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10. November, 9:05 Uhr: Seit 1938 gedenkt das türkische Volk jedes Jahr in der Minute seines Todes des "Vaters der Nation", Mustafa Kemal Atatürk.

„Väter der Türken“, Arte

Türkei: „Die unmögliche Nation“

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Nicolas Glimois‘ Dokumentation zur Geschichte und Gegenwart der Türkei.

Eine tausendjährige Erfolgsgeschichte mit einem unschönen, zwölf Jahre währenden Vogelschiss, meinte vor nicht langer Zeit zum Thema der deutschen Geschichte ein Politiker, dessen Name an das Akronym für „Größter Anzunehmender Unfall“ erinnert.

Der aktuelle Staatspräsident der Türkei sagte über die eigene Nation: „Es gibt in unserer Geschichte nichts, dessen wir uns schämen müssen.“

Talkshows: Maybrit Illner fragt nach dem Problem der CDU. Für einen Teil der Gäste sind es die Frauen, für andere die Nähe der Konservativen zu den Rechten.

Während sich in Deutschland mittlerweile eine andere Haltung zur eigenen Geschichte durchgesetzt hat, gehört es in der Türkei also nach wie vor zur Staatsdoktrin, den nach 1915 vom Osmanischen Reich begangenen Völkermord an den Armeniern zu leugnen. Das ist schwer zu verstehen, wie so vieles an der Türkei. Die Dokumentation „Väter der Türken“ von Nicolas Glimois will hier Abhilfe schaffen; interessant übrigens, dass der französische Originaltitel dieses Films „La nation impossible“, die unmögliche Nation, lautet, ohne eine Spur von Vätern.

Türkei: Das „Osmanische Reich“ zerfiel

Was wir heute Türkei nennen, ist nur mehr ein Rest dessen, was vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert „Osmanisches Reich“ hieß und eine europäisch-orientalische Großmacht war. Im 19. Jahrhundert verlor dieses Reich, unter anderem in Folge nationaler Befreiungskriege, fast seine gesamten europäischen Einfluss-Regionen. Im Ersten Weltkrieg schlug es sich auf die deutsch-österreichische Seite und damit die der Verlierer, was nach dem Ende des Krieges zu weiteren herben Gebiets- und Einflussverlusten führte. Unter anderem kam es zur Gründung von Staaten wie Syrien, Jordanien, Kurdistan und Armenien auf ehemals osmanischem Reichsgebiet.

Einiges davon wurde in den 1920er Jahren wieder zurückgedreht. Innenpolitisch aber änderte sich die Türkei gründlich: Unter dem Einfluss des charismatischen Mustafa Kemal, genannt Atatürk, öffnete und orientierte sich das islamisch und orientalisch geprägte Land nach Westen. Eigenartig daran ist, dass das Land dafür einen Vater brauchte und ihn auch so nannte: Atatürk.

Der zweite türkische Politiker, der im 20. Jahrhundert und danach einen ähnlich weitreichenden Einfluss auf die Türkei nahm wie Atatürk, war und ist Recep Tayyip Erdoğan. Anders als bei Mustafa Kemal, der sich gen Westen wandte, ist sein Bestreben eine Art Re-Islamisierung der Türkei und eine stärkere Hinwendung zum orientalischen Teil der eigenen Geschichte. So erscheint, aus westlicher Sicht, Atatürk als Vertreter des Fortschritts, Erdoğan dagegen als Repräsentant einer islamistischen Reaktion. Das ist nicht ganz falsch, aber beide Väter der Türkei haben mehr gemeinsam, als man es auf den ersten Blick sieht.

Türkei: Erdoğans Islamisierungs-Politik nur eine Episode

Der zweite Blick, den Glimois‘ Film unternimmt, zeichnet die Geschichte des Landes zwischen ihren beiden unterschiedlichen Vätern als eine der permanenten gesellschaftlichen Spannungen und des Unfriedens, hart am Rande eines Bürgerkriegs, als eine Sequenz von Militärputschen und schwer durchschaubaren Umwälzungen.

Erdoğans Islamisierungs-Politik erscheint in diesem Kontext nur mehr als Episode, deren Ende und Ergebnisse nicht abzusehen sind und deren Vorgeschichte ähnlich unübersichtlich und unfriedlich verlaufen ist. Wenigstens kann der unbedarfte Westeuropäer nach diesem Film für einige Zeit das Gefühl haben, die Türkei ein wenig besser zu verstehen. Warum die Türkei bei der EU um Mitgliedschaft antichambrieren soll, warum sie Mitglied des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses ist, obwohl sie nicht am Nordatlantik liegt? Schwer zu verstehen.

Zur Sendung

Nicolas Glimois, „Väter der Türken / La nation impossible, Dokumentation. Arte Dienstag, 29. Oktober 2019, 20.15 Uhr

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