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Dr. Harvey Wiley, Arzt und Lebensmittelchemiker aus Indiana, kämpfte sein Leben lang gegen heftigen Widerstand in Industrie und Politik für gesunde Nahrungsmittel. Er gilt als Vater der amerikanischen Gesetzgebung für Arzneimittel und Lebensmittel.
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Dr. Harvey Wiley, Arzt und Lebensmittelchemiker aus Indiana, gilt als Vater der amerikanischen Gesetzgebung für Arzneimittel und Lebensmittel.

„Gift auf dem Teller“

Auf den Spuren der Panscher: Arte-Film gibt Einblicke in die Geschichte der US-Lebensmittelindustrie

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Mit „Gift auf dem Teller“ zeigt Arte einen unerwartet spannenden Dokumentarfilm über die Geschichte der US-Lebensmittelkontrolle.

Der neunzigminütige Dokumentarfilm „Gift auf dem Teller“ wurde unter dem Originaltitel „The Poison Squad“ in einer dreißig Minuten längeren Fassung für die US-amerikanische gemeinnützige WGBH Educational Foundation produziert. Ein Bildungsprogramm also, genauer: eine Geschichtsstunde. Und wie so viele Geschichtsstunden reich an Erkenntnissen für die Gegenwart.

Der Filmautor John Maggio unternimmt einen Ausflug in die Jahrzehnte rund um 1900, die Phase der zweiten Industriellen Revolution. In den USA rückt die Bevölkerung in die Städte ein, wo neue und feste Arbeitsplätze warten. Aus dieser Entwicklung ergeben sich zuvor ungekannte Herausforderungen: Die Menschen müssen mit Nahrung versorgt werden. Der Bauernmarkt reicht da nicht mehr aus – die Geburtsstunde der großen Lebensmittelkonzerne. Die konnten in diesen Jahren nach Gutdünken produzieren. Es gab keine behördlichen Bestimmungen, keine Kontrollen. Dies zu ändern, wurde für Dr. Harvey Wiley zur Lebensaufgabe.

„Gift auf dem Teller“ Film über die Geschichte der Lebensmittelindustrie folgt Lebensmittel-Ermittler

Wiley war Kriegsveteran, hatte Medizin und Chemie studiert, an verschiedenen Colleges und der Perdue University gelehrt und wurde in den Staatsdienst von Indiana berufen. 1878 unternahm er eine Studienreise nach Europa, hörte in Deutschland Vorlesungen von August Wilhelm von Hofmann und arbeitete im Kaiserlichen Gesundheitsamt neben Eugen Sell.

Die dort erworbenen Erkenntnisse und die mitgebrachten modernen Apparaturen waren ihm von Nutzen, als er nach seiner Rückkehr staatlicherseits den Auftrag erhielt, die Qualität der Honige und Sirupe zu untersuchen. Fast alle waren gepanscht, wie auch die Milch, eines seiner nächsten Untersuchungsobjekte, Bohnen, Büchsenfleisch, Kaffee. In detektivischer Kleinarbeit entdeckte er giftige Zusätze wie Formaldehyd, Natriumbenzoat, Borax, Aluminium. Dosenbohnen wurden nachgefärbt, verdorbenes Fleisch chemisch aufbereitet. In der Milch fanden die Laboranten Gips und Kreide, mit denen darüber hinweggetäuscht werden sollte, dass das Produkt mit Wasser gestreckt worden war. Einige Molkereien verwendeten püriertes Kalbshirn, um künstlichen Schaum zu erzeugen. Auch das gab es: lebende Würmer in Milchflaschen, menschliche Gliedmaßen im Dosenfleisch.

Tödliche Verbrechen in der Lebensmittelindustrie in den USA: „Gift auf dem Teller“ enthüllt Skandale

Nicht einfach nur ein vorsätzlicher Betrug der Käuferschaft, sondern ein tödliches Verbrechen. Es gab Todesfälle, vor allem unter Kindern. Harvey Wiley begann eine Kampagne gegen diese Machenschaften. Unter anderem nutzte er gezielt die Presse, um die Öffentlichkeit aufzuklären. Die Lebensmittelkonzerne, darunter Coca-Cola, dessen Getränk in der damaligen Zusammensetzung als gesundheitsgefährdend eingestuft wurde, erwiesen sich als mächtige Gegner, mit starker Lobby und politischen Kontakten bis ins Weiße Haus. Für Wiley wurde es ein langer Kampf mit vielen Rückschlägen. Er wurde behindert, öffentlich an den Pranger gestellt und diffamiert, fand aber auch Verbündete, unter anderem in der beginnenden Frauenrechtsbewegung.

Der Stoff hat alle Merkmale einer Heldenreise. David gegen Goliath, einer gegen alle. Wileys Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen sind beeindruckend, viele hätten unterwegs aufgegeben. Entsprechend spannungsreich arrangiert John Maggio, der sich an einem Sachbuch von Deborah Blum orientieren konnte, sein Material. Er montiert nachgestellte Szenen, dokumentarische Fotos und Filmausschnitte zu einer eingängigen Erzählung. Den mittlerweile hochgeehrten Harvey Wiley selbst sieht man am Schluss in einer dokumentarischen Filmaufnahme von 1929.

Lektionen aus der Geschichte: „Gift auf dem Teller“ als Dokumentation mit Gegenwartsbezug

Die Manier, historische Ereignisse szenisch nachzustellen, wird bisweilen kritisiert. Dabei gilt es zu bedenken, dass Archivmaterialien, die ja ohnehin erst seit Erfindung des Films und auch nur eingeschränkt zur Verfügung stehen, selten authentisch sind und kaum verlässliche Informationen liefern. John Maggio verwendet zeitgenössisches Filmmaterial, das aber selten in direkter Beziehung zum Sprechertext steht, sondern nur illustrierende Funktion hat. In Sachen Authentizität kein großer Unterschied also zu inszenierten Passagen. Im Gegenteil. Die können bei sorgfältiger Machart zutreffender sein als Archivbilder beispielsweise aus sensationsheischenden Wochenschauen oder interessengeleiteten Auftragsdokumentationen. Oft genug wurde bei Recherchen – und manchmal nur durch puren Zufall – festgestellt, dass vermeintliche Dokumentaraufnahmen aus alter Zeit in Wirklichkeit nachempfunden worden waren.

So weit dieser vom ZDF für Arte eingekaufte Film auch zeitlich zurückgeht, der Gegenwartsbezug liegt auf der Hand. Wenn man einer derart wichtigen Industriesparte freie Hand lässt, so zeigt die US-amerikanische Erfahrung, siegt das Gewinnstreben über die Verantwortung für die Gemeinschaft. Seit Harvey Wileys Tod im Jahr 1930 sind die Methoden zur Lebensmittelbearbeitung erheblich verfeinert worden, und die Forschung geht ständig weiter. Die Lektion aus Wileys Wirken: Den Labors der Lebensmittelindustrie müssen die zuständigen Gesundheitsbehörden auf Augenhöhe begegnen können. Anerkennen muss man aber auch, dass die öffentlich-rechtlichen Sender hierzulande in dieser Frage regelmäßig Aufklärungsarbeit leisten.

Arte zeigt den Dokumentarfilm „Gift auf dem Teller“ am Dienstag, 22.6., um 21:40 Uhr. Dem voraus geht, thematisch passend, ein ebenfalls vom ZDF beigesteuerter kritischer Beitrag über die moderne Brotproduktion. (Harald Keller)

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