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Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) sucht Trost bei Georg Wilsberg (Leonard Lansink).

„Wilsberg: Ins Gesicht geschrieben“, ZDF

Willkommen in Bielefeld

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Der Film mit dem Privatdetektiv aus Münster ist ein rundum gelungener und ziemlich cleverer Krimi, der seine kritische Botschaft angenehm beiläufig unterbringt.

Seit Jahr und Tag bringen die „Wilsberg“-Autoren in jedem Film einen kleinen Bielefeld-Schlenker unter. Der Gag ist eine Verbeugung vor Martin R. Neumann; der ZDF-Redakteur stammt aus der ostwestfälischen Stadt, hat die Krimireihe vor gut 25 Jahren initiiert und betreut sie seither. 2012 gab es gar eine Folge mit dem Titel „Die Bielefeld-Verschwörung“. Episode Nummer 64 spielt nun ganz und gar in Bielefeld. Für die eigentliche Geschichte ist das zwar nicht weiter wichtig, aber dafür hat Drehbuchautor Mario Sixtus das Auswärtsspiel umso plausibler eingefädelt, schließlich braucht er ja gleich mehrere Vorwände, damit alle Beteiligten ihre Heimat Münster verlassen: Privatdetektiv Wilsberg (Leonard Lansink) will in Bielefeld seinen alten Kumpel Manni besuchen, Steuerfahnder Ekki (Oliver Korittke) ist zu einer Party bei einem Kollegen eingeladen, und Anwältin Alex (Ina Paule Klink) hat die Beziehung zu einer alten Liebe aus Studienzeiten aufgefrischt. Auch Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky) findet sich ein. Er will an einer Tagung teilnehmen, auf der eine Weltneuheit vorgestellt wird: Alex’ Freund Benjamin (Jörg Pintsch) hat Face 23 entwickelt, eine App, die dank Gesichtserkennung im Nu alles zusammenträgt, was sich an digital verfügbaren Informationen über eine bestimmte Person finden lässt; inklusive schmutziger Geheimnisse. Als Benjamin ums Leben kommt, bittet Alex Wilsberg um Hilfe: Sie ist Alleinerbin und daher aus Sicht der Polizei automatisch die Hauptverdächtige.

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Sixtus hat bei seinem Regiedebüt 2016 für die ZDF eine Geschichte erzählt, die im Prinzip denselben Hintergrund hatte: In „Operation Naked“ (ein „Kleines Fernsehspiel“) geht es um eine Datenbrille, die genauso funktioniert wie Face 23. Bereits beim ersten öffentlichen Versuch wird die Existenz eines zufälligen Passanten vernichtet: Ein Internatslehrer ist auf dem Weg zu einem Schwulenclub und verliert umgehend seine Arbeit. Diese Rolle nimmt nun Ekkis Kollege ein: Elmar (Christian Näthe), ebenfalls Steuerfahnder, hat sich einst sein Studium als Pornodarsteller finanziert. Dank Face 23 weiß nun jeder Nutzer, dass er einst als „Red Horse“ einen gewissen Ruf genossen hat. Sein Chef versetzt ihn ins Archiv, die Gattin sucht umgehend das Weite; Elmar hätte also ein ausgezeichnetes Motiv, den App-Entwickler zu ermorden. Das gilt nicht minder für dessen früheren Freund Bruno Korati (Arnd Klawitter): Der hat einst ein revolutionäres Computerprogramm erfunden; Benjamin hat es ihm geklaut und ist damit in Amerika reich geworden.

„Wilsberg: Ins Gesicht geschrieben“: Ein cleveres Drehbuch

Entscheidender für die Qualität des Films als die verschiedenen Mordmotive ist jedoch die clevere Konstruktion des Drehbuchs, das immer wieder unerwartete Haken schlägt. Seinen großen Reiz bezieht der Film zudem aus den vielen originellen Einfällen, die Sixtus und Regisseur Dominic Müller in die Geschichte eingebaut haben. Beide haben eine sehr sympathische Balance aus Krimi und Komödie gefunden, zumal die komischen Momente nie von der eigentlichen Handlung ablenken. Ein großer Spaß sind beispielsweise die Dialoge zwischen Overbeck und seinem Bielefelder Pendant: Kommissar Drechshage (Stefan Haschke) ist alles andere als begeistert, als sich der eingebildete Kollege aus Münster in die Ermittlungen einmischt, und hat eine boshafte Freude daran, den „Hilfssheriff aus der Fahrradstadt“ regelmäßig bloßzustellen. Ohnehin macht wie so oft bei „Wilsberg“ nicht zuletzt die Liebe zum Detail besonders viel Spaß: Als Overbeck kurz vor den Toren Bielefelds tanken muss, unterlegt Komponist Dirk Leupolz die Szenerie samt Cowboy im Schaukelstuhl mit Western-Klängen. Kurz drauf schaukelt der Stuhl allein vor sich hin, das Auto ist geklaut, und wie zum Hohn kullert ein Steppenläufer vorbei.

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Gut gelungen ist auch die Integration der Botschaft; die ist bei einem derartigen Thema zwar unvermeidlich, wird aber nicht auf einem Transparent durch den Film getragen. Dass die Betreiber von Face 23 gegen moralische Bedenken immun und auch juristisch nicht zu greifen sind, weil die Zentrale ihren Sitz in Singapur hat, fließt eher beiläufig ein. Allerdings muss die kühle Geschäftsführerin (Mirjam Weichselbraun) büßen: Sie wird von Elmar entführt und bangt um ihr Leben. Dass sie gerade noch davon kommt, hat sie indirekt Douglas Adams zu verdanken: 42 Stunden nach Benjamins Tod werden sämtliche seiner digitalen Spuren gelöscht. Warum 42? Weil das, wie Freunde von „Per Anhalter durch die Galaxis“ wissen, die Antwort auf einfach alles ist.

Gemessen am Inhalt ist die Verpackung eher unauffällig; Müller setzt kaum bemerkenswerte Akzente. Der gelegentliche Einsatz von Zeitlupe ist ebenso überflüssig wie die Zwischenschnitte auf Lansink, der bei Dialogen regelmäßig Gesichter machen muss. Die Bildgestaltung (Ralf M. Mendle) ist allerdings von großer Sorgfalt. „Ins Gesicht geschrieben“ ist bereits Müllers neunte „Wilsberg“-Regie. Einziger Ausreißer nach unten war bislang die krampfhaft komische Weihnachtsfolge „Alle Jahre wieder“ (2017), ansonsten waren seine Filme stets sehenswert. Dass Leupolz’ Musik aufregender ist als die Bilder, galt auch schon für den ansonsten jedoch ausgezeichneten Krimi „48 Stunden“ (2015). Neben ebenfalls guten Episoden wie „90-60-90“ (2014) oder „Bauch, Beine, Po“ (2015) hat Müller auch „Morderney“ (2018) inszeniert; beim amüsanten letzten Auswärtsspiel der Reihe traf das „Wilsberg“-Ensemble auf die Protagonisten der ZDF-Reihe „Friesland“.

Zur Sendung

Sendetermin: 2.11., ZDF, 20.15 Uhr. Die Sendung in der Mediathek.

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