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Im Rahmen seiner Themenreihe „Winter of Forests“ bringt Arte eine Dokumentation über Waälder als Biotope und vieles mehr.

TV-Kritik

Unsere Wälder, Arte: Die Kontinentalbefeuchter

Im Rahmen seiner Themenreihe „Winter of Forests“ bringt Arte eine Dokumentation über Wälder als Biotope und vieles mehr.

Die Welt ist voller Wunder, und eines der größten Wunder ist, nein, nicht der Mensch, sondern der Wald. Er ist mindestens genauso kompliziert wie der Mensch oder der Ozean. Er verfügt über rege Kommunikation, differenzierte Wahrnehmung und ein erstaunlich entwickeltes Sozialverhalten. Und seine Wirkungen auf das Klima, in dem wir (noch) leben, ist immens. 

Trotzdem ist das, was wir über den Wald wissen, immer noch ziemlich wenig. Zumal es ja nicht nur den in der Romantik entstandenen, emotional so vielfältig besetzten deutschen Wald gibt, es gibt – um nur eine kleine Auswahl zu nennen – auch die nördlichen Regen-, Frost- und Schneewälder, es gibt die tropischen Regenwälder, es gibt unsere heimischen Wirtschaftswälder und in Flussniederungen die Auwälder, die Gebirgswälder. 

Die meisten dieser Wälder sind komplexe ökologische Zusammenhänge, die weitgehend unerforscht sind. Außer den Wirtschaftswäldern, von denen wissen immerhin, dass sie künstlich angelegt sind, als Biotope schlecht funktionieren und dass ihr Sinn für uns vor allem darin besteht, dass wir sie abholzen.

TV-Kritik: Im Wald spielt die Musik

Und die Musik spielt dazu. Jedenfalls im Film: eine sämig-süffige, vorzugsweise von einem Sinfonieorchester intonierte Hinter- und Untergrund-Musik, dass man manchmal fast Zahnschmerzen davon bekommen könnte. Das haben unsere Wälder nicht verdient. 

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der Film, den Petra Höfer und Freddie Röckenhaus dem Wunder des Waldes gewidmet haben, ist ein außergewöhnlich ergiebiger Naturfilm. Er sammelt, bündelt und strukturiert eine Fülle an Informationen über Baum-Wachstumsphasen, biochemische Abwehrstrategien gegen Insektenbefall, über die Wurzelspitzen und ihre Fähigkeiten, Informationen zu sammeln, Wälder als Biotope und vieles mehr. Zum Beispiel über die Wälder als Kontinentalbefeuchter, denn ohne sie gäbe es ab etwa 600 Kilometer Entfernung von der Küste keinen Regen mehr. 

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Die Bilderwelt, die der Film entfaltet, ist manchmal suggestiv, wenn Lichtimpulse über Pflanzen, Böden und Tiere gejagt werden, um die Präsenz und Wirkung chemischer Botenstoffe zu bebildern; manchmal ist sie auf eine überaus konventionelle und unergiebige, aber vielleicht für den einen oder anderen emotional erholsame Weise, schön; manchmal ist sie sachdienlich und reportagenhaft, wobei man vielleicht anmerken sollte, dass ein gummistiefeliger Mann mit Laptop neben einem Baumschößling vielleicht noch nicht den Gipfelpunkt des Filmreportagewesens markiert. 

Schöne Bilder, aber offene Fragen

Ein wenig nervig wird der Film manchmal, wenn er Putzigkeitsfaktoren erzeugen will, wenn er niedliche Fischotter und schnurrige Biber oder den „Baumeister Specht“ zeigt oder lustige Insekten und wenn dazu diese klischeelastige Musik eingesetzt wird. Oder wenn der Off-Text vor sich hin anthropomorphisiert. 

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Dann transportieren Bäume nicht einfach Wasser aus unterirdischen Regionen in die luftigen Wipfel, sondern sie „saugen begierig das Wasser“. Keine Ahnung, warum. Aber eine der verblüffendsten physikalischen Tatsachen bleibt zum Beispiel unterbelichtet: Wie schaffen es hohe, alte Bäume, ohne elektromechanische Pumpe Wasser aus dem Wurzelbereich in 30 Meter Höhe zu transportieren? Ist es wirklich nur der so genannte Kapillar-Effekt, der genug Druck aufbringt, um diese enorme Höhe zu überwinden? Das wüsste man doch jetzt mal gern.

von Hans-Jürgen Linke

Unsere Wälder, Arte, Samstag, 18. Januar, 20.15 Uhr. Im Netz: arte +7

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