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Der neue „Wilsberg“-Krimi versammelt die üblichen Zutaten, dieses Mal jedoch mit unangenehmem Beigeschmack.

TV-Kritik

„Wilsberg – Vaterfreuden“: Schatten aus der Vergangenheit

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Der neue „Wilsberg“-Krimi versammelt die üblichen Zutaten, dieses Mal jedoch mit unangenehmem Beigeschmack.

  • Neuer „Wilsberg“-Krimi am Samstagabend im ZDF (18.04.2020)
  • „Wilsberg – Vaterfreuden“ verbindet neue Zutaten mit unangenehmem Beigeschmack
  • ZDF-Samstagskrimi im TV-Programm und der Mediathek zu sehen

Die Krimireihe um den Münsteraner Antiquar und Gelegenheitsdetektiv Georg Wilsberg, seit 1998 gespielt von Leonard Lansink, gehört im Gros nicht gerade zur Oberliga des Fernsehkrimigeschäfts. Aber diesen Status wird vermutlich auch keiner der Beteiligten beanspruchen. Autoren und Regisseure treiben stets ein munteres Spiel mit bekannten Versatzstücken, zum Ergötzen der Zuschauer, die, sogar mit steigender Tendenz, millionenfach einschalten. 

Nie fehlen darf beispielsweise als wiederkehrender Scherz die Erwähnung der Nachbarstadt Bielefeld. Das Späßchen rührte ursprünglich daher, dass der zuständige ZDF-Redakteur Martin R. Neumann aus Bielefeld stammt. Ein Schulfreund hatte ihn auf die Kriminalromane des Münsteraner Journalisten Jürgen Kehrer aufmerksam gemacht. Zum Erfolg der Reihe trägt sicherlich auch bei, dass das Publikum einbezogen wird. In jeder Folge ist irgendwo eine Holzente zu sehen, immer wieder mal tritt Jürgen Kehrer in einer kleinen Gastrolle auf. Es bereitet Freude, nach diesen „Ostereiern“ zu fahnden.

„Wilsberg“-Krimi „Vaterfreuden“ im ZDF: Und dann kam Hanna

Zu den weiteren Vorzügen zählt, zumindest manchmal, dass, wie es in den Medienwissenschaften etwas holprig formuliert wird, die Reihe ein Gedächtnis besitzt. Die aktuelle Episode „Vaterfreuden“ kann diesbezüglich als Beispiel herhalten. Georg Wilsbergs mal williger, mal unfreiwilliger Helfershelfer Ekki Talkötter (Oliver Korittke) trifft auf gleich drei ehemalige Freundinnen, die tatsächlich, gespielt von denselben Darstellerinnen, in früheren „Wilsberg“-Folgen schon mindestens einmal zu sehen waren. Die Wiederbegegnung mit Silke Sestendrup (Nadja Becker) ereignet sich schlagartig. Sie hat sich selbst in Talkötters Wohnung eingelassen und wartet dort mit Tochter Hanna (Charlotte Schliewe), um sie dem ahnungslosen Ekki als seine sechsjährige Tochter vorzustellen. 

Sestendrup möchte wieder in Vollzeit arbeiten, Talkötter möge gefälligst seinen Vaterpflichten nachkommen und das Kind hüten. Was der nach dem ersten Schock durchaus gern tut – die Vaterrolle gefällt ihm und macht mehr als wett, dass er gerade bei einer Beförderung übergangen wurde. Nach der beruflichen Schmach erwartet ihn eine weitere schlechte Nachricht: Er soll für sechs Jahre Alimente nachzahlen. Sestendrup hat sich bereits eine engagierte Anwältin genommen. Ausgerechnet Alexandra Holtkamp (Ina Paule Klink), Wilsbergs Nichte, Talkötters Freundin. Interessenskonflikte? Die gibt es nur in der Wirklichkeit …

„Wilsberg“-Samstagskrimi im ZDF: Ein Anwalt verschwindet

Notgedrungen sucht auch Talkötter rechtlichen Beistand. Aber Rechtsanwalt Rainer Rohr (Michael Rotschopf) wird kurz nach der Mandaterteilung aus seiner Kanzlei entführt. Seine Ehefrau (Maya Bothe) erhält eine Lösegeldforderung. Ein Fall für Wilsberg. Unter Verdacht gerät der feministische „Eva und ihre Töchter e. V.“, der möglicherweise einen militanten Ableger hat. Dort überraschenderweise aktiv: Tina Espenkotte (Isabell Gerschke), die Talkötter einst mit Stalker-Methoden nachstellte. Und Ekkis Vaterschaftstest wird zufällig von seiner Exfreundin Kerstin Buckebrede (Isabell Polack) bearbeitet. Wilsberg wittert eine Kabale. Talkötter wiegelt ab. Er hat seine Vaterschaft akzeptiert. 

Wie immer, sind sämtliche Hauptfiguren auf die eine oder andere Weise in den Fall involviert. Die entsprechenden Anstrengungen von Drehbuchautor Markus Benjamin Altmeyer merkt man der Handlung früh schon an. Freunde plausibler Krimis wenden sich mit Grausen, die Wilsberg-Fans werden goutieren, wie Hauptkommissarin Springer (Rita Russek), deren Nichte Merle (Janina Fautz) und Oberkommissar Overbeck (Roland Jankowsky) einmal mehr ins Geschehen verwickelt werden.

ZDF-Samstagskrimi: Overbecks überraschender Sinneswandel

Am Beispiel Overbecks zeigt sich, dass bei dieser Reihe bei Bedarf gegen die Kontinuität verstoßen werden darf. Üblicherweise ist Overbeck der Narr von Dienst, zuständig für großmäuliges Versagen und groteske Slapstick-Missgeschicke. Nun hat er sich plötzlich in einen wortreichen Feministen verwandelt, liest Simone de Beauvoir und hält Referate mit Überschriften wie „Sexualitätsdispositive in Exekutivorganen des staatlichen Gewaltmonopols“. Gerade er, der dem Gewaltmonopol doch ähnlich viel abgewinnen kann wie sein US-amerikanischer Vetter Sledge Hammer, siehe die gleichnamige Serie. Zumindest so lange, wie die Gewalt von ihm und seiner Dienstwaffe ausgeht. 

Mit ihrer die Verunglimpfung streifenden Veralberung feministischer Positionen erscheint diese Folge seltsam gestrig. Komödiantisch getönt, nährt die Handlung latent die Haltung jener wachsenden „Männerrechtsbewegung“, deren häufig im rechten Spektrum wirkende Aktivisten sich unter dem Deckmäntelchen diverser Pseudowissenschaften an der Wiederherstellung überkommender Geschlechterrollen abmühen. Es wäre die größere Herausforderung gewesen, Wilsberg und Springer mit diesen vor allem im Web tätigen, rückwärtsgewandten Eiferern zu konfrontieren. Beispiele für reale Gesetzesbrüche sind leicht zu finden.

Von Harald Keller

„Wilsberg - Vaterfreuden“ im TV-Programm und in der Mediathek

„Wilsberg: Vaterfreuden“, Samstag, 18.4.2020, 20:15 Uhr, ZDF und in der ZDF-Mediathek.

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