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In ihrem Heimatdorf wurde die Leiche eines Jugendlichen gefunden. Judith Mohn (Christina Hecke) weiß, dass sich die Ermittlungen hier nicht leicht gestalten werden.

„In Wahrheit: Still ruht der See“ (ZDF)

„In Wahrheit: Still ruht der See“: Leben am Ende der Sackgasse

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Der dritte Film der ZDF-Arte-Krimireihe „In Wahrheit“ führt Kommissarin Judith Mohn zurück in ihre graue Heimat.

Zu Beginn wird die Zuschauerschaft per Lufttransport an den Ort des Geschehens geführt. In gleitendem Flug geht es über dichte Wipfel. Die Kamerafliegerei war einst eine optische Attraktion. Mittlerweile tritt sie inflationär auf, seit Filmkameras per Drohne in die Lüfte getragen werden können. Dies geschieht längst auch im Hobbybereich, weshalb die Luftaufnahme den Charakter des Besonderen verloren hat, fast schon gewöhnlich geworden ist.

Regisseur Miguel Alexandre aber, der selbst die Kamera führte, setzt die Kein-schöner-Land-Ästhetik im nächsten Moment gleich außer Kraft. Das Waldidyll endet jäh an einer steilen Klippe. Fast eine Metapher. Ein Menetekel. Unten ein See, still zwar, aber eher beunruhigend als einladend. Ein abrupter Schnitt, ein scharfer Kontrast. Unter der Wasseroberfläche eine Hand, ein Arm – und der Kopf einer treibenden Leiche.

Ein straffer Beginn, aber nichts wird übereilt. Noch kommt nicht die Polizei ins Spiel. Eine Frau (Bernadette Heerwagen) läuft durch die Straßen einer tristen Bergarbeitersiedlung, ist verzweifelt auf der Suche nach ihrem Sohn Marlon (Yannick Eilers).

Eine vielsagende Motivwahl: Auch die nächste Sequenz führt an ein Gewässer. Hier sucht Kommissarin Judith Mohn (Christina Hecke) Entspannung, bei einem Angelausflug an der Seite ihres pensionierten Vorgängers Markus Zerner (Rudolf Kowalski). Mohn hatte sich von Zerner ein rustikales, kariertes, wärmendes Hemd geliehen, er schenkt es ihr. Interpretierbar als: sie schlüpft in seine Haut.

Ein Kind wird vermisst

Die freie Zeit hat ein Ende, Mohn wird zur Arbeit gerufen. In der ehemaligen Bergarbeitersiedlung nahe der französischen Grenze wird ein sechzehnjähriger Junge vermisst. Erst beharrt Mohn noch darauf, dass sie frei hat, macht sich dann aber doch auf den Weg. Noch ein kleines, vielsagendes Intermezzo: Zerner (Rudolf Kowalski) überlässt ihr das Auto, bleibt, buchstäblich, allein auf weiter Flur zurück. Er bezieht Posten an einer Haltestelle. Es wird dauern, bis der Bus kommt, aber Zerner ficht es nicht an. Er hat, nachdem er wegen eines unaufgeklärten Entführungsfalls – Thema des 2017 uraufgeführten Pilotfilms „Mord am Engelgraben“ – den Dienst verlassen hatte, mittlerweile seinen Seelenfrieden gefunden.

Die Brandmanns wohnen, auch das kann metaphorisch verstanden werden, am Ende einer abschüssigen Sackgasse. „Willkommen im Ghetto“, witzelt Mohns Kollege Freddy Beyer (Robin Sondermann) und fängt sich einen strafenden Blick ein. Auch ist die Kommissarin nicht sonderlich angetan, dass er eine weitere Kollegin, die jugendliche Minirockträgerin Lisa (Jeanne Goursaud) mitgenommen hat. Der scheint anfangs nur der Part der attraktiven Lückenbüßerin zugedacht, aber die Filmfigur gleich wie ihre zweiundzwanzigjährige Darstellerin wissen sich im Ensemble arrivierter Kräfte bald zu behaupten.

Kommissarin Mohn ist angespannt, zögert beim Aussteigen. Der Hinweis einer Nachbarin führt sie zum See. Kathrin Brandmann ist vor ihnen dort, hat ihren Jungen bereits gefunden. Die Polizisten können nur noch bei der Bergung behilflich sein und die verzweifelte Mutter betreuen.

Heimkehr wider Willen

Die Kriminalermittler nehmen ihre Arbeit auf. So langsam erklärt sich Judith Mohns Unbehagen. Sie ist in der Nachbarschaft aufgewachsen und einst im Zorn gegangen. Ihre Mutter (Steffi Kühnert) lebt noch immer in der heruntergekommenen Siedlung. Mutter und Tochter sind entzweit und haben seit Jahren nicht miteinander gesprochen. Auch mit ihrem Cousin Mischa (Antonio Wannek) bekommt die Kommissarin zu tun. Der präpotente Bengel ist wegen schwerer Sachbeschädigung, gefährlicher Körperverletzung und Einbruchs vorbestraft. Er verbüßt eine Bewährungsstrafe, trägt eine Fußfessel, scheint trotz allem erneut in trübe Machenschaften verwickelt. Er gehört einer Clique grausamer Kinder an, die die gefühlte Aussichtslosigkeit mit Alkohol, Sexeskapaden und krimineller Geschäftemacherei bekämpfen. Schwache werden kujoniert und geben selbst die Gewalt an noch Schwächere weiter.

Beim dritten Film der Reihe „In Wahrheit“, im Vorjahr bereits bei Arte ausgestrahlt, zeichnen, wie schon beim Pilotfilm „Mord am Engelsgraben“, Harald Göckeritz und Miguel Alexandre für das Drehbuch verantwortlich, Alexandre zudem für Bildgestaltung und Inszenierung. In diesem Fall ein glückliches Zusammenspiel. In vieldeutigen Bildern und durchdachten Szenen wird eine Siedlungsgemeinschaft erfasst, deren Angehörige den Anschluss verloren haben oder dies zumindest so empfinden. Da die Bilder schon für sich so viel erzählen, können die Dialoge knapp und ungekünstelt und damit lebensnah gestaltet werden.

Die Rückkehr der Kommissarin in die alte Heimat, sonst ein Versatzstück aus dem Krimibaukasten, fügt sich hier angemessen in das Erzählgeflecht und bekommt mehr als die übliche Bedeutung zugemessen. Judith Mohn hat den Absprung geschafft, gegen erhebliche Widerstände und auf Umwegen. Für die Mutter kein Grund zur Freude. Sie verbringt den Tag vor dem Bildschirm und guckt Glücksspielsender, die Tochter hat keinen Fernseher, arbeitet den ganzen Tag. Für die Mutter ist sie damit „etwas Besseres“. Bei ihr ist das abwertend gemeint.

Flucht in die Erschöpfung

Die Motive werden variiert und gespiegelt, die elterlichen Erziehungsfehler, das jugendliche Fehlverhalten, die Furcht, als Außenseiter abgestempelt zu werden. Rein aus der Handlung heraus erklärt sich, warum Judith Mohn zu Zerner eine Art Tochterbeziehung entwickelt. Das zeigt sich erneut am Schluss. Mohn muss zunächst hinnehmen, dass zwar dem Recht Genüge getan wird, nicht aber ihrem Gerechtigkeitsempfinden: Die Seelenlosen kommen straflos davon, die Sensiblen werden zu Opfern. Trost findet Mohn abermals bei Zerner. Er hatte mit seinen persönlichen Beziehungen zu den Ermittlungen beigetragen; im Gegenzug versprach sie ihm, ihm bei der Gartenarbeit zu helfen. Das tut sie auch, sucht Entspannung in der Erschöpfung. In der Arbeitspause probiert sie frisch gepflückte Brunnenkresse. Die Erinnerung an die Geschmackserlebnisse ihrer Kindheit söhnt ein wenig aus mit dem, was ihr als junger Frau widerfuhr. Der letzte Satz der Erzählung gehört Zerner: „Soll ich Salat machen?“

Ein Finale des sanften Mitempfindens, das nicht überdramatisiert, sondern die Stimmung hält wie den Hall eines Saiteninstruments. So gelungen wie der gesamte Fernsehfilm.

„In Wahrheit: Still ruht der See“

Sendetermin: Samstag, 4.4.2020, 20:15 Uhr, ZDF

Von Harald Keller

Die ZDF-Neo-Serie zur Corona-Krise „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ ist beeindruckend aktuell, aber etwas zu albern – die Macher sind keine Unbekannten.

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