffentlichten, an Tatsachen angelehnten Jugendbuches „Ede und Unku“. Eines der Werke, die von den Nationalsozialisten öffentlich verbrannt wurden. Erna Lauenburger wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Gemeinsam mit Juliane von Wedemeyer schrieb Janko Lauenberger das Buch „Ede und Unku – die wahre Geschichte. Das Schicksal einer Sinti-Familie von der Weimarer Republik bis heute“. Janko Lauenberger ist lange nach der NS-Ära geboren worden. Die beleidigenden Vorurteile gegen Sinti und Roma hat er dennoch kennengelernt. Mit dem Begriff Sinto habe sein Umfeld nichts anfangen können, erzählt er vor der Kamera. Wohl aber mit dem Wort „Zigeuner“. „Und dann verfallen die in so einen Gedankenrausch, und man sieht so richtig, dass sie ihr Märchenbuch aufklappen: Zigeuner ‒ die klauen. Und die können zaubern.“

Zur Armut gezwungen

Annette von der Heyde geht zurück in der Geschichte, beschreibt die Ankunft der Sinti vor 600 Jahren. Die Roma folgten Mitte des 19. Jahrhunderts. Von Anfang an wurden die Zuwanderer diskriminiert, durften viele Berufe nicht ausüben, waren gezwungen, sich in den Nischen des Wirtschaftssystems ein Auskommen zu suchen. Sie betätigten sich als Reisende, besuchten Märkte, übernahmen die Versorgung der ländlichen, vom üblichen Warenverkehr abgeschnittenen Flecken. Woraus wiederum eine Klischeevorstellung, die des „fahrenden Volkes“, entstand. Der Historiker Dr. Frank Reuter korrigiert: Sinti und Roma waren keine Nomaden, sondern aus beruflichen Gründen unterwegs, verfügten ansonsten aber über feste Wohnsitze.

Ein anderes Gewerbe übten die Großeltern Romani Roses aus: sie betrieben ein Wanderkino und versorgten eine dankbare Diaspora mit kinematographischer Unterhaltung.

Trotz Anpassung und wirtschaftlicher und künstlerischer Teilhabe, obwohl viele Sinti und Roma im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich an die Front gezogen waren, steigerte sich die ständige Diskriminierung unter der NS-Herrschaft zur schieren Barbarei. Das Schicksal des Mittelgewichtsboxers Johann Trollmann veranschaulicht den Rassenwahn: Beim Meisterschaftskampf 1933 hatte der NS-Boxverband das Ergebnis vorherbestimmt. Ein „Zigeuner“ durfte keinesfalls deutscher Meister werden. Das Publikum protestierte gegen die Fehleinscheidung und setzte die Kür des wahren Siegers durch. Ein paar Tage später wurde Trollmann der Titel wieder entzogen. Wegen „undeutschen“ Boxens. Trollmann trat noch einmal in den Ring und ließ sich bewusst auf „deutsche“ Art verprügeln. Er wurde 1944 im KZ Neuengamme Opfer einer Gewalttat.

Neue Nahrung für Klischees

Aus publizistischen Sendungen wie dieser beziehen die Sender des öffentlich-rechtlichen Systems ihre Legitimation. Vor allem aus solchen Beiträgen, die aktuell intervenieren. Denn nicht nur sind Vorurteile gegen Sinti und Roma, die wie alle Ressentiments auf Unwissen und Desinformation basieren, weiterhin in der deutschen Gesellschaft fest verankert. Sie bekamen obendrein Nahrung durch neuerliche Zuwanderung von Sinti und Roma, denen in ihren Herkunftsländern häufig jede Lebensperspektive verbaut ist, deren Kinder nicht zur Schule dürfen, die kein Land besitzen dürfen, die keine Anstellung und keine Wohnung erhalten. Der daraus resultierende Lebensstil ist eine Folge der Zwangssituation und nicht etwa angeboren, wie es die auch von manchen deutschen Politikern vorgebrachten rassistischen Stereotypen wissen wollen. Insofern wäre wünschenswert, wenn das ZDF den Programmplatz einer solchen Sendung mit dem eines belanglosen Klatschsammelsuriums wie „Mythos Monaco“ tauschen würde. Die Freunde der Hofberichterstattung von europäischen Adelshäusern wissen diese Angebote dann schon zu finden. Und wenn nicht, geht der Menschheit nichts verloren. Informative Dokumentationen hingegen sind nötig. Und sollten dem Publikum nach bestem Vermögen nähergebracht werden.

„ZDF-History: Sinti und Roma – Eine deutsche Geschichte“, Sonntag, 28.7., 23:45 Uhr, ZDF

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