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Manni Höch (Heinrich Schafmeister, r.) sitzt hinter Gittern. Gut, dass er Georg Wilsberg (Leonard Lansink, l.) und Ekki Talkötter (Oliver Korittke) seine Freunde nennen kann. Die beiden haben soeben die Kaution für ihn gestellt.

„Wilsberg: Bielefeld 23“

Zu sexy für diese Welt

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Die 66. Episode der Krimireihe mit Leonard Lansink ist nicht nur wegen des Wiedersehens mit Heinrich Schafmeister ein Fest vor allem für „Wilsberg“-Fans.

Wer die alten „Wilsberg“-Folgen nicht kennt, fragt sich womöglich gelegentlich, wer denn wohl dieser Manni Höch sein mag, von dem immer wieder mal die Rede ist. Bis 2005 war der Stadtplaner für den Privatdetektiv, was heute sein Kumpel Ekki ist, also vor allem Autoverleih; „Wilsberg“ war ohne Manni und seinen roten Volvo nicht denkbar. 

Das Auto fährt er tatsächlich immer noch, wie sich in „Bielefeld 23“ zeigt. Nach 15 Episoden hat sich Manni-Darsteller Heinrich Schafmeister 2005 von der Reihe verabschiedet. Oliver Korittke hat die Rolle als bester Freund des Helden nahtlos übernommen und seither über fünfzigmal gespielt. 

Aber Manni war nicht aus der Welt, sondern bloß in Bielefeld, und dort trägt sich auch die 66. Folge zu: Der Bauamtsleiter will angeblich eine Einrichtung für Behinderte abreißen, um auf dem Gelände ein Einkaufszentrum errichten zu lassen; das titelgebende Projekt „Bielefeld 23“. Während einer Sitzung attackiert er im Drogenwahn den Hausmeister des Amtes, auf seinem Konto werden 200.000 Euro entdeckt, und es gibt ein Flugticket auf seinen Namen nach Buenos Aires. Wilsberg (Leonard Lansink) ist Mannis letzte Hoffnung, aus dem Schlamassel wieder rauszukommen. 

TV-Kritik: Film wirkt fast wie Fortsetzung zu vorletzter  „Wilsberg“-Episode

Regie führte wie schon bei der ähnlich gelungenen vorletzten „Wilsberg“-Episode „Ins Gesicht geschrieben“ (2019, Buch: Mario Sixtus) Dominic Müller. Tatsächlich wirkt der Film fast wie eine Fortsetzung, weil beide Filme in Bielefeld spielen (sie sind auch gemeinsam gedreht worden). Das Drehbuch stammt diesmal zwar von Stefan Rogall, aber der Autor hat einige Figuren wieder aufgegriffen, weshalb es erneut zum äußerst witzigen ständigen Schlagabtausch zwischen Overbeck (Roland Jankowsky) und seinem ostwestfälischen Pendant Drechshage kommt. Der von Stefan Haschke sehr trocken verkörperte Kommissar ist eine echte Bereicherung für das Ensemble. Selbst wenn nicht alle Gags funktionieren: Haschkes Dialoge sind ausnahmslos Volltreffer.

Zur Freude nicht nur der jüngeren „Wilsberg“-Fans ist auch Merle wieder mit von der Partie; die querschnittsgelähmte Patentocher von Kommissarin Springer studiert mittlerweile in Bielefeld Psychologie. Janina Fautz hat erstmals 2017 mitgespielt („Der Betreuer“, Episode 53) und für viel frischen Wind gesorgt. Dass sie seither immer wieder mal mitwirken darf, ist die vielleicht beste Idee der beiden Hauptverantwortlichen: ZDF-Redakteur Martin R. Neumann betreut die Reihe vom ersten Tag an, Produzent Anton Moho ist seit Folge zwei (1998) dabei, damals noch als Aufnahmeleiter.

ZDF-Krimi: In „Bielefeld 23“ gerät der Fall zwischendurch in den Hintergrund

Abgesehen von der verunglückten Weihnachtsfolge „Alle Jahre wieder“ (2017) waren die „Wilsberg“-Filme nach Rogalls Drehbüchern bislang stets sehenswert, selbst wenn mitunter andere Dinge wichtiger waren als die Krimiebene; „Morderney“ (2018) zum Beispiel lebte in erster Linie von dem Einfall, das Ensemble aus Münster nach Friesland zu schicken und dort auf die Protagonisten der gleichnamigen (und ebenfalls von Neumann betreuten) ZDF-Reihe treffen zu lassen. 

Auch in „Bielefeld 23“ gerät der eigentliche Fall zwischendurch in den Hintergrund; vor allem, wenn sich Drechshage und Overbeck gegenseitig aufs Korn nehmen. Trotzdem ist die Story mehr als nur ein Vorwand für witzige Dialogduelle, zumal der in seiner Behörde offenbar nicht sehr beliebte Höch von Feinden umzingelt zu sein scheint: Irgendjemand will Bielefeld 23 um jeden Preis verhindern und versorgt die Presse mit einseitig verzerrten Informationen. Die entsprechenden Berichte verfasst ein Journalist namens Walter Wallraff, ein Pseudonym, hinter dem sich eine wohlbekannte freie Mitarbeiterin verbirgt. 

TV-Kritik: „Bielefeld 23“ ist eine äußerst gelungene Mischung aus Krimi und Komödie

Wie so oft bei „Wilsberg“ sind es die vielen kleinen und gern politisch inkorrekten Details, die auch in dieser Episode den größten Spaß machen: wenn Ekki Merles Behinderung nutzt, um sich an die Behindertenbeauftragte (Mira Bartuschek) ranzumachen; oder wenn Drechshages Kollegin (Mai Duong Kieu, die aufregende Investmentbankerin aus „Bad Banks“) einen Ganoven nach allen Regeln der Kampfkunst im Stil von Emma Peel erledigt und dazu die Titelmusik des Klassikers „Mit Schirm, Charme und Melone“ erklingt.

Davon abgesehen ist „Bielefeld 23“ eine äußerst gelungene Mischung aus Krimi und Komödie; zwischendurch wird es dank geschickt eingesetzter Thriller-Effekte und einer entsprechenden Musik (Stefan Hansen) durchaus spannend. 

Etwas überflüssig sind allein die ständigen Stänkereien zwischen den eifersüchtigen Freunden Wilsbergs. Ungleich origineller sind die Schmähungen, die sich Overbeck (von Drechshage auch mal als „Unterbeck“ tituliert) gefallen lassen muss, aber natürlich treffen sie keinen Unschuldigen. Merle attestiert dem selbstverliebten Polizisten völlig zu Recht eine histrionische Persönlichkeitsstörung. Die Attribute dieses Krankheitsbildes – egozentrisches und theatralisches Verhalten, verbunden mit übersteigertem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit – klingen, als stünden sie in der „Wilsberg“-Bibel, die die Väter der Reihe in einer Handreichung für neue Autoren verfasst haben. Dazu passt auch Overbecks Klingelton: „I’m too sexy“ von Right Said Fred.

Zur Sendung

Sendetermin: 11.1.2020, ZDF, 20.15 Uhr.

Zur Sendung in der ZDF-Mediathek.

Von Tilmann P. Gangloff

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