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Jahrzehntelang war die Anreise nach Südtirol ungemein beschwerlich.

„Zauberberg“, Bayerisches Fernsehen

Urlaub bei Südtiroler Grantlern

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Über dem nostalgischen Blick auf vergangene Tourismusformen vernachlässigt Dokumentarfilmer Jens Meurer den Blick auf die Gegenwart.

Ob im Journalismus oder im Fernsehdokumentarismus, schon seit geraumer Zeit hat die 1. Person in berichterstattenden Darstellungsformen überhandgenommen. In Reportage- und Dokumentarfilmen zeigt sich das Phänomen beispielsweise darin, dass Themen im nahen persönlichen Umfeld oder der eigenen Familiengeschichte gesucht werden. Ein legitimes Verfahren, sofern sich anhand der privaten Begebenheiten Erkenntnisse von allgemeinem Wert erzielen lassen. Vorbildlich darin war beispielsweise der inzwischen mehrfach preisgekrönte, 2018 im Ersten ausgestrahlte Dokumentarfilm „Kulenkampffs Schuhe“.

Jens Meurers „Zauberberg“ hätte ähnlich triftig geraten können. Auch Meurer, als Autor und Produzent von abendfüllenden Dokumentarfilmen langjährig erfahren, beginnt mit einem Blick in die Kindheit, als die Familie regelmäßig Urlaub auf einem Südtiroler Berghof machte. Der Zirmerhof liegt hoch in den Bergen einsam auf einer Kuppe. Jahrzehntelang war die Anreise ungemein beschwerlich. Erst seit den 1980ern gelangt man mit dem Auto bis vor die Tür.

Ursprünglich Berg- und Waldbauern, begann die Besitzerfamilie Perwanger Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Gastbetrieb, der in der nächsten Generation weiter ausgebaut wurde. Zu den prominenten Gästen der Einsiedelei zählten der Physik-Nobelpreisträger Max Planck und der Schriftsteller Eugen Roth. Der Widerstandskämpfer Adam von Trott war ebenso hier wie der NS-Verbrecher Albert Speer. Ein augenfälliger Kontrast, der im Film erwähnt, jedoch weiter nicht erörtert wird.

Kein Pardon für Schleimscheißer

Meurer kann drei Generationen der Perwangers vorstellen, den aktuellen Betreiber Seppi, dessen Frau Sandra und den gemeinsamen kleinen Sohn Leo, ferner den Senior Sepp, der im Laufe der Dreharbeiten verstarb. Sepp Perwanger war ein kantiges Original, offenbar lieber Waldbauer denn Hotelier. Trotz seines schroffen Wesens wurde er von den Gästen verehrt. Selbst Menschen mit hoher gesellschaftlicher Stellung fühlten sich geschmeichelt, wenn der Patriarch kurz das Wort an sie richtete. Auch vor Meurers Kamera nimmt der Greis kein Blatt vor den Mund: „Die Schleimscheißer-Gastwirte, die imponieren mir überhaupt nicht“, ramentert er ins Mikrofon des Filmteams.

Den Generationenkonflikt deutet Meurer nur vorsichtig an, stellt Aussagen des Seniors und Juniors gegenüber. Immer wieder wurden an dem Gebäudekomplex Modernisierungen vorgenommen. Meurer dokumentiert aktuell den Bau und dann auch die Nutzung eines Swimming Pools. Den Neuerungen aber begegnet der Filmautor mit erklärtem Unbehagen, blickt – private Schmalfilmaufnahmen liefern das nötige Anschauungsmaterial – in der Geschichte des Hauses zurück, misst die Veränderungen am eigenen Erleben, an den Erinnerungen an unbeschwerte Tage in der Kinderzeit. Natürlich ohne Smartphone, Tablet und anderem Schnickschnack.

Von der Sommerfrische zum Servicebetrieb

Seppi Perwanger, deutlich leutseliger als sein Vater, kann angesichts dieser Sehnsüchte nur mit dem Kopf schütteln und spricht offen an, dass er mit reiner Nostalgie keine Gäste gewinnen wird. Dennoch bleibt Meurers Skepsis ein roter Faden innerhalb des neunzigminütigen Films und wird bald zu einem Störfaktor. Durch die persönliche Betroffenheit gleitet ihm der Stoff aus den Händen. Die interessantesten Aspekte werden gerade mal angerissen, viele Fragen offengelassen. Wie kann sich ein Einzelunternehmer innerhalb der Tourismusindustrie überhaupt noch durchsetzen? Wo vermag er seinem Konzept – Ruhe, Abgeschiedenheit, Zusammengehörigkeitsgefühl der Gäste – treuzubleiben? Wo beginnen die Zwänge, wo die Kompromisse?

Einige der Gäste kommen zu Wort, sind des Lobes voll. Aber was ist das eigentlich für eine Klientel, die mit dem Mercedes-Oldtimer-Kabrio in die Abgeschiedenheit der Südtiroler Berge fährt und wohl nicht wenig Geld für einen Urlaub fernab der Jet-Set-Tränken und Society-Destinationen ausgibt? Nebenbei bleibt ein Detail haften: Wenn Paare interviewt werden, spricht beinahe immer der Mann.

Das Gesinde lächelt und schweigt

Der Abgleich mit der Vergangenheit ist durchaus sinnvoll, wird aber nicht konsequent zuende gebracht. Früher blieben die Gäste zwei bis drei Monate in ihrer „Sommerfrische“, heute muss sich das Hotelierspaar auf Wochen- und sogar Wochenendgäste einstellen. Hier hätte sich Gelegenheit geboten, das veränderte Freizeit- und Konsumverhalten am konkreten Beispiel zu analysieren.

Spannend, aber wiederum unterentwickelt: Seppi Perwanger betrachtet Hof und Hotel ausdrücklich als „Heimat“. Seine Geschwister haben eine etwas andere Einstellungen und beklagen unter anderem, dass in ihren jüngeren Jahren die Gäste ihre Privatsphäre beeinträchtigten. Der Gedanke kommt auf, wie es sich in diesem Punkt mit den heutigen, nicht wenigen Saisonkräften verhält. Aber die erscheinen, mit Ausnahme des Küchenchefs, nur als Dekor.

Einige Male würde man zu gern ihre Gedanken lesen können …

„Zauberberg“, Mittwoch, 20.02.2019, 22:45 Uhr, Bayerisches Fernsehen

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