Karsten ist bei der Arbeit übel abgelenkt. Er hat Gründe.
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Karsten ist bei der Arbeit übel abgelenkt. Er hat Gründe.

Eltern in Ausnahmesituation

TV-Kritik zum ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“: Er tut, was er kann

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Der ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“ wartet mit einem großartigen Fabian Hinrichs als wirklich gestresstem Menschen und Sohn auf. Die TV-Kritik.

  • TV-Kritik zum ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“
  • Sohn verzweifelt an Eltern, sie sich das Leben nehmen wollen
  • Fabian Hinrichs glänzt als Hauptdarsteller

Der Film „Irgendwann ist auch mal gut“, in der spätabendlichen „Shooting Star“-Reihe im ZDF zu sehen, trifft halbwegs empfindliche Menschen mittleren Alters an einer schmerzhaften Stelle. Was tun, wenn die betagten – aber nicht sehr betagten – Eltern, an denen man vielleicht doch sehr hängt, ihre Pläne ohne einen schmieden? Hier geht es auch nicht darum, dass die Eltern nach Spanien auswandern möchten oder sonst etwas Utopisches aus alten Zeiten im Sinn hätten. Theodor und Marion haben vielmehr vor, sich gemeinsam das Leben zu nehmen.

ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“: Ein Sohn wird kalt erwischt

Theodor hat Parkinson, seit acht Jahren nehme er diese Tabletten und nun wolle er das nicht mehr, sagt Marion, und sie wolle das auch nicht mehr. Der Sohn Karsten wird davon kalt erwischt, ein freundlicher, anhänglicher Sohn, der zu Weihnachten Tassen schenkt, die auch ein Mensch mit schwer zu kontrollierenden Armbewegungen kaum umwerfen kann. Marion ist begeistert. So eine will ich auch, sagt sie vergnügt, und natürlich hat Karsten eine zweite Tasse zur Hand. Dann sagen ihm die Eltern, was sie an Silvester vorhaben. Silvester, das scheine ihnen ein guter Zeitpunkt. Das Haus ist schon verkauft. Als Karsten nach dem ersten Schreck und Herumgeschrei wieder hinfährt, findet gerade eine lustige Verschenkeparty statt.

Wie man leicht erkennen kann, folgen Autor Daniel Bickermann, Regisseur Christian Werner und auch die Kamerafrau Anne Bolick vertrauten Genremustern der Fernsehkomödie. Umso imposanter ist es, zu was für einem schillernden Ergebnis sie kommen und wie sie klassischen Klamauk und eine unfassbare Ausnahmesituation in eine zart schwebende Balance bekommen. Man soll nicht wissen, woran man ist, und weiß es auch nicht, zumindest für längere Zeit.

ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“: Hinrichs spielt irre subtil

So etwas wird „Tragikomödie“ genannt, aber „Irgendwann ist es auch mal gut“ entzieht sich selbst solchen Einordnungen beharrlich. Vor allem die Besetzung entzieht sich Einordnungen. Angeführt wird sie von Fabian Hinrichs als Karsten. Hinrichs, dessen Humor hinter einer gewaltigen Menge von schutzlosem, offenem Ernst bloß so gerade hervorfunkelt, ist als Karsten unschlagbar. Übrigens war einem vor Hinrichs vielleicht gar nicht klar, was für eine Schutzlosigkeit Ernst bedeuten kann. Ein Dasein ohne das Auffangnetz des Zynismus. Weil Hinrichs so tut, als sei er das Gegenteil eines Komödianten, spielt er wie nebenbei jeden TV-Witzbold an die Wand.

Karsten und Hinrichs sind zudem unheimlich fokussiert, wie man heute sagt. Karsten will mit allen Mitteln verhindern, dass sich seine Eltern umbringen. Seine Eltern sind Franziska Walser und Michael Wittenborn, was für ein kühnes, wunderbares Paar. Natürlich machen sie, was sie wollen, natürlich will der Sohn nicht, dass sie sterben. Auffallend, wie selten in der Kunstwelt der Fernsehfamilie zu sehen ist, wie es jetzt schon wieder eine Generation später alt wird, Leute von heute, er Bandoneonspieler – Peer Kleinschmidt kombiniert in der Filmmusik das Gediegene mit dem Geduldeten –, sie Apothekerin mit eigenem Laden. Dass der Sohn Bestatter geworden ist, fällt durchaus aus dem Rahmen, auch lebt er in Scheidung (nette Frau, ihre Scheidungsanwältin, gespielt von Julia Richter). Er ist der korrekte Typ, fast zwanghaft, jetzt aber stark gefordert im Improvisieren, im raschen Reagieren, während ihm alles entgleitet. Hinrichs weiß, wie man das subtil spielt. Irre subtil.

ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“: Süßliche Elemente steckt man weg

Das Drehbuch verhilft ihm außerdem zu einem Leichenwagen, der nicht minder subtil beginnt auseinanderzufallen. Auch laboriert Karsten an einem Stolpern über und Anfahren von Mülltonnen. Werner und Bolick finden die Mitte, solche platten Running Gags – der vom Leben permanent unterlaufene Wunsch nach Ordnung – auszukosten und doch dezent mitlaufen zu lassen. „Dezent“ ist vielleicht etwas untertrieben. Es ist zum Kaputtlachen. Aber der Film ist immer schon ein Stückchen weiter.

Beachten Sie auch den wohltemperierten Auftritt der Polizisten und Sanitäter sowie die für eine in einem Bestattungsinstitut angesiedelte komische Handlung zurückhaltende Darstellung des dortigen Personals.

Gibt es nicht doch süßliche Elemente? Steckt man weg.

„Irgendwann ist auch mal gut“, ZDF, 23.15 Uhr.

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