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Jana Winter (Natalia Wörner) und Polizist Franz Robanegg (Cornelius Obonya) befragen den Investor Christoph Siewert (Felix Everding).

„Unter anderen Umständen – Das finstere Tal“, ZDF

Durchatmen vor dem Neuanfang

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Vor dem angekündigten Orts- und Jobwechsel macht Jana Winter mit ihrem 15. Fall noch eine kurzen und durchaus lohnenswerten Abstecher in die österreichischen Alpen.

Das deutsche Fernsehen leidet an einer Übersättigung von Krimi-Reihen. Diese lose verknüpften Spielfilme haben im Gegensatz zu Serien einige erhebliche Nachteile: Die ewige Wiederholung und Austauschbarkeit des Ermittlungs-Plots zum Beispiel. Oder dass man keinen Fernsehfilm über ein aktuelles Thema mehr drehen kann, ohne dass am Anfang eine Leiche rumliegt und am Schluss ein Schuldiger gefasst und alles wieder in Butter sein muss. Aber vor allem dies: Die Figuren bleiben auf ewig statisch. „Tatort“-Kommissare mögen in Geiselnahmen, Schießereien und stürmische Liebesaffären geraten sein – in der nächsten Folge wird von post-traumatischem Stress, Tinnitus oder der Frau meist nichtmal mehr eine Erwähnung übrig bleiben.

Jana Winter war in dieser Hinsicht schon immer eine angenehme Überraschung. Vielleicht lag es daran, dass im ersten Film die Schwangerschaft der Hauptdarstellerin Natalia Wörner eingebaut wurde und dadurch der Reihe ein gewisser Mut zu Veränderung und Wachstum quasi in die Wiege gelegt wurde. Vielleicht lag es auch an der personellen Kontinuität, dass man lange Erzählbögen besser planen konnte: Neben den langjährig treuen Autorenteams gibt es mit Judith Kennel eine nicht nur äußerst kompetente, sondern auch seit zwölf Jahren und 15 Folgen immer konstante Regisseurin. In solch sicheren Händen traut man sich dann auch mal, den Tod des Ehemanns wirklich über viele Folgen nachhallen zu lassen.

André Georgi: Unermüdlich klug

Und so kam es dann auch, dass die Hauptfigur Jana Winter in der letzten Folge eine Beförderung angeboten bekam: Sie sollte nicht nur einen größeren Einsatzbereich von Flensburg übernehmen, sondern auch ihren bisherigen, sichtlich überforderten Chef Brauner ablösen, der dafür zu ihrem Untergebenen degradiert werden sollte. Man kennt solche Kniffe aus zahlreichen Krimis: Das Angebot führt zu Spannungen im Team, die sich zusammenraufen müssen, um einen Fall zu lösen. Und am Ende ist es dann doch immer immer so, dass die Kommissarin der Versuchung widersteht, auf ihrem Platz bleibt, alle wieder Frieden finden und alles so weitergeht wie immer.

Aber eben nicht in dieser Reihe. In dieser Reihe hat Jana Winter den neuen Job kurzerhand angenommen, den Schauplatz der Reihe verlegt und die Dynamik der Hauptfigur dauerhaft verändert. Das war erstmal sehr mutig, und nun wartete man darauf, wie es nun weitergeht. „Im finsteren Tal“, geschrieben genau wie die letzten paar Einträge vom unermüdlich klugen André Georgi, geht nicht gleich ins neue Revier, sondern nimmt erstmal eine Auszeit – und steigt trotzdem gleich ganz tief in die neue Figurendynamik ein. Denn Brauner, der degradierte und labile Ex-Chef, hat erstmal alles hingeschmissen, um in den österreichischen Alpen eine heimlichen und geradezu suizidalen Alkohol-Rückfall zu haben. Dort gerät er in eine Schießerei und in einen Mordfall, den er mit seinen schweren Erinnerungslücken und zusammen mit der zu Hilfe eilenden Jana Winter irgendwie lösen muss.

Auch dieses Konstrukt hat man schonmal gesehen: Kommissar im Urlaub, eigentlich keine Zuständigkeit, aber Hilfe wird erbeten, Anlass für eine pittoreske Kulissenänderung. Aber hier zeigt sich der zweite große Vorzug dieser Reihe gegenüber vielen anderen: Die Darsteller sind nicht nur zur Veränderung fähig, man will ihnen sogar unbedingt dabei zusehen. Natalia Wörner und Ralph Herforth sind großartige Darsteller, aber hier ist es der oft kriminell unterschätzte Martin Brambach, der richtig aufspielen darf. So sehr er die letzten Jahre als zunehmend überforderter, aber irgendwie auch sympathisch-tragischer Chef brillieren durfte, so sehr geht man darin auf, dass er endlich mal aus dieser Dynamik ausbrechen und so richtig glorios abstürzen darf. Seine schmerzhaft anzusehenden Erniedrigungen im Suff; sein zutiefst beschämter, krampfhaft bemühter Versuch, gemeinsam mit Jana Winter seine eigene Erinnerungslücke aufzufrischen; und sein still durchblitzendes, beinahe schelmisches ermittlerisches Talent, das einen Ausblick darauf gibt, was diese Figur in Zukunft in ihrer neuen Position vielleicht noch zu bieten haben könnte – all das zementiert eine preiswürdige Schauspielleistung. Georgi, Kennel und Brambacher schaffen nicht weniger als eine eigentlich recht einseitige Nebenfigur ins Zentrum zu stellen und ihr plötzlich viele neue faszinierende und komplexe Facetten zu geben.

Wenn man ersten Gerüchten glaubt, soll beim kommenden Fall, dem ersten am neuen Einsatzort Flensburg, Ralph Herforth als Ermittlerkollege Hamm die gleiche Chance auf Figurenwachstum erhalten. Man schaut sehr gerne zu bei dieser untypisch guten und durchdachten Krimi-Reihe, die dank konstanter Autoren, starker Regie und mutig aufspielender Darsteller das Geheimnis gelöst hat, wie man Veränderung und damit echtes Leben in dieses Format bringt.

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